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Die Landesbühnen Sachsen zeigen ehrgeizigen Selbstbehauptungswillen nach der Privatisierung

Die Landesbühnen Sachsen zeigen ehrgeizigen Selbstbehauptungswillen nach der Privatisierung

Als ein "Wandertheater" haben sich die Landesbühnen Sachsen stets selbst verstanden. Mobilität gehört schließlich zum Auftrag nicht allein der sächsischen Landesbühnen.

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Manuel Schöbel

Quelle: Martin Reißmann

Wie aber beim "Wandeltheater" in der Meißner Albrechtsburg die 70 Zuschauer von Büchners "Leonce und Lena" ihre Papphocker von Spiel-Raum zu Spiel-Raum schleppen, das gleicht einem Sinnbild für das neue Landesbühnenkonzept, das die Reisetätigkeit noch erheblich ausweitet. Spielzeiten kennt dieses Ganzjahreskonzept genau genommen gar nicht, und nach einem Dreivierteljahr in der neuen privaten Rechtsform lohnt sich schon die Erkundigung nach den bisherigen Erfahrungen. Dabei wird schnell klar, dass das Haus unter den komplizierteren Bedingungen versucht, sich mit allen erdenklichen Formaten und an allen erdenklichen Orten unentbehrlich zu machen. Um bei "Leonce und Lena" zu bleiben: Sommertheater gab es in Meißen auf dem Burghof schon früher, aber die Albrechtsburg selber ist nur eine von mehreren Burgen und Schlössern in Sachsen, die man sich mit der Reihe "Theater im feudalen Raum" neu erschlossen hat. Und diese Reihe ist wiederum nicht die einzige Neuerung.

Die Belastungen sind für alle hoch

Mit der Verabschiedung des Doppelhaushaltes 2011/12 wurde auch eine Privatisierung der Landesbühnen Sachsen beschlossen. Die Regierungsfraktionen von CDU und FDP setzten damit eine seit mehr als einem Jahrzehnt im Finanzministerium gärende Absicht um. Am 1. August 2012 wurde zugleich das Landesbühnen-Orchester ausgegliedert und bei mittelfristigem Stellenabbau mit der Neuen Elbland Philharmonie vereinigt. Deren Leistungen kauft die Landesbühne nunmehr für das Musiktheater ein. Seine Sparziele erreicht der Freistaat Sachsen vorläufig aber nur bedingt. Er ist alleiniger Gesellschafter der neuen Theater-GmbH und schießt pro Spielzeit 10,15 Millionen Euro zu, etwas weniger als bisher. "Schadlos" hält sich das Land an den Kulturräumen, von deren Landeszuschuss 3,2 Millionen Euro abgezweigt wurden. Dafür sollen die Landesbühnen nun intensiver im ganzen Land reisen und vor allem weiße Flecken in Kulturräumen bespielen, die über kein eigenes Theater verfügen.

Mit dem 52-jährigen Manuel Schöbel kam sowohl ein erfahrener Theatermann als auch ein Durchreißer als Intendant an die Landesbühnen. Einen Namen hat er sich früh als Autor im Kinder- und Jugendtheater gemacht, war zuletzt fünf Jahre Intendant in Freiberg-Döbeln. Im Ensemble gilt er als Workaholic, gelegentlich als autoritär, aber auch als ein Chef, mit dem man reden kann. Nicht lamentieren, anpacken, so wirkt er nach außen. Für die Aufgabe einer Neu-Etablierung der mit einem Kompromiss vor den Finanzpolitikern geretteten Landesbühnen wahrscheinlich der richtige Typ.

Schöbel gibt aber auch ein Tempo vor, bei dem manchem die Luft ausgeht. "Der Künstler in seiner Zeit" sei das Motto dieser ersten Spielzeit mit dem "neuen Gesicht", erklärt der Intendant. Es könnte ebenso lauten "Der Künstler in Zeitnot", denn die Belastungen sind für alle hoch. Der Chor vielleicht ausgenommen, weil die Zahl der großen Musiktheateraufführungen zumindest gefühlt zurückgegangen ist. "Theater ist ein Geben und Nehmen", sagt der Schauspieler Tom Hantzschel übrigens in Gegenwart seines Intendanten und betont hörbar das erstere. Irgendwann wird man auch einmal fragen müssen, was man außer dem Applaus des Publikums noch zurückbekomme. Ansonsten aber findet Hantzschel die GmbH-Rechtsform sogar gut, weil Überschüsse am Haus verbleiben könnten. Die angestrebte Einnahmequote konnte bislang leicht übertroffen werden. Und tariflich hat das Ensemble auch nichts eingebüßt. Knapp zwei Monate nach der Privatisierung ist doch noch ein Personalüberleitungsvertrag mit dem Freistaat geschlossen worden.

Dem Betriebsübergang hatten allerdings neun Orchestermusiker, zwei Chorsänger und fünf Beschäftigte aus dem technischen und Verwaltungspersonal widersprochen. Den Musikern und Chorsängern wurde mangels anderer Einsatzmöglichkeiten in freistaatlichen Einrichtungen gekündigt. Die fünf Angestellten aus dem nichtkünstlerischen Bereich werden in anderen Dienststellen eingesetzt und verbleiben ebenso wie acht Landesbühnen-Mitglieder in der Ruhephase der Altersteilzeit beim Freistaat.

"Die negative Erwartungshaltung brechen!" verkündet Manuel Schöbel seine ehrgeizige Devise und will "Volkstheater für alle Schichten und Spielorte". Das Publikum dürfe von den Turbulenzen nichts bemerken. Der Spielplan ist so bunt wie nie zuvor und bietet in den drei Sparten beeindruckende 24 Premieren. An neue Spielorte wie Böhlen oder Schloss Hubertusburg wird man sich schnell gewöhnen. Auch Kirchen zeigten Interesse. Die Stadttheaterfunktion am Stammsitz soll nicht leiden, zumal Radebeul jetzt jährlich 400 000 Euro beisteuert. Der Intendant berichtet von einer wohlwollenden Begegnung mit dem Kulturausschuss des Stadtrates. Auffälligste Neuerung ist das von Klaus-Peter Fischer geleitete "Junge Studio", adressiert an den jugendlichen Theaternachwuchs. Für die etwas jüngeren ab acht Jahren sei der interkulturelle Monolog "Lillys Bus" inzwischen ein Selbstläufer, berichtet Schöbel. Nicht zufrieden ist er bislang noch mit der "zähen Resonanz" auf Angebote an den Schulen. Im Mai beginnt wie gewohnt die Saison auf der Felsenbühne Rathen, die bei den Landesbühnen verbleibt.

Der Trend geht jedoch hin zu kleinen, mobilen Formaten. Bis dahin, dass in der kommenden Spielzeit sogar Mozarts "Entführung aus dem Serail" als Kammeroper geplant ist. 120 Musiktheatervorstellungen sind zwischen Theater-GmbH und der fusionierten Elbland Philharmonie Sachsen vereinbart. Das schlaucht und hat seinen Preis. Insbesondere bei den Musikern mit ihrer Doppelbelastung von Konzert- und Musiktheaterbetrieb sorgt man sich um Qualität. "Eine einzige Durchlaufprobe vor Wiederaufnahmen und das mit den Opern-unerfahrenen Kollegen aus Riesa", seufzen bisherige Landesbühnen-Musiker. Besetzungen wechseln manchmal noch häufiger als die Dienstpläne. Warum man bei dieser Belastung über den Kulturraum hinaus noch in Zittau Konzerte geben muss, versteht auch nicht jeder. Die kleinen Formate mit ihren kammermusikalischen Besetzungen bedeuten künstlerisch nun gerade nicht ermäßigte Ansprüche. Im Gegenteil, solistische Besetzungen offenbaren Stärken und Schwächen gnadenlos.

Knappe Probenzeiten und improvisierte Probenpläne

Auch beim technischen Personal hört man von knappen Probenzeiten und improvisierten Probenplänen. Dafür ist die Ausrüstung modernisiert worden, beispielsweise bei Beleuchtung und Videotechnik. Probleme einer Bewährungsspielzeit eben und Folge des ehrgeizigen Anspruchs, "364 Tage im Jahr zu spielen", wie Manuel Schöbel postuliert. Für ihn ist das Glas eher halb voll als halb leer und schon gar kein Becher, nach dem man tauchen muss. Und ein Trost bleibt angesichts der Pläne, die für die Landesbühnen schon kursierten, immer: "Es hätte schlimmer kommen können!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.04.2013

Michael Bartsch

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