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Die Erinnerungen des Dresdner Wissenschaftshistorikers Gerhard Barkleit

Keine Abrechnung mit der DDR Die Erinnerungen des Dresdner Wissenschaftshistorikers Gerhard Barkleit

Die Erinnerungen des Dresdner Wissenschaftshistorikers Gerhard Barkleit, Autor einer vielgerühmten Biografie über Manfred von Ardenne, bieten einen Einblick in die Realität der DDR und in die der Bundesrepublik.

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Ruine des Prohliser Schlosses vor den Hochhäusern des Neubaugebiets.

Quelle: Palitzsch Museum der Stadt Dresden

Dresden. Die Erinnerungen des Dresdner Wissenschaftshistorikers Gerhard Barkleit, Autor einer vielgerühmten Biografie über Manfred von Ardenne, bieten einen Einblick in die Realität der DDR und in die der Bundesrepublik. Auch wenn das vereinigte Deutschland deutlich besser wegkommt als die DDR, wird weder die Diktatur dämonisiert (der Begriff "Abrechnung", der auf dem Buchrücken vorkommt, ist fehl am Platz) noch die Demokratie idealisiert. Das Unterfangen ist heikel. Schließlich schildert der Autor nicht nur seine Wahrnehmung der kulturellen, ökonomischen und politischen Seiten, sondern auch freimütig sein privates Leben. Diese Gratwanderung hat er, da nicht selbstgerecht auftrumpfend, gut gemeistert, wenngleich vielleicht nicht jede Episode der Öffentlichkeit mitgeteilt werden musste.

Barkleit, gebürtiger Ostpreuße, in ärmlichen und schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen, studierte an der TU Dresden Physik und wurde an der Freiberger Bergakademie im Fach Physikalische Chemie promoviert. Dann verschlug es ihn an das Zentralinstitut für Kernforschung Rossendorf, später zu wissenschaftlichen Zwecken in die Sowjetunion, schließlich ins Forschungszentrum Mikroelektronik Dresden-Klotzsche, wo nicht nur ihm der massive technologische Rückstand zum Westen auffiel, und wieder zurück nach Rossendorf. Vieles ging nicht ohne Ärger ab. Der parteilos gebliebene Christ verstand sich zwar nicht als Oppositioneller, wahrte aber immer Distanz zu primitiver Parteinahme für den real existierenden Sozialismus. Des öfteren lässt der Autor Kritik an Christa Wolf einfließen, der berühmten Schriftstellerin, die bei ihm als Opportunistin firmiert, bestenfalls als naive Idealistin.

Barkleit erwähnt reichhaltig Vorgänge, die anschaulich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis in der DDR und in der Sowjetunion untermauern. Ein Beispiel von einer Ostsee-Kreuzfahrt mit der Völkerfreundschaft während eines Landgangs in Riga: "Als ich im größten Kaufhaus der Stadt mit meinem nahezu akzentfreien Russisch glänzen wollte, ignorierte mich die Verkäuferin so lange, bis ich mit meiner Begleitung ein paar Worte in deutscher Sprache wechselte. Ich wurde sofort und sehr freundlich bedient." Der Autor nennt zwar die zwielichtige Rolle der Staatssicherheit, aber keineswegs in einer Form, die aufdringlich erscheint.

Die politische Wende war für ihn, wie für viele andere, auch eine berufliche Wende, zugleich die "aufregendste Phase" seines Lebens. Dem Intermezzo als Journalist bei der Union, die dann in den Dresdner Neuesten Nachrichten aufging, folgten 15 Jahre als Wissenschaftler beim Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, das oft schlagzeilenträchtig in die Presse geriet. Die Nicht-Verlängerung der Stellen der Direktoren Klaus-Dietmar Henke und Gerhard Besier, deren Sicht auf die Vorgänge Barkleit ganz und gar nicht teilt, erachtet er als rechtens.

Beim Lesen der Erinnerungen musste der Rezensent, fünf Jahre jünger als der Autobiograf, zuweilen denken: Wie wäre es ihm ergangen, hätten die Eltern mit dem Zehnjährigen 1958 Sachsen nicht verlassen? Barkleit war als Neunjähriger mit seiner Mutter zu Besuch im Westen und sein leiblicher Vater wollte ihn später, als Dreizehnjährigen, nach Großbritannien holen, doch die Mutter lehnte die Offerte ab.

Die kurzweilige Schilderung dieses von Brüchen nicht freien Lebens meidet Klischees. Es verdient alle Achtung, was der Seiteneinsteiger als Wissenschaftshistoriker in den letzten 25 Jahren geleistet hat. Dazu gehört dieser biografische Abriss, der besonders die Zeit vor 1990 authentisch einfängt.

Gerhard Barkleit: EinBlick in zwei Welten. Das Ende der DDR als Glücksfall der Geschichte, Osteuropazentrum Berlin Verlag, Berlin 2015, 518 Seiten, 24,90 Euro

EckHard Jesse

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