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Die Evita der DDR - Bettina Weichert in einer Neuauflage an der Staatsoperette

Die Evita der DDR - Bettina Weichert in einer Neuauflage an der Staatsoperette

Immerhin, es waren nur neun Jahre nach der Londoner Uraufführung der Rock-Oper "Evita" des Erfolgsduos Andrew Lloyd Webber und Tim Rice nach der Lebensgeschichte von Eva Perón, da waren auch die Dresdner hingerissen vom Aufstieg und Fall im kurzen Leben der Maria Eva Duarte de Perón, genannt Evita.

Die Staatsoperette Dresden hatte sich wieder mal eine der begehrten DDR-Erstaufführungen gesichert und konnte damit rechnen, dass auch im "Tal der Ahnungslosen" der Ohrwurm des Stückes, "Don't cry for my, Argentina" bestens bekannt war, und die Leute mehr hören und sehen wollten.

Die Aufführung wurde ein riesiger Erfolg und für Bettina Weichert war es in ihrer ersten Spielzeit an der Staatsoperette die erste große Rolle, plötzlich kannte man sie, nicht nur in Dresden.

Jetzt wird das Stück wieder inszeniert. Bettina Weichert arbeitet als Assistentin mit und es bietet sich an, die Künstlerin nach einer Probe kurz vor der Premiere zu treffen.

Natürlich erst mal ein paar Erinnerungen. Wir hatten damals tolle Bedingungen sagt sie, das ganze Ensemble war integriert und alle waren Feuer und Flamme, es war eine Herausforderung, denn das durchkomponierte Stück ist musikalisch mit seinen gut gesetzten Ensembleszenen von hoher Qualität.

Mit dem bekannten Schauspieler Walter Niklaus hatte man auch einen Regisseur, der wusste, was er wollte, der mit den Schwierigkeiten der Vorlage umgehen konnte. Immerhin verklärt das scheinbar unpolitische Stück eine Frau, die geschickt ein ganzes Volk zu manipulieren verstand. Bettina Weichert erinnert sich an spannende Proben, an die "Untertexte", die man sich erarbeitete, ging es doch um Machtmissbrauch, um Diktatur und um ganz klare Verfälschung der Geschichte. Und das Publikum verstand das Bild am Ende der Aufführung, wenn die Peronisten als gesichtslose, auswechselbare Typen "entlarvt" werden.

Nicht zu vergessen auch die Rolle des jungen Studenten Che, des Unangepassten, des Gegenspielers und Hoffnungsträgers im Stück.

Und wenn man im Rückblick daran denkt, dass wenig später an der Staatsoperette die ungarische Rock-Oper "Der König David Bericht" nach dem Roman von Stefan Heym mit der Aufforderung "Bringt ans Licht die Chronik unserer vergangenen Jahre" für Furore sorgte, in der Bettina Weichert auch auf der Bühne stand, dann ist diese aufregende Zeit wieder sehr lebendig. Wieder war Walter Niklaus der Regisseur und in einer Szene der neuen Inszenierung der "Evita" wird auch eine historische Einspielung mit der markanten Stimme des bekannten Synchron- und Hörspielsprechers daran erinnern.

Und schon sind wir in der Gegenwart, geht es um die aktuelle Arbeit mit dem Regisseur und Choreografen Winfried Schneider, der jetzt mit jungen Darstellerinnen, die eine spezielle Musicalausbildung absolviert haben, eine neue "Evita" zeitgemäß auf die Bühne bringt.

Das ist für Bettina Weichert natürlich interessant, denn allein auf der Leubener Bühne hat sie die Rolle 76 Mal verkörpert, insgesamt mit allen weiteren Gastspielen und Inszenierungen an anderen Häusern stellte sie sich über 100 Mal der Herausforderung, dieses bis zur berühmten Träne inszenierte Leben der Eva Perón als Evita glaubhaft zu spielen.

Von Dresden aus nahm die Karriere der hier an der Musikhochschule bei Wolfgang Hellmich und Elsbeth Plehn als klassische Mezzosopranistin ausgebildeten Sängerin einen erstaunlichen Verlauf, der sie an etliche Bühnen führte, sei es in ihrem Fach als Spielalt oder immer stärker als Musicaldarstellerin. In Stuttgart stand sie im Erfolgsstück "Mamma mia" zwei Jahre lang fast an jedem Abend auf der Bühne.

Besonders gerne denkt sie an die Rolle der Eliza in "My Fair Lady", sie sang und spielte in "Anatevka" an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und stand mit einem Opernstar wie Martha Mödl auf der Bühne. Sie war an mehreren Theatern die Sally Bowles in "Cabaret" oder sang, spielte und tanzte die Anita in "West Side Story", die ganze Liste ist zu lang.

Aber dass sie als Anfängerin die Titelpartie in Siegfried Matthus' Oper "Die Weise von Liebe und Tod des Cornet" nach der Dresdner Uraufführung am Opernhaus in Karl-Marx-Stadt sang, das ist wichtig, ebenso wie die vielen Konzerte, und da zählen die Aufführungen des "Canto General" von Mikis Theodorakis, auch als Dirigent, zu den eindrucksvollen Erinnerungen. Unter der Leitung von Franzpeter Müller-Sybel gibt es eine Einspielung des Werkes mit Bettina Weichert als Solistin. Inzwischen steht sie wieder in "Der Zauberer von Oz" und "Eine Nacht in Venedig" auf der Bühne der Staatsoperette und freut sich auf die kommende Saison, wenn sie in der Neuinszenierung des Welterfolges "Anatevka" die wunderbare Rolle der Golde verkörpern wird.

Zehn Jahre lang hat die Sängerdarstellerin ihre Kenntnisse und Bühnenerfahrungen auch an Studierende der Dresdner Musikhochschule weiter gegeben und da konnte es niemals darum gehen, die Vergangenheit zum Maßstab zu machen, bestenfalls so, dass man Erfahrungen austauscht und dann auswählt, immer aber zählen die aktuellen Herausforderungen.

So ist es auch jetzt, bei der Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen an der Staatsoperette. Natürlich beantwortet Bettina Weichert mögliche Fragen nach den Umständen der damaligen Inszenierung, aber sie selbst, darauf legt sie Wert im Gespräch, vermeidet es, davon zu reden, wie man es früher gemacht habe, nein wir machen es jetzt, und wir wollen jetzt das Publikum unterhalten und dennoch etwas von den Gefahren der Verführbarkeit und Manipulierbarkeit eines ganzen Volkes vermitteln.

Ob es gelingt? Wir tun unser Bestes, das Publikum entscheidet, morgen ist die Premiere.

Premiere: morgen, 19.30 Uhr (ausverkauft)

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.06.2014

Boris Gruhl

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