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Die Kraft des Ensembles: Verdis "Don Carlo" überzeugt an den Landesbühnen

Musiktheater mit Hochspannung Die Kraft des Ensembles: Verdis "Don Carlo" überzeugt an den Landesbühnen

Es ist ein Kreuz mit der Macht. Es ist ein noch größeres Kreuz, wenn Macht und Menschlichkeit mit tragischen, tödlichen Folgen unversöhnlich aufeinander treffen. So ist es in Friedrich Schillers dramatischem Gedicht "Don Carlos, Infant von Spanien".

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Christian Salvatore Malchow in der Titelpartie des Don Carlo, Stephanie Krone als Elisabetta di Valois.

Quelle: Hagen König

Radebeul. Es ist ein Kreuz mit der Macht. Es ist ein noch größeres Kreuz, wenn Macht und Menschlichkeit mit tragischen, tödlichen Folgen unversöhnlich aufeinander treffen. So ist es in Friedrich Schillers dramatischem Gedicht "Don Carlos, Infant von Spanien", so ist es in Giuseppe Verdis Oper nach Schillers Drama, für deren Inszenierung der italienischen Fassung in vier Akten an den Landesbühnen Stefan Wiel einen vom Kreuz als Zeichen menschenverachtenden Machtmissbrauchs geprägten Raum geschaffen hat.

Dieser Einheitsraum, Gruft und Grabstätte zu Beginn und am Ende, ist bei minimalen Veränderungen, unterstützt von Daniel Rentzschs Projektionen, Kabinett oder Kerker des Königs, ein Garten, ein nächtlicher Park oder Plateau zur Aussicht auf die öffentliche Verbrennungen der Ketzer im so bombastischen wie erschütternden Bild des Autodafés. Gerade hier gelingt im Zusammenspiel der Inszenierung von Michael Heinicke und der Bildkraft des Ausstatters ein Höhepunkt schauerlichster Optik, wenn die Riege der Mächtigen - und da ist letztlich keiner ausgenommen - an der Kreuzestafel sitzt, die Herren die Becher heben, die Damen am Dessert naschen, dieweil aus Gründen der Staats- und Religionsraison Menschen in Massen sterben müssen.

Der Regisseur hat nicht den Anspruch, Verdis Oper neu zu erfinden. Er folgt der musikalischen Dynamik und belässt es dabei, wenn der Gesang des Stillstandes bedarf. Mitunter vermittelt Verdis Melodik gerade in genial gesetzten Ensembles weite Felder der Assoziationen. So dürfte es auch nicht schwer sein, anhand dieser Inszenierung im historischen grundierten Kolorit genau jene Menschen zu erkennen, deren Verstrickungen in privaten und politischen Zusammenhängen sie schlimmstenfalls zu Unmenschen werden lassen, zu Opfern und Tätern, scheinbar unaufhaltsam auf ihren Wegen durch die Geschichte.

Dabei, und da folgt Michael Heinicke Verdis Sicht auf die Vorlage Schillers, sind sie dennoch nicht zu verbannen, jene Aufstände der Anständigen. Im Drama, in der Oper und in der Inszenierung, personifiziert in der eigentlichen Hauptperson, der Schlüsselfigur, Marquis von Posa, Rodrigo, Freund des Don Carlo, vor allem aber kosmopolitischer Visionär, dabei nicht frei von Einsichten in die Realität politischer Gegebenheiten, die es anzuerkennen gilt, will man sie außer Kraft setzten.

Dieser Mann ist kein Phantast, das durch ihn verkörperte Wechselspiel von Idee und Geschichte ist das Hauptthema des Dramas. Daran werden alle weiteren Personen gemessen, zu ihm müssen sie sich verhalten, das kann so weit gehen, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als diesen menschgewordenen Widerspruch zur scheinbar gottgewollten Unmenschlichkeit zu beseitigen.

Für Verdi der Anlass, dem Sänger dieser eigentlichen Hauptpartie ein weites Spektrum gesanglicher Möglichkeiten zu komponieren. Für Paul Gukhoe Song in der Partie des Rodrigo eine Chance, die beglückenden Möglichkeiten seiner so jugendlichen wie kraftvollen, wenn nötig schwärmerischen, lyrischen Facetten seiner Baritonstimme zum Klingen zu bringen.

In der Partie des Königs von Spanien, Philippo II, beeindruckt der Bassist Hagen Erkrath insbesondere durch den Zusammenklang von Darstellung und Gesang. Er gibt seiner tragischen Einsamkeit verführerische Töne, er hat in seiner großen Szene zu Beginn des dritten Aktes, "Ella giammai m'amo", zum wunderbar gespielten Solo des Cellisten Norbert Schröder, genau diese Töne des gebrochenen Herzens, und er hat in seinem Handeln nicht den Mut, auf sie zu hören.

Für die Partie der Prinzessin Eboli wurde Wiebke Damboldt als Gast verpflichtet, sonst war es möglich, alle der so anspruchsvollen Partien aus dem eigenen Ensemble zu besetzten. Sie ist die Intrigantin, die Frau, die doppeltes Spiel treibt, mit dem König eine Liaison hat, die Königin verleugnet und in Don Carlo verliebt ist. Dass diese Frau auf einem Auge blind ist und eine Augenklappe trägt, ist dann aber doch mehr als nur eine historische Assoziation.

Stephanie Krone als Elisabetta di Valois, einst mit Carlos verlobt, aus Gründen der Staatsraison mit seinem Vater verheiratet, ist nicht nur in ihrer Erscheinung die weibliche Lichtgestalt in dieser Gruft des Machterhalts um jeden Preis. Sie hat auch den tragischen, hellen Ton des zu frühen Abschieds und so wird ihre Arie "Tu che le vanità" im vierten Akt kraft ihres jugendlich-dramatischen Soprans zu einem der Höhepunkte der Aufführung.

In der Titelpartie muss der Tenor Christian Salvatore Malchow nach historischer Überlieferung hinken, auch ist er nicht frei von psychopathischen Anwandlungen, seine Versuche, Elisabetta zurückzugewinnen, sind nicht frei von Brutalität und es bleibt fraglich, ob dieser Mann wirklich der Retter Flanderns sein könnte.

Gesanglich kann sich Malchow bestens über die nicht so ganz nachvollziehbaren Anforderungen der Regie hinweg begeben, mit Verve und Schmelz, mit Übermut und Zartheit im Schlussduett mit Elisabetta macht der Sänger vor allem musikalisch diesen Zwiespalt seines Charakters glaubhaft.

Michael König, zu Beginn als geheimnisvoller Mönch mit sonorer Tiefe am Grabmal Karls V., hat seine großen Auftritte auch als Großinquisitor. Da kann er der Tiefe seiner Bassstimme die hässlichen Farben der Unerbittlichkeit geben, dazu ist er blind und auf einen Stock gestützt als Kreuzspinne im Zentrum der Mächte eine absurde Erscheinung.

Eine gute Entscheidung, die Sopranistin Miriam Sabba nicht als Pagen Tebaldo in Hosen zu stecken, als elegant gekleidete Hofdame macht sie nicht nur eine tolle Figur, sie lässt auch im Bild des Autodafés als Stimme vom Himmel diese hell aus jenen Höhen erklingen.

In diesem Bild ist auch der Chor gefordert, verstärkt durch die Mitglieder des freien Opernchores ChoruSo, in der Einstudierung von Sebastian Fischer und Elke Linder, aufgestellt links und rechts im Zuschauerraum, wird diese Szene zum beeindruckenden Raumklangerlebnis. Mitglieder des Chores sind die Deputierten aus Flandern, immer ein Gänsehauteffekt deren Auftritt, hoffnungsvoll als Mitglied des Chores Jongsu Woo als Graf Lerma.

Jan Michael Horstmann am Pult der Elbland Philharmonie Sachsen bereitet des sichere Fundament dieses am Ende glücklich bejubelten Abends. Ob zu Beginn die dunklen, Unheil verheißenden Takte der Bläser, ob es das giftige Schmettern bei der Verbrennung der Ketzer ist, der Übermut im hymnischen Freundschaftsduett oder die Sensibilität des Klanges beim Tod Posas, der Wechsel von Verzweiflung und verzweifeltem Aufschwung im Vorspiel zur Arie Elisabettas - es mangelt für keinen Moment an dramaturgisch begründeter Dynamik des Klanges. So fügt sich diese Aufführung am Ende zu einem Triumph für die Kraft eines Ensembles, das bereit ist, zunächst gesetzte Grenzen - ganz im Sinne dieser dramatischen und musikalischen Hommage an die Freiheit - immer wieder zu durchbrechen.

nächste Aufführungen: 24.1., 25.3., 24.4. www.landesbuehnen-sachsen.de

von Boris Gruhl

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