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Die Komponistenklasse Dresden präsentiert ihr erstes Musiktheater "Traum der Frisöse"

Die Komponistenklasse Dresden präsentiert ihr erstes Musiktheater "Traum der Frisöse"

Der Friseur ist als Intimus der Mächtigen eigentlich ein prädestinierter Zeitzeuge - wieso hat Guido Knopp noch nichts darüber gemacht? Wer wissen will, was für Staatsgeheimnisse beim Haareschneiden ausgeplappert werden, kann in Woody Allens Satire "Die Schmidt-Memoiren" nachlesen oder den nicht minder brillanten "Traum der Frisöse" besuchen.

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Gesanglich erstklassig: Marie Hänsel und Cornelius Uhle.

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. Der Friseur ist als Intimus der Mächtigen eigentlich ein prädestinierter Zeitzeuge - wieso hat Guido Knopp noch nichts darüber gemacht? Wer wissen will, was für Staatsgeheimnisse beim Haareschneiden ausgeplappert werden, kann in Woody Allens Satire "Die Schmidt-Memoiren" nachlesen oder den nicht minder brillanten "Traum der Frisöse" besuchen, mit dem die von Silke Fraikin geleitete Komponistenklasse Dresden in Kooperation mit der Serkowitzer Volksoper sowie dem Heinrich Schütz Musikfest am Sonnabend im Konzertsaal der Dresdner Hochschule für Musik auftrumpfte. Anders als bei ihren bisherigen Jahreskonzerten präsentierte die aus jungen Komponisten im Alter zwischen 10 und 20 bestehende Klasse dabei erstmals ein gemeinsam verfasstes, abendfüllendes Stück, zu dem sie durch einen Besuch bei den Alten Meistern angeregt wurde - Gillis van Coninxloos "Landschaft mit dem Urteil des Midas" (1588) wurde zum Ausgangspunkt für einen komödiantischen Thriller über Wahrheit, Whistleblowing und desaströse Haarschnitte. Wolf-Dieter Gööck oblag nicht nur die Inszenierung, sondern er steuerte auch das pointierte Textbuch bei und bewies als Erzähler der Rahmenhandlung Selbstironie - "Der Traum der Frisöse" ist eigentlich die Biographie von Gööcks Glatze, die der einstige "Jüngling mit lockigem Haar" seiner nervösen Frisöse verdankt. Diese hat sich zu sehr in die Mythologie des König Midas vertieft, die ihr teils surreale, teils politisch brisante (Alp-)Träume beschert, was zulasten der Kundschaft geht - Gööck stattet dem Salon mehrere Besuche ab, bis sein Schopf eher einem Acker gleicht, "auf dem ein betrunkener Mähdrescherfahrer seine Bahnen gezogen hat", und nur noch Kahlschlag hilft.

Die einzelnen Traumepisoden bieten trotz der stringenten Dramaturgie reichlich Raum für die individuellen Handschriften der jungen Komponisten, die das von Milko Kersten geleitete, fünfköpfige Ensemble der Volksoper am Instrumentarium sowie als Chor forderten. Auf Vinzent Zschuppes Ouvertüre folgt Tom Stopfords fantasievoll gesetzter Wettstreit zwischen Pan und Apoll, an dessen Ende Midas für seinen unbedachten Schiedsspruch mit Eselsohren gestraft wird (musikalisch umgesetzt von Carl Fantana).

Die weiteren Episoden verraten sowohl musikalischen Witz (der Einflüsse wie Jazz und Volkslied verrät) als auch überbordenden Einfallsreichtum auf der Ebene von Text, Spiel und Ausstattung (für die Gööck gemeinsam mit Ulrike Bartsch gesorgt hat): hörens- und sehenswert, wie Johannes Conrad in seiner "Goldwurst"-Episode Midas' zweiten mythologischen Fehltritt (die alles in Gold verwandelnde Berührung) illustriert.

Die Gesangssolisten Marie Hänsel und Cornelius Uhle füllen ihre Parts hervorragend aus und beleben so unterschiedliche Rollen wie Frisöse, König, Diener, Laubblätter, Erdklumpen und Blitz, ohne dass ihr nuancierter Spielwitz jemals die politische Dimension des Stoffs verdrängt. Nachdem in Cornelius Ackers Episode Midas' peinliches Geheimnis von einem übereifrigen Friseur entdeckt wird, der sich nur mit vorgeschobener Ignoranz zu retten weiß ("Ich weiß nichts, mein Herr!"), hilft auch das Verbuddeln seines Wissens nichts: Mara Wiegleb lässt einen Blitz ins Erdreich einschlagen, und bald wird die Wahrheit in alle vier Winde verteilt. Involvieren Helene Scharfe und Hannah Katterfeld in ihren Segmenten das Publikum selbst, um die Gerüchte um Midas' Ohren per stiller Post im Saal und später in zig Sprachen durch eine Reisegruppe in der Welt zu verbreiten, adaptiert Ole Jana die Mär von der gesprächigen Frisöse als Allegorie auf den Fall Edward Snowden, dem von der Presse sensationelle Geständnisse entlockt werden. Ob diese dem König gefährlich werden können? Jan Arvid Prées stimmiges Finale legt jedenfalls eine eher dystopische Lösung nahe, wenn im Chor als Resümee nur noch Duckmäusertum geliefert wird: "Wer weder hört, noch sieht, noch spricht, / erfüllt die höchste Bürgerpflicht." Richard Kolms "Eimer-Arie" liefert dazu noch das sinnbildliche Lamento: Der Friseur will sich des Geheimnisses in einen antiken Mülleimer entledigen - doch wem ist bitteschön geholfen, wenn die Wahrheit im Eimer ist?

Minutenlanger, begeisterter Applaus fürs Ensemble und die jungen Komponisten.

weitere Aufführungen: 15.11. (Weltecho Chemnitz), 6.3.16 (Jagdschloss Graupa)www.komponistenklasse.de

von Wieland Schwanebeck

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