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Die Kunstbibliothek des Dresdner Residenzschlosses zeigt Diplomarbeiten von Kunsttherapeuten

Die Kunstbibliothek des Dresdner Residenzschlosses zeigt Diplomarbeiten von Kunsttherapeuten

Wer in diesen Tagen die Kunstbibliothek im Dresdner Schloss aufsucht, bringt unter Umständen mehr Zeit mit als sonst. "Wir selbst sind der Ort unserer Bilder", lockt eine kleine, aber feine, ja eine besondere Ausstellung.

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Anne Sevenich. Mein Meise möchte malen!

Quelle: Repro

In den Räumen der Bibliothek hängen Plakate, gewiss - auch ihretwegen ist man gekommen. Sie sind vielschichtig, oftmals poetisch, manchmal geheimnisvoll oder schelmisch. Diese Plakate sind alles andere als plakativ, manche Botschaft muss man sich erst selbst entschlüsseln. Bilder wie "Meine Meise möchte malen", oder "Eine Expedition ins Reich innerer Bilder" oder auch das "Kreuzworträtsel" vermitteln auf gelungene Weise das Selbstverständnis der angehenden Kunsttherapeuten, allesamt Absolventen des Aufbaustudiengangs "KunstTherapie" der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.

So eröffnen sich nachhaltige Einblicke in ein durch Kunst und Wissenschaft geprägtes Berufsfeld. Viel spannender aber und wirklich verdienstvoll ist die Kooperation der Kunstakademie mit der wissenschaftlichen Spezialbibliothek der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Fokus dieser Ausstellung ist nicht auf die Plakate gelegt, sie sind sozusagen schmückendes Beiwerk. Das Hauptaugenmerk liegt auf den erstmals öffentlich einsehbaren Diplomarbeiten der Absolventen, zwanzig an der Zahl.

Wer will, kann sich also vertiefen in die Diplomarbeit von Maria Gille. Sie schreibt über die "haltenden Strukturen" in der Kunsttherapie. Ihr fiel beim Betrachten von Patientenbildern auf, dass das, was sie für selbstverständlich hielt, sehr oft nicht dargestellt wurde: der Boden. Doch fehlte da wirklich etwas oder hatte das nur etwas mit ihr zu tun? Vom Boden im Bild kam sie in ihren Überlegungen zum Boden im übertragenen Sinne, als "das, was mich trägt im Leben". Sie nimmt an, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Darstellung eines Bodens im Bild und dem inneren Halt, über den ein Mensch verfügt. Doch wie entsteht ein innerer Halt, und welche Rolle spielt die gute erste Bindung im Leben eines Menschen? Maria Gille kam zu der Annahme, dass das, was sie künstlerisch zeigt, auch in ihr, als Bild vorhanden ist. Daraus schlussfolgerte sie: Bilder, die keine Andeutung eines Bodens zeigen und in denen dadurch etwas zu fehlen scheint, strahlen Haltlosigkeit aus. Im Laufe ihrer Arbeit aber stellte sie fest, dass das nicht immer zwingend der Fall sein muss. Es kann sein, dass es zwar keine Bodenlinie im Bild eines Patienten gibt, dennoch aber Strukturen, die haltgebend wirken können. Das Schwebende, das um den Boden weiß. Das Gegensätzliche also kann sich im Bild verbinden.

Es lohnt auch, sich mit der Arbeit von Inka Ehlers auseinanderzusetzen. Sie widmet sich dem Thema "Bildwelten, in denen wir zu Hause sind". Mit Bildwelten meint sie diejenigen Bilder, die wir vor unserem geistigen Auge sehen können, die mittels unseres Vorstellungsvermögen entstehen und die eine Welt in uns bilden, die parallel zur wahrnehmbaren Außenwelt existiert. Sie interessiert sich für das Vorstellungsvermögen: Wie arbeitet es, wann entstehen Vorstellungen, und vor allen Dingen was passiert, wenn sie mittels Stift, Pinsel und Farbe zu Papier gebracht werden? Dafür erschließt sie die Bildwelten von C. G. Jung, forscht mit ihrer Hilfe nach den Traum- und Phantasiebildern in sich selbst.

Franziska Güttler denkt über die Sprache des Inneren nach. Die innere Welt des Individuums spricht in Gesten, in körperlichen Impulsen, in mimischen Bewegungen, Bewegungen des ganzen Körpers, im Ausdruck der Stimme sowie in Gedanken und Assoziationen. Wie aber mag eine Sprache beschaffen sein, um bei diesem Gestaltwerdungsprozess Zeuge oder Geburtshelferin zu sein? Wie wird sie gleichzeitig selbst zur Ausdrucksform? Gibt es einen Filter, eine Passage oder Membran, wo sich Impulse zu Gestalten verdichten?

Diese Diplomarbeiten seien stellvertretend für alle anderen erwähnt. Man muss kein Kunsttherapeut sein, um die Gedankengänge zu verstehen. Mit dieser Präsentation werden einer breiten Öffentlichkeit Informationen über Methode und Inhalt der Kunsttherapie geliefert, einschließlich aktuelle, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ihren Problemstellungen. Statistiken belegen die deutliche Zunahme an psychischen Erkrankungen, gleichzeitig gewinnt die Kunsttherapie an Bedeutung. Der Studiengang verbindet die Disziplinen der Bildenden Kunst mit therapeutischen Verfahren, indem Patienten mit Hilfe von gestalterischen Tätigkeiten Lösungsvorschläge bei der Bewältigung von Problemen aufgezeigt werden.

Der Aufbaustudiengang "KunstTherapie" bietet seit 1996 freien wie angewandten Künstlern die Möglichkeit, ihre eigene künstlerische Erfahrung in den therapeutischen Prozess einzubringen. Kunsttherapie ist noch eine relative junge Disziplin. Lange jedoch bevor es sie gab, haben sich bildende Künstler mit ihren inneren Bildern und ihrem Bezug zur Wirklichkeit auseinandergesetzt. Die bekanntesten unter ihnen sind: Francisco de Goya, Edvard Munch oder Frida Kahlo. Und so ist Usus, dass der Studiengang in Dresden nur bereits ausgebildete Künstler aufnimmt, er vermittelt keine Maltechniken, sondern notwendige therapeutische Methoden.

Mit dieser Ausstellung wird auch die Leistung dieses kleinsten Studiengangs an der Kunstakademie gewürdigt. Er ist nach wie vor personell unterbesetzt, außer einer Professur und einer Mitarbeiterstelle wird diese Ausbildung nur von Honorarkräften gestemmt. Jahr für Jahr aber steigen die Bewerberzahlen. Die Studenten werden hier mit sehr hohem fachlichem Niveau unterrichtet. Das spiegelt sich im späteren Berufsleben wider. Mit dem Stempel der Dresdner Kunsthochschule punkten die Absolventen bundesweit in den Kliniken.

Der Besucher der Kunstbibliothek kann verstehen, warum die Qualität der Dresdner Ausbildung so geschätzt wird. "Wir selbst sind der Ort unserer Bilder" - diese Ausstellung ist ein spannender Exkurs. Der lebendige Perspektivwechsel zwischen Wissenschaft und Kunst ist wirklich aufregend. Unter einer Voraussetzung: Man muss sich Zeit mitbringen.

Kunstbibliothek, Residenzschloss, noch bis 31. Januar. Mo-Fr 10-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.01.2013

Adina Rieckmann

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