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Die Künstlerin Jenny Fine aus Columbus/Ohio ist mit ihrer "Flat Granny" in Dresden angekommen

Die Künstlerin Jenny Fine aus Columbus/Ohio ist mit ihrer "Flat Granny" in Dresden angekommen

Was sich Jenny Fine am meisten von ihrem Aufenthalt hier erhofft hat, waren Distanz - und Zeit. Zeit für ein ambitioniertes Projekt, das die junge Künstlerin aus Ohio in den drei Monaten, in denen sie zu Gast in Dresden ist, realisier hat, beim Austauschprogramm zwischen den Partnerstädten Columbus und Dresden, gefördert vom Greater Columbus Arts Council (GCAC) und vom Freistaat Sachsen.

Um nach Dresden eingeladen zu werden, musste sich Jenny Fine mit ihrer Idee der Jury des GCAC stellen. Ein Bezug zu Austausch-Stadt und -Land ist wünschenswert, aber keine Pflicht. Die Fotografin, Filmemacherin und Performancekünstlerin macht ihn zum Bestandteil des Projekts "A willful suspension of disbelief" (etwa: Eine bewusste Aufhebung des Zweifels). Die Grundlage ihrer Arbeit findet sich dabei in ihrer Beziehung zur Großmutter, einer exzentrischen, dennoch sehr traditionellen Frau, die als ehemalige Lehrerin ihren Enkelkindern Benimmregeln beibrachte. Zehn Jahre war "Gran" Teil der Fotoarbeiten, in oft surrealer, theatralischer Manier, dann erkrankte sie schwer und starb wenig später. In Anlehnung an die viktorianischen post-mortem-Bilder und die Vorstellung, dass die Fotografie auch einen Stück der Seele bannt, überlegte Jenny Fine, wie die Großmutter über dieses Medium wieder in ihr Leben (und Werk) integriert werden könnte. Und stieß auf die "flat daddies", lebensgroße Fotografien (vom Oberkörper an), die Soldatenfamilien kostenlos von der US Army angeboten bekamen, um die Anwesenheit des geliebten Mannes und Vaters während dessen Auslandsaufenthalt zumindest zu suggerieren. So schuf Fine zunächst eine "Flat Granny".

Zwei Geschichten verknüpfen die "Flat Granny" mit Dresden, die ebenso tragisch wie beunruhigend sind. Einmal ist da die beinahe schon legendenhaft verklärte Geschichte eines nach Amerika ausgewanderten Dresdners, der angeblich ein Nachfahre der Gräfin Cosel war. In Florida soll er sich als Arzt in eine seiner todkranken Patientinnen verliebt haben, bedingt durch einen Traum, in dem die Gräfin ihm genau diese Frau als zukünftige Partnerin beschrieben hatte. Nach ihrem Tod bemächtigte er sich der Leiche und lebt mit ihr längere Zeit zusammen, bis er von der Polizei gestoppt wurde. Die zweite Geschichte betrifft die Großmutter selbst: Sie hatte ihren Ehemann während des zweiten Weltkriegs geheiratet und ihn vier Monate später schon wieder verloren. Grund war nicht etwa eine Kampfhandlung, sondern die Produktion von fehlerhaften Bomben. Sie wurde daraufhin "bomb inspector" und ließ zwei Fabriken wegen defekten Materialien schließen - just als englische und amerikanische Bomber Dresden zerstörten.

Die Künstlerin beweist mit der Inspiration durch Schauergeschichten einmal den wohl ererbten großmütterlichen Hang zur Exzentrik, zum anderen aber das Bedürfnis nach guten Erzählungen. Genau solche möchte sie mit "Flat Granny" dem Dresdner Publikum präsentieren. Was anfangs als Film geplant war, soll sich nun in "A willful suspension of disbelief" in eine Live-Performance verwandeln. Da der Prototyp ihrem Vater daheim Trost spendet, entwickelte sie eine neue Figur - variabel, um interagieren zu können. Nicht so sehr die Generierung neuer Erinnerungen mit dem geliebten Menschen steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Anregung der Fantasie. So, wie es die Oma bei ihren Enkeln getan hatte. In Dresden selbst sind der Künstlerin übrigens Dinge ins Auge gefallen, die ihre surreale Idee nur noch unterstützen: der "Monströsensaal" in Moritzburg beispielsweise, die "flat daddies" im Militärhistorischen Museum, ein Zirkus, der hier seine Zelte aufschlug: alles ein wenig morbid, exhibitionistisch gar, aber im Projekt der amerikanischen Künstlerin eventuell ganz inhärent logisch und zweifelsfrei zusammengehörig.

Performance von Jenny Klein am Sonntag ab 19 Uhr im Kunstraum geh8

www.geh8.de

jennyfine.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2012

Cornelia Posselt

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