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Die Hölle in uns: eine Annäherung an den Kriegsfotografen James Nachtwey, der den Dresdner Friedenspreis bekommt

Die Hölle in uns: eine Annäherung an den Kriegsfotografen James Nachtwey, der den Dresdner Friedenspreis bekommt

James Nachtwey war spät am Vorabend von Frankreich nach Hause zurückgekehrt, nach New York, in sein Apartment im South Street Sea Port.

Ein sonniger Septembertag.

Müde, sicher auch mit Jetlag in den Gliedern, legte er sich in seinem Loft in der Nähe der Brooklyn Bridge schlafen. Nichts deutete darauf hin, dass der nächste Tag für ihn, der das Leid schon aus allen Blickwinkeln gesehen hatte, zum schlimmsten seines Lebens werden sollte. Fast unmittelbar vor seiner Haustür. Der nächste Tag trug das Datum 11. September 2001.

Nachtwey erinnert sich in einem Gespräch mit dem Reporter Peter Howe an jene Vormittagsstunden. Wie er ein ungewöhnliches Geräusch hört, zum Fenster geht und aus einem Turm des World Trade Center schon Rauch aufsteigen sieht. Wie er sich die Kamera und 28 Filme greift (ein analoger Mann), einem Kollegen unterwegs noch einen Film abgibt, hin eilt zu dem Doppelbauwerk, in dessen Türmen sich gerade das Unvorstellbare abspielt. Während seines kurzen Fußmarsches wird auch der zweite Turm von einem Flugzeug getroffen. Als der Südturm als erster in sich zusammenfällt, drückt Nachtwey auf den Auslöser. Umrahmt von Gebäuden, auch dem brennenden Nordturm, jagt eine grau-weiß-braune Wolke in rasender Geschwindigkeit der Erde zu. In den Bildvordergrund schiebt sich das rostige Kreuz des alten Kirchendachs von Saint Peter. Gegen den blauen Himmel stechen die Konturen der Häuser und die pulverisierte Masse des Südturms umso klarer hervor. Eine bizarre Szenerie.

Apokalypse vor der Haustür

Als sich Nachtwey durch den Staub kämpft, hin zur Stelle der Zerstörung, um dort Aufnahmen zu machen, fällt kurz darauf der zweite Turm. Die Gefahr ist unmittelbar. Nachtwey rettet seine in unzähligen Krisensituationen geschulte Geistesgegenwart: Er rennt in die Lobby des nahen Millennium-Hotels und erkennt sofort, dass auch dieser Ort nicht sicher genug ist. Also hechtet er in einen Fahrstuhl und drückt sich gegen die Kabinenwand, um dem heranstürmenden Stauborkan standzuhalten. Dann stürzt der Himmel ein. Alles wird nachtschwarz. Als das kakophonische Inferno vorüber und einer harten Stille gewichen ist, stellt Nachtwey fest: Ich lebe. Und dass die Hotellobby faktisch nicht mehr existiert. Er kriecht ins Freie, in eine vom Staub durchwölkte Trümmerwüste. Zerstörte Autos blinken, als wollten sie vor dem eben Geschehenen warnen. Die Apokalypse im Süden Manhattans.

Nachtwey hatte in New York an jenem Tag dasselbe getan in den Jahren zuvor in Ruanda, Somalia, Tschetschenien, Bosnien oder Zaire: als Reporter fotografiert. Die Krise, den Krieg, die Hölle, das Unsagbare, für das es Bilder braucht. Nachtwey weiß, dass man nicht Dante Alighieri zur Hand nehmen muss, um in die Höllenkreise einzutauchen. Dass der Fotograf sein 1999 erschienenes Opus Magnum aber "Inferno" - Hölle - betitelt und ihm auch noch ein Dante-Zitat voranstellt, zeigt andererseits, wie bewusst sich Nachtwey dessen ist, was er da ablichtet.

Die ersten in dem Band gezeigten Bilder dokumentieren Nachtweys Reportage über behinderte Kinder in Waisenhäusern, aufgenommen 1990 in Rumänien. Eins dieser Fotos war mein erster bewusster Kontakt mit einem Nachtwey-Bild: ein Kind, den Mund zum Schrei geöffnet, hockend in einem Gitterbett. Der Blick dieses Kindes dringt mit welterschütternder Wucht ins Mark. Es ist kein Kriegsfoto im herkömmlichen Sinn. Der Krieg, den Nachtwey zeigt, ist nicht nur die militärische Auseinandersetzung selbst; der Krieg sind ebenso die Folgen, die er zeitigt. Mehr noch: Nachtwey dokumentiert die Abwesenheit des Humanen, an zahllosen Schauplätzen.

Ein knappes Jahrzehnt früher machte Nachtwey zum ersten Mal auf sich aufmerksam, mit seinen Aufnahmen vom Nordirland-Konflikt. Seither ist er unterwegs, drei Jahrzehnte lang als Augenzeuge einer von Menschen gemachten Hölle. Heute wird er auf eine Stufe gestellt mit den beiden wohl berühmtesten Kriegsfotografen: Robert Capa und David Seymour, den Mitgründern der legendären Fotoagentur Magnum. Capa und Seymour bezahlten die Unmittelbarkeit ihrer Arbeit mit dem Leben. Capa starb 1954 beim ersten Indochina-Krieg, Seymour zwei Jahre später während der Suez-Krise in Ägypten.

Nachtwey hatte mehr Glück. Auch er trug Verletzungen davon, am schlimmsten wohl die im Dezember 2003 im Irak. Der damals 55-Jährige begleitete mit seinem Time-Kollegen Michael Weisskopf eine US-Patrouille, als eine Granate in das Fahrzeug geworfen wurde. Weisskopf reagierte und warf den Sprengkörper wieder nach draußen, doch der explodierte früh und riss Weisskopf die Hand ab. Auch der Fotoreporter wurde durch Splitter schwer verletzt - aber er überlebte.

Nachtwey, der nach einem Studium der Kunstgeschichte und Politikwissenschaft 1976 beim Albuquerque Journal im New Mexico als Zeitungsfotograf anheuerte, kam vier Jahre später nach New York. Der heute 63-Jährige ist ständig auf Achse, immer noch, immer wieder. Doch er hält nicht einfach irgendwo seine Kamera ins Geschehen. Nachtwey reflektiert vielmehr über seine Arbeit und fragt, ob es ethisch ist, leidende Kreaturen in Momenten unfassbaren Elends zu zeigen. Seine Antwort: Ja, ist es. Solange andere Menschen beim Betrachten seiner Fotos reagieren und die Dinge nicht unkommentiert hinnehmen, die da zu sehen sind, besteht für ihn noch Hoffnung. Das ist sein Antrieb. Im Nachwort zu "Inferno" spricht er von einer "kollektiven Verantwortung", von der seine Arbeit nur ein Teil sei.

Suche nach Wahrhaftigkeit

Seine Hoffnung drückte Nachtwey in einem knappen Text von 1985 aus, kurz bevor er Mitglied von Magnum wurde. "Könnte ein jeder Mensch auch nur ein einziges Mal mit eigenen Augen sehen, was Phosphor aus dem Gesicht eines Kindes macht oder wie ein verirrter Granatsplitter dem Nebenmann das Bein abreißt, dann müssten endlich alle einsehen, dass kein Konflikt dieser Welt es rechtfertigt, einem Menschen so etwas anzutun, geschweige denn Millionen Menschen." So schrieb er damals. Man könnte es als Pathos abtun. Man könnte aber auch den Hut ziehen vor einem Mann, dem dieses Credo offenbar dabei geholfen hat, in all den Jahren als Kriegsberichterstatter nicht zum Zyniker zu werden oder den Verstand zu verlieren. Vielleicht ist das angesichts des oft Unbeschreibbaren, das ihm vor das Objektiv kam, sein größter Sieg.

Beim Fotografieren muss sich Nachtwey in eine Art Tunnel, eine Arbeitstrance versetzen. Dieser Zustand lässt ihn sein Werk verrichten. Über das Verarbeiten solcher Eindrücke aber spricht Nachtwey fast nie, zumindest nicht öffentlich. In Christian Freis Oscar-nominiertem Dokumentarfilm "War Photographer", der Nachtwey porträtiert, erzählt Denis O'Neill über seinen besten Freund: "Er konnte nie ein normales Leben führen. Eine Familie, ein Zuhause, so etwas hat er nie gehabt. Er hat alles seiner Arbeit geopfert." Vielleicht verhinderte auch das Unaussprechliche, das seiner Arbeit innewohnt, dass Nachtwey je den sicheren Anker einer eigenen Familie warf. Dass andererseits auch das Abenteuer eine Rolle für ihn spielt, ist in Russell Millers Geschichte der Fotoagentur Magnum nachzulesen. Und doch sucht Nachtwey nicht den Kick um seiner selbst willen. Er sucht Wahrhaftigkeit. Ein großes Wort? Ich nehme es nicht zurück.

Wer ist nun dieser Mann mit den markanten Gesichtszügen? Er ist ein Journalist im besten Sinn. Ihm ist das Bild wichtig, nicht der Fotograf. Ein passendes Indiz dafür liefert auch der Einband seines Buches: "Inferno" prangt dunkelrot der Titel, darunter der Namenszug, schwarz versenkt im schwarzen Cover. Es ist tatsächlich ein Zeichen. Nachtwey tritt hinter seine Arbeit zurück, trotz der unzähligen Meriten, die er sich verdient hat. Eine Attitüde, von der einige seiner Journalistenkollegen lernen können, vor allem in den USA.

"In den Situationen, deren Zeuge ich wurde, gab es kein Eingreifen einer höheren Macht. Wir haben nur uns selbst." Ein weiterer Satz Nachtweys. Ob ihm die Worte auch an jenem Septembertag in New York durch den Kopf gingen? Möglich. Seine Reaktion jedenfalls war klar: der Griff zur Kamera. Es ist seine Spiegelung der Vorgänge um ihn, und vielleicht ist es seine einzige Sicherheit.

Nun, am 11. Februar, erhält Nachtwey in der Semperoper den Dresden-Preis, einen Friedenspreis. Weil seine Bilder nichts aussparen und notwendig sind, solange sich der Mensch als inhumanes Wesen zeigt. Der hier und da geäußerte Vorwurf, Nachtwey würde den Horror ästhetisieren, geht am Kern seiner Arbeit vorbei. Das sollte auch die Ausstellung zeigen, die am selben Tag im Militärhistorischen Museum eröffnet wird. Die Welt als Ganzes hat sich im Lauf der Jahrzehnte, in denen die Kriegsfotografie ihre Entwicklung nahm, immer stärker ästhetisiert. Für Nachtweys Fotos aber gilt: Sie zeigen die Gewalt, den Tod. Damit uns beides im Gedächtnis bleibt. Es ist eine Aufgabe, um deren Schwere ich ihn nicht beneide.

geboren 1948 in Syracuse, New York

1966 bis 1970: Studium der Kunstgeschichte und Politikwissenschaft am Dartmouth College

1976: Nachtwey heuert beim Albuquerque Journal im New Mexico als Zeitungsfotograf an

ab 1980 arbeitet er als freier Fotograf in New York City

die erste Fotoreportage Nachtweys entstand 1981 in Nordirland, wo er die Unruhen in Belfast dokumentierte

seit 1984 steht Nachtwey unter Vertrag beim Time Magazine; zwischen 1980 und 1985 kooperierte er mit der New Yorker Agentur Black Star

zwischen 1986 und 2001: Mitglied der Fotoagentur Magnum; seit 2001 arbeitete er für die Agentur VII, zu deren Gründungsmitgliedern er gehört und die er 2011 wieder verließ

DNN Verlosen

Die DNN verlosen für die Verleihung des Friedenspreises an James Nachtwey am 11. Februar um 11 Uhr in der Semperoper

15 Mal zwei Freikarten. Wer gewinnen möchte, ruft am

Freitag zwischen

14.30 und 14.45 Uhr unter der Nummer

01805/ 21 81 00 (0,14 Euro/Minute aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 Euro/Minute) an. Mitarbeiter des Verlags sowie deren Angehörige sind von der Verlosung ausgeschlossen. Für alle, denen das Verlosungsglück nicht hold ist, gibt es in der Schinkelwache Karten für 5 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.02.2012

Torsten Klaus

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