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Die Heldensind los! Saisonstart in der Dresdner St.Pauli Ruine

Die Heldensind los! Saisonstart in der Dresdner St.Pauli Ruine

Es gibt Frauen, die sind begehrenswert und dennoch zum Fürchten. Es gibt Frauen, die sind Kampfmaschinen beziehungsweise Karrierefrauen, aber dennoch von ganz eigenem Zauber, auch wenn der Charme eher einem Eau de Cologne aus Stahlfässern gleicht.

So eine Frau ist Brünhild, Königin auf Island, als Demokratie noch ein Fremdwort war. Wer um sie warb, musste sich in einem Dreikampf messen - Speerwurf, Steinwurf und Weitsprung. Nun mögen Ironman-Teilnehmer höhnisch wie müde grinsen, aber wer auch nur in einer dieser Disziplinen unterlag, wurde ohne viel Federlesens abgemurkst. Womöglich wäre Brünhild, die eher Brustpanzer als das "kleine Schwarze" trug, als "jungfräuliche Königin" in die Geschichtsbücher eingegangen, wenn Siegfried nicht aufgetaucht wäre.

Laut Ankündigung "absolut todernst und vor allem absolut musikalisch" inszeniert nun das Ensemble der Theaterruine St. Pauli als erste Premiere in der neuen Spielzeit Manfred O. Tauchens "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut". Bis in den Oktober werden an der seit drei Jahren überdachten Spielstätte im Hechtviertel knapp 100 Theateraufführungen und über 30 Konzerte (darunter vier Gastspiele von verschiedenen Chören) "heldenhaft und sommerlich" in Szene gesetzt, wie versprochen. Wer sich jetzt am Spielzeitmotto "Sommer für Helden" stört, moniert, dass Helden doch lediglich aus jenem Holz geschnitzt seien, aus dem man auch Särge mache, oder seinen Fontane im Kopf hat ("Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage"), dem sei versichert, dass die Akteure von der Theaterruine St. Pauli den Begriff "Held" weit fassen, ihn regelrecht hinterfragen. Dieser "Sommer für Helden" begibt sich auf Spurensuche weit abseits der Klischees, wie versichert wird.

Es mag durchaus um Ruhm und Ehre gehen, aber gern im Verbund mit Humor und Ironie. Aber wie auch immer. In "Siegfried ..." wird dem Zuschauer alles präsentiert, was der schon "Wagners Ring" inspirierende Stoff zu bieten hat: von Drachenblut und Lindenblatt, von schwächlichen Königen und kernigen Walkürenschlampen bis zur Götterdämmerung. Premiere ist am 8. Mai.

In dieser deutschesten aller Seifenopern um Liebe, Treue und Verrat des österreichischen Sängers, Schauspielers und Komponisten Manfred O. Tauchen wird viel gesungen. Das Etikett "Musical" wäre also durchaus angebracht, aber man spricht bei dieser überdrehten Persiflage auf den bekanntesten deutschen Heldenmythos von "Germanical".

Das Stück, in dem Göttervater Wotan schon mal schäkernd meint, "Wollen wir gemeinsam ein neues Geschlecht zeugen? Ich verspreche Ihnen ein göttliches Erlebnis", werde wenig gespielt, räumt Jörg Berger, der künstlerische Leiter der Bühne ein. Aber wer nicht wagt... Er schätze jedenfalls den Humor von Tauchen, der zusammen mit Wolfgang Ambros Mitte der 1970er Jahre mit "Der Watzmann ruft" ein Werk schuf, das Kultstatus genießt. "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut" mag in der Vergangenheit angesiedelt sein, biete aber aktuelle Bezüge. Da strebe etwa ein Zwergenvolk die Weltherrschaft an, würden Deutschtümelei, kleinbürgerliches Denken, Versuche, sich abzugrenzen und andere auszugrenzen, satirisch auf Korn genommen. Fest 20 Leute werden auf der Bühne stehen. Die Kostüme schuf Laura Brandt. Sie steckt die Zwerge in gelbe Kittel, hat den Burgundern ein rotes Outfit verpasst und lässt die Götter ganz in Weiß daherkommen. Und Hagen, diese finstere Seele? Er trägt eine Kluft, die schwarz wie die Nacht ist. Wichtig ist die Musik. Es wird rockig, entsprechend werden alle tragenden Stimmen nicht ohne Mikro gesungen.

Nachdem bereits am vergangenen Freitag die Ukrainians mit Balkanpop einheizten und damit die Spielzeit offiziell eröffneten, ist am Donnerstag der Publikumsrenner der vorletzten Saison zu sehen, Molières Komödie "Der Arzt wider Willen". Am kommenden Freitag und Sonnabend hebt sich der Vorhang für "Die schöne Helena", ein Schauspiel von Peter Hacks mit Musik von Jacques Offenbach. Es musste umzugsbedingt ein bisschen umbesetzt werden, Paris sei jetzt eine Frau, wie Berger verrät. Zweite Premiere in der Saison ist dann eine Adaption der Komödie "Das Kaffeehaus" von Carlo Goldoni.

In der vergangenen Spielzeit konnte man sich in der St. Pauli-Ruine, die exakt 246 Leuten Platz bietet (mehr dürfen offiziell nicht rein) über um die 11 000 Besucher freuen. Die Betriebskosten liegen bei etwa 45 000 Euro. Dass das Kulturamt zugesagt hat, 40 Prozent davon zu übernehmen, ist eine große Hilfe. Für die Akteure fällt nicht viel ab, Selbstausbeutung ist außer Elan durchaus mit im Spiel", räumt Intendant Berger ein.

8. Mai, 20 Uhr: Premiere von "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.04.2015

Christian Ruf

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