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"Die Erschütterung der Sinne" - neue Schau im Dresdner Albertinum

"Die Erschütterung der Sinne" - neue Schau im Dresdner Albertinum

Man muss schon ziemlich weit zurückgehen in der Geschichte des Dresdner Albertinums, um eine Sonderausstellung vergleichbaren Formats zu finden: Seit gestern Abend findet hier eine Ulrich Bischoff gemeinsam mit dem belgischen Künstler Luc Tuymans inszenierte Begegnung von 16 der bedeutendsten Bildkünstler seit der Romantik statt.

Die mit Unterstützung der Sparkassen-Finanzgruppe und der Bundeskulturstiftung finanzierte Ausstellung steht unter Schirmherrschaft des Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso. Die hochkarätige Auswahl von etwa 70 Kunstwerken sollte ein willkommener Anstoß für die überregionale Resonanz der Galerie Neue Meister werden, wobei nicht unerheblich scheint, dass mit Caspar David Friedrich wenigstens einer der "Hausherren" und Hauptanziehungspunkte der Galerie vertreten ist. Das zeitweilige Fehlen seiner üblichen Begleiter wird jedoch mehr als aufgewogen durch einzigartige Bilder, zu denen Dresden kaum Vergleichbares besitzt und die nun aus bedeutenden Museen wie dem Museo del Prado (Madrid), dem Musée du Louvre (Paris), dem Victoria & Albert Museum in London und dem New Yorker Metropolitan Museum of Art an die Elbe gelangt sind. Es ist ein Projekt, das der Galeriedirektor seit Mitte der 90er Jahre verfolgte, jedoch aus verschiedenen Gründen nie zustande kam. Der von Anfang an erklärte Vorsatz seiner fast 20-jährigen Dienstzeit, das Museum in einer lebendigen Verbindung von Archiv und Werkstatt zu präsentieren, erhält nun, unmittelbar vor seinem Abschied, eine nachvollziehbare Gestalt: "Ein Gerüst als Ideal eines Museums", das damit jedoch keinen neuen Kanon, keinen "neuen Königsweg durch die letzten 200 Jahre Kunstgeschichte vorgeben" wolle, wie Generaldirektor Hartwig Fischer zur gestrigen Pressevorstellung erklärte.

Eckraum als Zentrum

Das Zentrum der Schau befindet sich auch inhaltlich in dem Eckraum, in dem lange das Kriegstriptychon von Dix hing. Vier mal vier Gemälde von vergleichsweise bescheidenem äußeren Format treffen jetzt hier aufeinander. Dramatische Landschaften von John Constable begegnen stillen, reduzierten von Caspar David Friedrich, statuarischen Figuren von Francisco de Goya, dramatischen Szenen von Eugène Delacroix, darunter jene, die für Bischoff den Anstoß gab und den Titel des Projekts initiierte. Es ist der um 1825 gemalte "Verwundete Räuber", der sich mit letzter Kraft zu einem Tümpel geschleppt hat und in beinahe andächtig niedergestreckter Haltung trinkt, während sich sein Blut mit dem Wasser mischt. Für die Kuratoren steht dieses Bild im Besonderen für "Die Erschütterung der Sinne", die im Allgemeinen von der Französischen Revolution und dem Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa ausging. Die ästhetischen Schockwellen, ausgelöst von Künstlern, die sich von der akademischen Tradition abgewandt hatten, breiten sich, in immer wieder überraschenden Gegenüberstellungen, räumlich in alle Richtungen und zeitlich bis in die Gegenwart aus. Sinn und Sinnlichkeit aufs eindringlichste gesteigert, in unauflösbarer Verquickung - und doch von ganz unterschiedlichen Grundhaltungen getragen, die für Tuymans gleichwohl nur unterschiedliche Auffassungen oder Methoden bei der Suche nach dem Wahrhaftigen darstellen. Der eine sucht es mehr in den Dingen selbst, der andere in den eigentlich unsichtbaren Sphären dahinter; der eine sucht mit Temperament der Vielfalt der Erscheinungen gerecht zu werden, der andere durch äußerste Einfachheit und Reduktion zum Kern, zum Wesentlichen vorzudringen. Der eine arbeitet mehr mit der temperamentvollen oder aufs Äußerste differenzierten Geste, der andere setzt mehr auf die Materialität im Wechselspiel von Farbe und Leinwand.

Die Künstler ausgesucht hat Bischoff, mit Ausnahme des Dänen Vilhelm Hammershøi (1864-1912), der durch seine mit sparsamem Farbauftrag geschaffenen, formal äußerst reduzierten Milieubildern eine Brücke zwischen Friedrich und Rothko schlagen soll. Die einzelnen Werke vorgeschlagen hat vorzugsweise Tuymans, wie etwa die Goldbrassen von Goya oder das unglaublich lebendige Sauerbruch-Porträt Max Liebermanns. Die stets auf praktische Erfahrung gestützte Theorie des Malers soll und kann der Besucher versuchen nachzuvollziehen, indem er sich nicht nur flüchtig der Aura, dem Gesamteindruck der Präsentation aussetzt, sondern bewusst auch die Nähe zu den Werken sucht. Dazu ermuntern oder gar provozieren wollen die Kuratoren, indem einige betont kleine Bilder in große, einige besonders große Bilder in die kleinsten Räume gehängt haben. Darüber hinaus wird die theoretische "Grundierung" der Schau durch keinerlei didaktisches Beiwerk unterstützt oder gestört.

Keine übliche Museumsordnung

Gleich von welchem Treppenaufgang her der Besucher die Ausstellungsräume im zweiten Obergeschoss betritt, kann er gewissermaßen rückläufig oder auch ganz unbefangen seine eigenen Betrachtungen darüber anstellen, ob bzw. wie die von den großen Vorbild(n)ern ausgehenden Impulse aufgegriffen wurden. Für die Kuratoren stellen sich die Verbindungen in erster Linie her von Constable zu Menzel und Liebermann und weiter zu Claerbout, von Delacroix zu Cézanne und weiter zu Kirkeby und Tuymans, von Friedrich zu dem Dänen Hammershøi und weiter zu Marc Rothko und Gerhard Richter, von Goya zu Manet über Max Ernst bis zu Jeff Wall. Allerdings führen gerade bei Richter zu den einzelnen Werksträngen wohl auch unterschiedliche Spuren, so dass weniger das Abstrakte Bild 722-3 von 1990, als vielmehr die Engadiner Felslandschaft von 1981 mit der aus dem Nebel hervorleuchtenden Sonne in die Reihe zu passen scheint. Von Max Ernst zu Jeff Wall führen indes allenfalls intellektuelle, aber keine optisch nachvollziehbaren Verbindungen.

Aber abgesehen davon bieten sich doch vielerlei Zusammenhänge und damit Denkanstöße, die in der üblichen historischen und nach Nationalitäten geordneten Museumsordnung fehlen, ja schmerzlich zu vermissen sind, wenn man bedenkt, das wirkliches Geschichts- wie Kunstverständnis nur durch die Wahrnehmung von Querverbindungen und Entwicklungen entstehen kann, zu denen die Künstler selbst schließlich auch wesentlich durch Museumsbesuche angeregt werden.

Dazu gehört freilich auch die Erkenntnis, dass sich die erwähnte, bei den Romantikern noch so ausgeprägte Balance von Sinn und Sinnlichkeit im Laufe der Kunstgeschichte deutlich verschoben hat bis hin zur absichtsvollen und ohne Hintergrundinformation nicht auflösbaren Verschlüsselung, etwa bei Tuymans (Der Architekt) die gegenständliche Überlieferungen in Abstrakte Kompositionen verwandelt oder einschmilzt, der reinen Transzendenz bei Rothko oder der gelegentlich provokant inszenierten Alltäglichkeit bei Wall, in die jeder hineingeheimnissen kann, was er möchte, im Gegensatz zu den weniger inszenierten als sehr genau beobachteten "Card Players". An die Grenzen der Bildbetrachtung führt David Claerbout mit seinen medial präsentierten Landschaften - einmal mit so wenig Licht, dass sich das Auge minutenlang in die Bilder herantasten muss, dann wieder mit überzogenem Blickwinkel, den die Auflösung der Projektion nicht befriedigend ausfüllen kann, so dass der Hintergrund zerfällt, statt den Blick ins Unergründliche zu ziehen.

ibis 14. Juli, geöffnet täglich außer Mo 10 bis 18 Uhr, Katalog (Sandstein Verlag) 216 Seiten, in der Ausstellung 19,80, im Buchhandel 29,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.03.2013

Tomas Petzold

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