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Die Galerie Himmel beleuchtet wesentliche Bezüge im Werk von Hubertus Giebe

Herkules und Narrenchristus Die Galerie Himmel beleuchtet wesentliche Bezüge im Werk von Hubertus Giebe

„Herkules, Maske & Meer“ – unter diesem Titel präsentiert die Dresdner Galerie Himmel derzeit Gemälde und Zeichnungen von Hubertus Giebe.

Hubertus Giebe: farben der Frühe II, 2012.

Quelle: Galerie Himmel

Dresden. Es ist bereits die vierte Ausstellung Am Obergraben 8 innerhalb von sieben Jahren – aber nicht allein wegen dieser Häufigkeit ist Hubertus Giebe in der Galerie Himmel so gut aufgehoben. Es ist viel mehr noch das Planvolle, Erhellende, das diese Präsentationen auszeichnet. Sie passen zudem ausgesprochen gut in das Profil der Galerie, die sich mit ihren Ausstellungen mehr an der Würdigung und dem Diskurs zeitgenössischer Kunst als deren vordergründiger Vermarktung widmet und ihr besonderes Potenzial im zu einem nicht geringen Teil aus dem immer noch aktiven Spannungsfeld zwischen Dresden und Leipzig gewinnt.

Giebe, Jahrgang 1953, der sein Studium an der HfBK 1976 freiwillig aufgegeben hatte, aber zwei Jahre später in Leipzig extern sein Diplom erwarb und anschließend Meisterschüler bei Bernhard Heisig war, trifft diesmal auf den 2007 verstorbenen Leipziger Peter Sylvester, von dem im Durchgang zwischen Verkaufsraum und Kunsthalle einige als „Raum-Zeit-Visionen“ bezeichnete Zeichnungen zu sehen sind, durch künstlerische Abstraktion und äußere Interpretation aufgeladene Kunstwerke, die mithin noch einmal den Blick auf das scheinbar weniger Spektakuläre bei dem jüngeren Kollegen lenken sollten. Durchweg Miniaturen sind es freilich, während sich bei Giebe das ganze Spektrum von der Handzeichnung vor der Natur bis zum großformatigen Gemälde auftut.

Doch weder der (ohnehin an diesem Ort kaum einlösbare) Anspruch auf eine Retrospektive, noch der aktuelle Einblick ins Atelier oder gar die Beschränkung auf eine „Momentaufnahme“ setzen hier den Rahmen. Unter dem auf den ersten Blick oder Gedankengang etwas gesucht wirkenden Motto „Herkules, Maske & Meer“ öffnet sich vielmehr in einzigartiger Weise der Blick für Entwicklungen und Zusammenhänge, die für Giebes Werk kennzeichnend scheinen und insofern auch auf die Vorgängerausstellungen verweisen.

Da gab es bereits ausführliche Würdigungen des druckgrafischen Werks (2009) und der Handzeichnungen (2013) sowie eine Auswahl von Gemälden, die unter dem Titel „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (2012) nicht nur mindestens drei eng verwandte Versionen der diesmal gezeigten Gemälde enthielt, sondern sogar auch das nun als Erkennungsmotiv verwendete kleine, bereits 2005 entstandene Bild „Melancholie“, mit dem das aktuelle Motto vom Zentrum her aufgeklärt wird: die Maske als Träger von Emotion. Arbeiten, mit denen der Künstler auf sehr schrille, anzügliche Weise zur Historie des 20. Jahrhunderts polemisiert (wie damals mit der Begegnung der nebenbei auch noch onanierenden Führer Hitler und Stalin) finden sich diesmal nicht.

Herkules, die Keule gegen – für heutige Augen eher wenig – furchterregende Gegner schwingend, umkreist gewissermaßen den „Thron V“ auf dem es sich gerade ein sehr vitales Gerippe bequem macht, nicht zuletzt auf Kosten einer wie auch immer gefallenen Frau. Im Vergleich zu dieser surrealen und doch in konstruktiver Strenge aufgeführten Inszenierung vor einem rot-weißen Andreaskreuz auf tiefschwarzem Grund begegnet uns der antike Recke im Großen Garten beinahe als Naturbursche, aber auch mit einem typisch dresdnerisch wegwerfenden Gestus. Die überaus treffsicher verlebendigten Figuren aus der Permoser-Werkstatt schlagen nicht zuletzt den Bogen zum heutigen Six-Pack-Kult. Das einzige, womit Giebe hier an der für seine Malerei scheinbar unverzichtbaren strengen Geometrie festhält, sind die Postamente, die die Figuren dann eben doch aus dem in der Umgebung formlos wuchernden Grün herausheben. Der leidenschaftliche, auch vom unmittelbaren Eindruck geleitete Zeichner, der sich mit einigen auf dem Grafikschrank ausgelegten Zeichnungen als nahezu stilfreien klassischen Naturbeobachter zeigt, war hier offensichtlich auch im übertragenen Sinne unterwegs.

Ja, auch bis zum Meer, aber das erscheint mehr als Ahnung, die einströmt in den „Bodden bei Bugewitz“ und das „Dangaster Wattenmeer IV“ (beide 2014), Landschaft und Vegetation in einem fast abstrakten Fest von Farben erstrahlen lässt, die sich in ganz ähnlichen Akkorden neuesten Szenen des Giebeschen Welttheaters wiederfinden. Hier atmen selten Raum und Weite, es regiert die strenge, verdichtete, konstruierte Form. Das ist gemalte Philosophie oder Bewusstmachen der Absurdität des Daseins, in aller Pracht, in aller Morbidität, aber weder apokalyptisch noch weltverbessernd. Giebes Bilder sind, wie man spätestens seit dessen Beschäftigung mit Grass wissen müsste, sehr wohl literarisch gegründet, aber nicht im erzählerischen Sinn, sondern sie gleichen eher verschlüsselten Essays, in deren Symbol- und Zeichenwelt man schwer eindringen kann. Man kann sie assoziativ auf sich wirken lassen als malerischen Ausdruck der Widersprüche oder auch nur Ambivalenzen unserer grausam-schönen Welt. Oder ergründen über die Quellen, zum Beispiel Camus und dessen Roman „Der Fremde“, auf den sich das 2015 entstandene Bild „Meursault II“ bezieht – und nicht etwa auf die im selben Jahr erschienene algerische Replik. Der mutmaßliche Mörder ohne Leidenschaft zwischen zwei blutigen Halbmonden, in einer Welt absurder Gewalt; mit seinen unschuldig vorgestreckten Armen gleicht er fatal dem von einem Priesterharlekin geleiteten „Narrenchristus“, seine Maske dem Zitat der berühmten Bocca della Veritá in „Kopf und Fuß“. In den „Farben der Frühe“ zwischen Grün und Blassviolett, einem Stück Ateliertheater mit Ausblick, ist unter anderen „Reisenden“ sein kindliches Gesicht auszumachen. In anderer Richtung führt die Spur von dem quasi Stillleben per Andreaskreuz, das hier wie ein aufgesetztes Warnzeichen erscheint, zum „Gehäuse II“ (2010), das es, vervielfacht und gebrochen, zur bedrängenden Beziehungsbaustelle eines freilich noch sensibel erscheinende Paars macht. Wenn Giebe auf die offenbare Sinnkrise des Abendlands reagiert, dann durch rigorosen Verweis auf ihre Wurzeln beziehungsweise die Grenzen der traditionellen Überlieferung beziehungsweise eines durch Religion vermittelten Weltbilds.

bis 16. April, Montag-Freitag 10-19 Uhr, Samstag 10-16 Uhr

www.galerie-himmel.de

Von Tomas Petzold

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