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"Die Frauen haben gewonnen" - Der Maler Markus Lüpertz über Sexismus, Frauen in der Kunst und seine Arbeit

"Die Frauen haben gewonnen" - Der Maler Markus Lüpertz über Sexismus, Frauen in der Kunst und seine Arbeit

Markus Lüpertz ist ein selbsternanntes Malergenie und Lieblingszielscheibe feministischer Kunstkritik. Im Interview mit Johanna Di Blasi spricht der 71-Jährige über konstruierte Idyllen, Handküsse und Sexismus.

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Liebt die Provokation und durchaus auch sich selbst: der Maler Markus Lüpertz in seinem Berliner Atelier.

Quelle: Stefan Maria Rother

Frage: Was denken Sie über die Brüderle- und Sexismus-Debatte?

Markus Lüpertz: Ich bin von dieser Diskussion völlig verdattert. Wenn die Dame beleidigt ist, dann hat sie ihm das zu sagen, und dann wird das zwischen den beiden ausgemacht. Und damit hat sich das. Ich meine, er hat sie weder am Arsch gepackt noch hat er ihr ein unanständiges Angebot gemacht. Er hat gesagt: "Sie füllen sicherlich ein schönes Dirndl". Es ist ein etwas leichtes, frivoles Kompliment, aber nichts Böses.

Als vor vier Jahren ihre Retrospektive in Bonn zu sehen war, wurde Ihr Werk in Rezensionen in Grund und Boden kritisiert und Sie wurden des Machotums angeklagt. Bazon Brock eilte Ihnen zu Hilfe und wetterte gegen "das Aufmotzen der Kunsthostessen gegen die Elite der deutschen Nachkriegskunst." Sahen Sie sich damals als Opfer von Kunsthistorikerinnen mit spitzer Feder?

Nein, ich sehe mich nie als Opfer. Ich bin ein Mann, aber kein Macho. Meine Frau kann das bestätigen. Es ging vor allem um eine Kritikerin. Sie hat sich offenbar etwas übermannen lassen - oder überfrauen. Sie hat meine Arbeit richtig beschrieben, das Tönerne und Künstliche spielt bei mir eine wichtige Rolle, sie hat es aber falsch interpretiert. Ich habe schon immer aggressive Kritiken bekommen, ich habe ein hohes Reizpotenzial für die Leute. Ich verfüge über eine hohe Intelligenz. Das erschreckt die Leute am meisten. Und meine Texte sind meistens besser als diejenigen, die ich von Kritikern lese.

Ich kenne keine Künstlerin, die so frei heraussagen würde, dass sie intelligent und toll ist.

Nein? Hm.

Sie waren 26 Jahre lang Akademie-Rektor. Was haben Sie für Veränderungen des Klimas durch den Zustrom weiblicher Studenten wahrgenommen?

Als ich mit 30 Jahren als Professor in Karlsruhe anfing, habe ich mir vorgenommen, nie Frauen zu unterrichten.

Ich bin geschockt...

Das war die hinreißendste Provokation, zu der man damals in der Lage war. Ich musste dann aber kapitulieren. Es zeigte sich, dass Frauen sehr viel begabter, intelligenter und gebildeter waren, und es mit ihnen mehr Spaß machte. Zum Schluss hatte ich mehr Frauen als Männer in der Klasse.

Sie sind bekehrt worden?

Ja. Wir haben eine Welt der Frauen. Die Frauen haben gewonnen, die Emanzipation hat sich durchgesetzt. Auch die Malerei und Bildhauerei ist inzwischen von Frauen überflutet - und das ist zeitgemäß und richtig.

Ihr Kollege Georg Baselitz überraschte mit der Aussage, er male jetzt schwarze beziehungsweise unsichtbare Bilder. Womit wollen Sie noch überraschen?

Ich will mit jedem Bild neu überraschen.

Welches Thema beschäftigt Sie?

Ich habe mir konstruierte Idyllen vorgenommen. Das wird jetzt nach den höchsten Möglichkeiten von Malerei sichtbar gemacht.

Konstruierte Idylle? Ihr Wohnatelier in Teltow ist nicht gerade idyllisch gelegen.

Es ist eine Frage der Sicht. Ich bin nicht dafür zuständig, wie die Welt sich selbst verschandelt. Ich habe das hier zur Idylle erklärt und fühle mich auch wohl. Ich konnte dann hier das Atelier vergrößern und meinen Ansprüchen anpassen. Ich finde, es ist ein zauberhaftes Ambiente. Alle meine Kollegen wohnen in Schlössern. Ich wohne in 43 Containern und zwei großen Hallen.

Sie haben auch Ihr Bett im Container?

Selbstverständlich.

In Containern lebt heute die urbane Avantgarde. Sind Sie auch in puncto digitale Technik am Puls der Zeit? David Hockney zeichnet beispielsweise inzwischen mit dem i-Pad.

Ich hielt Hockney bislang für einen großen Maler, aber ich weiß nicht, wo der haptische oder sinnliche Vorgang des Zeichnens liegen soll, wenn ich mit dem Finger über eine Glasscheibe gleite.

Ihr langjähriger Galerist Michael Werner meinte, ihm sei nicht begreiflich, wieso Sie so viel Nachdruck auf "Peinture" legen. Meinen Sie damit das Haptische?

Es geht einfach um die Oberfläche, wie sich die Pinselwut, der Pinselzorn mit der Farbe und dem Motiv - einem Idyll meinetwegen - beschäftigt. Die Fotografie oder der Druck haben das nicht.

Sie denken also nicht einmal im Traum daran, auf Computerkunst umzusteigen?

Ich kann die Dinger nicht einmal bedienen. Ich habe nicht einmal ein Handy und auch keine Email-Adresse.

Eine Schwierigkeit der Avantgarde bestand darin, das Image des Freigeistes aufzubauen, bis zu einem gewissen Grad auch die antibürgerliche Attitüde zu pflegen, und zugleich aber vom Bürgertum anerkannt und gekauft zu werden...

Die Avantgarde ist eine pädagogische Kunst. Sie ist davon abhängig, dass sie verstanden wird und etwas bewirkt. Und das haben die Avantgardisten auch meisterlich geschafft. Heute wird auf Grund dieser Avantgarde der größte Blödsinn als Kunst betrachtet. In der Frontstellung gegen das Bürgerliche blieb die Avantgarde dem Bürgerlichen aber zutiefst verhaftet.

Wie sehen Sie sich selber?

Ich bin Bürger, aber eben Freigeist. Das hebt das Bürgerliche in eine andere Klasse. Man ist meines Erachtens als Künstler für die Bürgerlichkeit seiner Zeit verantwortlich. Ich finde es nicht wert, unbürgerlich zu sein, weil es das Einfachste auf der Welt ist. Sie sehen heute eine Welt, die sich nur unbürgerlich gibt. Der Bürger ist heute geradezu existenziell losgelassen. Da kann ich gar nicht mithalten.

Wer heute als Künstler durchdringen möchte, verfertigt am besten ein Youtube-Video, das eine Million Klicks bekommt. Hätten Sie Lust, unter diesen Bedingungen junger Künstler zu sein?

Man ist immer Kind seiner Zeit. Wenn ich heute anfangen würde, hätte ich wohl auch den ganzen Unsinn im Gepäck.

Haben Sie eigentlich Handkuss im Repertoire?

Selbstverständlich, ich bin so erzogen worden, ich mache daraus aber keine Ideologie.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.02.2013

Johanna di Blasi

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