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Die Galerien Himmel und Holger John würdigen den Maler Siegfried Klotz

Die Galerien Himmel und Holger John würdigen den Maler Siegfried Klotz

Ausdrücklich war der zehnte Todestag des Malers Siegfried Klotz Anlass für Anja Himmel und Holger John, die Namensgeber zweier Galerien in der Dresdner Inneren Neustadt, sich zu einem Ausstellungsprojekt am Ausgang des Jahres 2014 zu verbünden.

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Siegfried Klotz, Akt mit Puppe, Öl auf Leinwand, 2002.

Quelle: Repro: Galerie Holger John

Dabei lag doch eigentlich auch vom Datum her der 75. Geburtstag (8. August) näher, um solch einen lebensbejahenden Künstler zu ehren. Als am 2. Februar 2004 sein Herz so plötzlich und für alle unerwartet den Dienst versagte, hatte dies so kurz vor der anstehenden Emeritierung freilich eine böse Ironie des Schicksals: Wer konnte sich Klotz als Künstler ohne die "Höhle" des Ateliers auf der Brühlschen Terrasse vorstellen? Die Erinnerung an den Verlust überwiegt rechtens in einer Situation, in der eine angemessene Retrospektive nicht möglich ist. Müsste sie sich doch messen an der des Jahres 1989, als zu Klotz' 50. Geburtstag in der Galerie Rähnitzgasse, also ganz nahe am aktuellen Schauplatz, 54 Gemälde (darunter zahlreiche aus öffentlichem Besitz) und 61 Zeichnungen ausgestellt waren. In der heutigen Auswahl (insgesamt 17 Gemälde, 37 Zeichnungen) befinden sich ganz überwiegend Arbeiten, die erst danach entstanden sind, aber die Ausnahmen sprechen eindrücklich von der Kontinuität des Werks.

Die Legendenbildung um den eigenbrötlerischen Maler, der seine Herkunft aus dem Vogtland nie verleugnete, war schon vor zehn, ja selbst vor 25 Jahren weit fortgeschritten, und die heutige Distanz lässt die Konturen von Künstlerbiografie und Werk noch abstrakter, vielleicht etwas zu reduziert erscheinen. Insofern war es doppelt wohltuend, zur Eröffnung in der Galerie Himmel eine so gar nicht kunsttheoretisch interpretierende, sondern auf wacher Beobachtung und reicher praktischer Erfahrung beruhende, menschlich einfühlsame Würdigung des Menschen, des Freundes und Kollegen, des originellen, des suchenden und oft auch zweifelnden Künstlers zu hören. Niemand wäre wohl dazu besser in der Lage gewesen als die Zeichnerin und Klotz' langjährige Weggefährtin Elke Hopfe. Sie hatten sich - noch ein Jubiläum - 1964 bei einem Pleinair für Laienkünstler kennengelernt und anschließend (Klotz zum wiederholten Mal, nun aber endlich erfolgreich) an der Hochschule für Bildende Künste zum Studium beworben, von 1988 bis zuletzt leiteten sie gemeinsam das Grundstudium an der HfBK.

Künstlerische Arbeit fast immer parallel zur HfBK-Lehrtätigkeit

Fast das gesamte Werk von Klotz, dessen Vita nur zwei freischaffende Jahre ausweist, entstand neben der Lehrtätigkeit an der Akademie. Und wie Hopfe im Detail vertieft, verließ er nur selten deren Dunstkreis - auf dem Dach oder am Elbufer entstanden seine Landschaften, auf der Brühlschen Terrasse fand er auch viele seiner weiblichen Modelle, die sich mehr oder weniger spontan auf das Abenteuer einließen, dem Künstler ins Atelier zu folgen. Wenn Klotz Männer porträtierte, geschah es im Auftrag oder handelte sich um mehr oder weniger gute Bekannte, ihn selbst eingeschlossen, und nicht zuletzt aus dem "Bermudadreieck" seinerzeit stadtbekannter Lokale, in denen der "Menschensucher" laut Hopfe seine Freizeit verbrachte. Das Selbstbildnis aus dem Jahr 1981, mit dem sich Klotz im Untertitel zu dieser für ihn unausweichlichen Mission bekannte, zeigt sie zugleich als Passion, ihn selbst als überaus angreifbar und einsam zwischen hohlen Puppen, mit einer vorgehaltenen Fackel, den fragenden Blick nach oben gerichtet.

Was darauf noch folgen konnte, war die Einlösung eines Versprechens, Vertiefung und Ergänzung, ohne erkennbaren Bruch durch die Zeitenwende. So zitiert Anja Himmel mit ihrem Motto "Phantasos über Dresden" einen von Klotz mehrfach benutzten (aber hier nicht vertretenen) Bildtitel, zeigt aber mit "Aschermittwoch (Der falsche Liebhaber)" aus dem Jahr 1981 ob seiner vielschichtigen Symbolik zugleich ein rätselhaftes Schlüsselwerk, das sich zumal im Zusammenhang mit den letzten Werken des Künstlers erschließt und andererseits mit der Schattengeste zwischen den beiden Akten bis auf Dix zurückführt. Hier verbinden sich die beiden Mythen, denen der Künstler mit unablässiger Neu-Gier gehuldigt, an denen er sich abgearbeitet hat: der Mythos Dresden und der Mythos Frau.

Auf letzteren hat sich Holger John konzentriert, das Thema "Maler und Muse" als Klischee aber absichtsvoll verfehlt. Auch hier fehlt es nicht am Verweis auf Tod und Vergeblichkeit; am Ende ist es nur eine Puppe, die Klotz beim Blick in den Spiegel begegnet; die Muse war für ihn eine ständig wechselnde flüchtige Zufallsbekanntschaft, blieb zumeist anonym, und das Geben und Nehmen basierte statt auf festen Regeln und Ritualen auf der Kunst des Möglichen und gegenseitiger Neugier.

Immer wieder zeigt sich, dass den Klotz'schen Bildern mit flüchtigem oder gelegentlich schamhaftem Blick nicht beizukommen, ja kaum etwas abzugewinnen ist. Seine Kompositionen sind nicht vordergründig einprägsam oder gar plakativ, er war vielmehr ein Meister der Vertiefung und Versenkung und verlangt hohe Konzentration zwischen Nähe und Halbdistanz auch vom Betrachter. Er hat seine Bilder immer rein aus der Farbe gebaut, erkennbares Kalkül früh hinter sich gelassen und mit wachsender Souveränität löste sich das Bildrelief aus vielen Schichten auf in einem gleichsam fließenden, intuitiven, aber immer noch genügend sperrigen Auftrag mit dem Spachtel.

Dieses Fließen scheint die herkömmliche Perspektive aufzulösen, wie es sehr schön an den Beispielen in der Galerie Himmel zu sehen ist. Der Raum wird weiter, zugleich entrückter; das Bedrohliche scheint verschwunden mit der Ruine der Frauenkirche. Doch mit dem Neubau kann Klotz ebenso wenig anfangen wie mit dem neuen Reichtum und seiner plakativen Buntheit. Wo sich Klotz der Figur zuwendet, scheint er sie wie ein Plastiker zu modulieren und lässt sie aus der Fläche hervortreten. Dabei hält und verfeinert sich die Balance zwischen der Wirkung Farbe in ihrer Stofflichkeit und ihrem kräftigen, oft derb aufgetragenen und doch fein auf der Palette erarbeiteten Kolorismus.

Der Maler muss fast wie ein lebendes Fossil erscheinen

Klotz zeichnet auch weiter, mit dem Bleistift, mit Linie und Kontur, aber auch hier malerisch, mit Gespür für Volumina und erst recht für emotionale Nuancen. Er beschönigt nichts, sucht keine glatte Harmonie, wird eher noch eindringlicher, offenherziger im fließenden Übergang zwischen spannungsvollem Porträtieren, psychologischer Einfühlung und Feier der Weiblichkeit wie der Lust. Bilder, mit einem guten Glas Rotwein zu betrachten, mit Sinn für die Tiefe und die Substanz des einen wie der anderen; wer nur gefällige Bedienung seines Machismo sucht, dem ist nicht zu helfen. Freilich, die großen Aktgemälde scheinen kaum anders präsentierbar als in einem salon-ähnlichen Ambiente wie bei John oder eben in einem musealen wie in der Galerie Himmel. Das ist kein cooler Lifestyle, vermittelt keine Wellness-Gefühle, aber für die traditionelle Bürgerlichkeit ist es zu unverblümt, zu direkt.

Auch das greift weniger auf den Lehrerfreund Kretzschmar zurück als auf Dix, den Klotz noch an der Hochschule erleben durfte. 2001/03 beschwörte er noch einmal ein "Inferno" herauf, Pegasus, der hier gelegentlich eine Muse getroffen hatte, flieht endgültig den Balkon Europas. Eines seiner letzten Gemälde zeigt eine Winterlandschaft mit weitem Blick bis zu den Radebeuler Höhen. Unter dem gewaltig goldenen Flügel der Fama fast winzig die Augustusbrücke, die Kathedrale, erst recht Oper und Landtag. Erahnbar winzige Details, ein schwarzer Vogel, vielleicht wieder das fliehende Pferd?

Von weiter außen wird Klotz gelegentlich als die Inkarnation eines längst überlebten Dresdner Akademismus gesehen, beinahe folgerichtig, wenn man seine Bilder wie Briefmarkenmotive betrachtet. Von innen gesehen musste er wie eine Art lebendes Fossil, als Vertreter einer aussterbenden Gattung erscheinen, und trotzdem oder gerade dadurch hat er zahlreichen Kunstfreunden und mehr als einer heranwachsenden Künstlergeneration unglaublich viel geben können, unabhängig davon, ob ihre Vertreter mit seinen persönlichen Ausdrucksmitteln etwas anfangen können oder nicht. Ab Mitte Dezember wird der einstige Klotz-Schüler Holger John in seiner Galerie davon Zeugnis ablegen.

Galerie Himmel, Obergraben 8, bis 3. Januar, Mo-Fr 10-19, Sa 10-16 Uhr, an Feiertagen geschlossen

www.galerie-himmel.de

Galerie Holger John, Rähnitzgasse 17, bis 10. Dezember, Di-So 14-19 Uhr

galerie-holgerjohn.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.11.2014

Tomas Petzold

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