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Die Freie Szene Dresden erobert alte Kraftwerk Mitte per großem Spektakel - Utz Pannike erläutert den Sinn

Die Freie Szene Dresden erobert alte Kraftwerk Mitte per großem Spektakel - Utz Pannike erläutert den Sinn

Sie sind Profis, aber frei: Tänzer, Puppen- oder Schauspieler, Bühnenmusiker. Rund 30 freie Gruppen der darstellenden Künste fanden in Dresden erstmalig zusammen und veranstalten dieses Wochenende per "Kraftwerk off/on" ein gemeinsames Festival mit 40 verschiedenen Programmpunkten im alten Kraftwerk Mitte - es soll der Gründungsimpuls für tatkräftige Vernetzung und eine Institution werden.

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Den roten Hörer am offenen Ohr. Utz Pannike kennt die Probleme der Freien Szene, die zu oft im Off treibt.

Quelle: Andreas Hermann

Andreas Herrmann sprach unmittelbar vor dem Festival mit Mitorganisator Utz Pannike.

Frage: Das Festival gibt es erstmalig. Auch einmalig?

Utz Pannike: Erstmalig und einmalig - im Kraftwerk. Es soll natürlich weitere geben. Aber an anderen Orten.

Seit wann und in welcher Form spukt der Gedanke herum?

Der Gedanke entstand schon zu Beginn unseres Theaterstammtisches vor rund zwei Jahren: Wir müssen etwas finden, was die Dresdner Freie Szene zusammenbringt, was sie eint. Zuerst war der Gedanke an ein Gebäude - ein gemeinsamer Probenraum oder ein Probenhaus, was wir dann mit einer großen Aktion einweihen wollten. Und dann zu einem Theaterhaus entwickeln.

Nun ist es das alte Kraftwerk Mitte geworden...

Der Prozess, ein gemeinsames Haus aufzubauen, ist ein langwieriger und bedarf einer geeigneten Immobilie und Unterstützung der Stadt. So entstand die Idee, ein Gebäude mit Bedeutung für die Stadt zu beleben. Die Kantine vom Robotron war zum Beispiel eine Idee. Doch dann kam die Offerte der letzten Kraftwerk-Bespielung - ein idealer Ort für den geplanten Impuls.

Warum starten Sie just am Tag des Festaktes zum 100. des Großen-Haus-Dampfers gleich nebenan?

Wir wollten es unbedingt zum Spielzeitstart kurz nach dem Sommer. Dieses war nun einfach das Wochenende, was sich die meisten Künstler einrichten konnten - ohne auf andere Auftritte verzichten zu müssen.

Das Festival startete mit einem Symposium. Wollen Sie damit die prekäre Lage der Künstler anprangern?

Nein. Wir müssen Wege finden, um die Politiker aufzuklären, was die Arbeit der Freien Theater ausmacht. Also welches Wissen und welche Werte sie in die Gesellschaft einspeisen. Es geht nicht nur um die Hardware der Gesellschaft, also die funktionierende Infrastruktur mit Straßen, Brücken, Häusern und Palästen, sondern auch um die "Soft Skills". Das Interesse für Literatur und andere Künste wecken, das können wir gut. Das Leben ist doch nicht nur harter Existenzkampf, sondern auch zart und verspielt. Dazu braucht es Spielwiesen, sonst schrumpelt die Gesellschaft zusammen.

Wo ist denn die Marktlücke zwischen Stadttheatern und Amateurbühnen?

Das klassische Off-Theater besetzt außergewöhnliche Formen und Orte mit neuen Stoffen. Diese werden zunehmend auch von den öffentlichen Häusern erkannt und genutzt. Das macht es uns natürlich schwieriger, unsere Plätze zu finden. Generell sind wir offener, direkter, immer zu erreichen. Dieses Persönliche ist ein Vorzug. Andererseits schaffen es die Theater aufgrund ihrer Personalmalaise nicht mehr, das volle Programm abzudecken. Hier rutschen wir zunehmend wieder hinein ins etablierte System. Auch bei Bildungseinrichtungen, die professionelle Künstler brauchen. Wir sind eine Art humanistische Piraten.

Warum gibt sich die Szene eigentlich den Vornamen Off?

Das stammt aus den wilden Zeiten im Westen, als viele aus den etablierten Strukturen ausbrachen und offene Räume in Beschlag nahmen. Das schleppen wir mit, aber wir befinden uns auch im Verband gerade in einer Selbstbilddiskussion.

Die Szene wächst rasant - oder täuscht der Eindruck?

Nein. Es gibt immer mehr Aussteiger, zwangsweise oder freiwillig. Einerseits sparen die öffentlichen Theater enorm, vor allem an künstlerischem Personal, andererseits wächst daraufhin die Belastung dort teilweise ins Unerträgliche - mit bis zu drei Diensten täglich. Ich habe jüngst von Todesfällen erfahren, wo Kollegen unter der physischen wie psychischen Last einfach zusammengebrochen sind.

Woran liegt das?

Das liegt am Tarifvertrag, der in der Bundesrepublik gilt. Der so genannte "NV Solo" gönnt dem Schauspieler zwischendurch elf Stunden Ruhezeit, der Rest ist Arbeitszeit. Kein Tag pro Woche ist garantiert frei. Das war in der DDR anders, hier gab es mit der Übernahme des bürgerlichen Rechtes am Theater einen riesigen Rückschritt.

Der sächsische Landesverband für Freie Theater wurde erst 2007 gegründet - warum?

Die Not, die im Westen schon früher herrschte, schwappte erst nach und nach gen Sachsen. Die Kulturkürzungen und die Ausbildung von viel zu vielen Schauspielern erreichte uns zeitverzögert. Sich um diese zu kümmern, sie aufzufangen oder bei neuen Projekten zu helfen, das wurde einfach notwendig.

Leipzig scheint da schon weiter zu sein, oder?

Wir haben in Dresden immer sehr neidisch auf die Leipziger Szene geguckt. Dort gab es eine stärkere Vernetzung, sie interessierten sich füreinander und es gab auch eine bessere Infrastruktur seitens der Stadt. Wenn man sich zum Beispiel das "Lofft" anguckt, da haben Mittel und Räumlichkeiten eine ganz andere Qualität als in Dresden. Dort geht die Szene ständig ein und aus. Im Landesverband finden die drei großen Städte, wo sich die Szene konzentriert, also Chemnitz, Leipzig und Dresden, paritätische Beachtung.

i"Kraftwerk off/on" am Sonnabend und Sonntag (je 15 bis 24 Uhr)

www.off-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.09.2013

Andreas Herrmann

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