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Die Görlitzer Opernpremiere "Kleider machen Leute" war ein Erfolg

Die Görlitzer Opernpremiere "Kleider machen Leute" war ein Erfolg

Nichts hat er in den Taschen seines feinen, schicken Mantels, keinen Pfennig, nur einen Fingerhut, der Schneider Wenzel Strapinski aus Seldwyla, als er plötzlich ohne Arbeit an der Straße nach Goldach steht.

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Schneider und Geselle: Jan Nowotny (r.) und Tommaso Randazzo.

Quelle: Pawel Sosnowski

Und wie im Märchen, nur keine Fee mit drei Wünschen, kommt die vornehme Kutsche, hält an und der Schneider steigt ein. Per Anhalter, würden wir heute sagen, geht's ab. So beginnt die berühmte Novelle "Kleider machen Leute" von Gottfried Keller, seiner so intelligenten wie sensiblen Parabel auf die gnadenlose Arbeitsteilung, in der die Armen Kleider machen, die die Reichen zu Leuten machen.

Es ist die Geschichte eben jenes armen Schneiderleins, das ob seines Mantels für einen Grafen aus Polen gehalten wird und dem das folgende Leben im falschen Kleid keine Chance mehr bietet, aus- oder wenigstens umzusteigen. Dass er die gräflichen Annehmlichkeiten auch genießt, ist menschlich, noch menschlicher ist, dass er sich verliebt in Nettchen, die Bürgerstochter. Da hat er einen Neider, der lässt den schuldlos Schuldigen überführen, hat aber dabei nicht berechnet, dass auch unterm teuersten Kleid ein ehrliches Herz schlagen kann. Dem Nettchen nämlich ist es egal, ob der Wenzel ein echter Graf ist oder nicht, sie will ihn, wie er ist, und so bekommt sie ihn.

In Görlitz gibt's das Ganze jetzt mit Musik. Alexander von Zemlinskys musikalische Komödie in einem Vorspiel und zwei Akten nach Kellers Novelle mit dem Libretto von Leo Feld wird hier nach fast 85 Jahren wieder gespielt. Damals war das 1922 in überarbeiteter Fassung am Prager Deutschen Theater uraufgeführte Werk auf vielen Bühnen erfolgreich. Der Philosoph Theodor W. Adorno schwärmt von der Zartheit und der Anmut der Musik. Aber Zemlinsky, ab 1931 Kapellmeister an der Berliner Kroll-Oper und Lehrer an der Musikhochschule, hatte als Jude ab 1933 in Deutschland Arbeitsverbot, er ging nach Wien, floh von dort 1938 nach New York, wo er 1942 starb. Einer der vielen fast vergessenen Künstler.

Die Görlitzer Aufführung ist eine musikalische Entdeckung. Da sind die klangvollen Walzermotive der bürgerlichen Behaglichkeit, im Gegensatz der herzhafte Volkston, liedhafte Innigkeit und immer wieder reizvoll instrumentierte Passagen spätromantischer Melodik, gemischt mit Motiven der frechen Tanzrevuen aus den goldenen Zwanzigern. Und es ist eine Freude zu erleben, wie die Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie unter der Leitung von Ulrich Kern dieses liebenswürdige Werk zum Klingen bringen, bei dem man manchmal meint, Humperdincks Märchenmusik in der Adaption von Richard Strauss zu vernehmen.

In der Ausstattung von ÄNN hat Klaus Arauner die Handlung auf so gut wie leerer Bühne mit vielen Momenten heiterer Ironie inszeniert. Feinsinnig sind Nettchen und Wenzel charakterisiert. Die trüben Typen saturierter Bürgerlichkeit dürfen stärker aufdrehen. Die Damen und Herren des Chores, die vielen kleinen Solistenpartien agieren in choreografierter Genauigkeit in diesem unterhaltsamen Bilderbogen aus viel Schein und blauem Dunst. Und wieder ist die Tanzcompany dabei mit den verblüffenden Kreationen von Dan Pelleg und Marko E. Weigert. Da wird beispielsweise aus der Fahrt des Schneiders mit der Kutsche der Traum einer Weltreise. Die Tänzerinnen und Tänzer in goldenen Gewändern mit goldenen Koffern bauen das Gefährt, das sich im nächsten Augenblick in ein schwankendes Schiff verwandelt, in ein Automobil gar, oder als Gondel in Venedig auf dem Canale Grande unter der Seufzerbrücke hindurch fährt - und weiter geht's in exotische Gefilde.

So verschwimmen beim Schneider Wenzel Strapinski die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Umso schmerzvoller durchschaut er die Gefahr seiner Situation in hellwachen Momenten. Zumal ja auch einer da ist, der den ehrlichen Schwindler aus purer Not und großer Liebe durchschaut: sein Rivale Melchior Böhni. Den spielt und singt Tim Stolte so wunderbar verbohrt auf verlorenem Posten - und muss beschämt aufgeben, denn Recht mag er haben, Nettchen aber will den Wenzel, für sie zählt der Mann unterm Mantel. Audrey Larose Zicat gibt dieser aufsässigen Bürgerstocher kräftige Züge und vor allem viele schöne Töne, beherzt oder lyrisch. Besonders gut gelingt die liedhafte Szene "Leh'n deine Wang an meine Wang", mit dem Text von Heinrich Heine.

Jan Novotny als Wenzel Strapiski, "der Märtyrer seines Mantels war und Hunger litt", so Gottfried Keller, wird vom Premierenpublikum gefeiert. Darstellerisch gelingt es ihm, die Brüche seiner Figur zu spielen, beständig in Angst zu sein, den Fluchtplan zu denken, nicht aus der falschen Haut fahren zu können und dennoch eine ehrliche bleiben zu können. Gesanglich macht er das so maß- wie klangvoll, im lyrischen Volkston, etwa im Lied "Schneiderlein, was machst denn du" oder auch im energisch anklagenden Gestus, wenn er sich verteidigen muss. Die Anforderungen der Partie, die schon mal an die Helden bei Richard Strauss denken lässt, besteht er mit Bravour.

Jetzt müssten zehn weitere Namen genannt werden, die den Abend in mindestens 15 weiteren Partien zum Erfolg machen. Stellvertretend soll es der Tänzer Niko von Harlekin sein, der mit augenzwinkerndem Humor als Münchner Modezar Rudolf Moshammer Wenzels Meister gibt, eben jenen, der es meisterhaft verstand, Kleider und Leute zu machen. Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 30.11.; 2. & 15.12.; 7.4. & 3.5.2013

www-g-h-t.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2012

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