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Die Editors heizten bei ihrem Dresden-Konzert dem Alten Schlachthof ein

Die Editors heizten bei ihrem Dresden-Konzert dem Alten Schlachthof ein

Wollte man alle selbsternannten britischen Rock-Wunderkinder mit New-Wave-Erbe auf den Schultern an einem Ort versammeln, man müsste einen eigenen Kleinstaat anmieten.

Dennoch sind einige von ihnen ihr Eintrittsgeld wert, auch die aus Stafford stammenden Editors. Im zwölften Jahr ihres Bestehens mögen sich ein paar unvermeidliche Manierismen eingeschlichen haben - mit Chris Urbanowicz ist gerade das erste Bandmitglied verschlissen und aufgrund der vielzitierten kreativen Differenzen "gegangen worden", Sänger Tom Smith turnt gelegentlich im Lichtkegel, als wollte er einen Messiaskomplex in der Größenordnung von Coldplay und Bono auskurieren -, aber Editors bleiben musikalisch auf Kurs und lieferten im Alten Schlachthof 100 Minuten Schweiß und Schwermut ohne Verschnaufpause. Das Label des Independent Rock sei ihnen, die spätestens seit einem Gastspiel auf dem Soundtrack der "Twilight"-Filmreihe und einigen Nr.-1-Erfolgen in Großbritannien tausende in ihre Konzerte locken, gegönnt, zumal Vampir-versessene Backfische im Publikum - glücklicherweise, möchte man sagen - rar gesät sind. Nicht, dass Eltern hier irgendetwas zu befürchten hätten, wiewohl das in den Liedern offensiv zur Schau gestellte Stimmungsbild durchaus in der Nähe der berufsbleichen Untoten mit Herz angesiedelt ist. Dass einige der Erfolgstitel "Blood", "Eat Raw Meat = Blood Drool" und "Formaldehyde" heißen, der Frontmann im schwarzen T-Shirt den Fürsten der Finsternis gibt und den existenziellen Weltschmerz gelegentlich ein wenig dick aufträgt, gehört nun mal zur Selbstinszenierung. Die tun nix, sie wollen spielen, und das machen sie im Alten Schlachthof hervorragend.

Der aus gut 20 Liedern bestehende, dargebotene Querschnitt durch den Bandkatalog ist mitreißend, verrät Vertrauen ins neue Material und arrangiert Ausschnitte aus allen vier Editors-Alben wie aus einem Guss, mag der Anteil der elektronischen Verstärkung auch schwanken. Während seine Kollegen an Schlagzeug, Synthesizern und Gitarren nur selten aus dem Schatten heraustreten, gibt Smith den frontalen Derwisch, der zwischen Klavier, Gitarre und Mikrofonständer turnt und mit seiner exzellenten, kräftigen und klaren Artikulation vergessen lässt, dass man noch beim Vorprogramm (die belgische Kombo Paon) nicht gleich zu sagen wusste, welche Sprache da eigentlich aus den Lautsprechern waberte. Smith dagegen hat vom ersten Lied an - die betörende Hymne "Sugar" aus dem aktuellen Album, "The Weight of Your Love" - eine textsichere Fangemeinde vor sich, die nicht nur bekannte Lieder wie "An End has a Start", "Bones" oder "Munich" beklatscht. Mit Ikonen der massenkompatiblen, mitsingbaren Nischen-Grübelei wie R.E.M. (für die sie anno 2008 in Dresden selbst im Vorprogramm aufgetreten sind) teilen Editors ihre Vorliebe für kryptische Sprachbilder von phänomenaler Traurigkeit: ein von einem abgestürzten Flugzeug in den Boden geschlagener Krater ("The Racing Rats") oder die vor einem Krankenhauseingang versammelten Raucher ("Smokers outside the Hospital Doors"). Über der Bühne könnte statt der im Takt der Musik flackernden Scheinwerfer auch ein großes "Memento mori" mit Totenkopf und Sanduhr prangen, dergestalt sind zumindest die Choräle von den verglühenden Funken ("All Sparks") und dem zur Neige gehenden Londoner Wintertag ("In this Light and on this Evening") geraten. Einigermaßen barock und maßlos ufern in jüngerer Zeit auch die Arrangements der Editors aus, etwa bei "Papillon", der den Zugabenblock beschließt und regelrecht symphonischen Ehrgeiz verrät. Spätestens, wenn sie beim nächsten Mal mit Streichorchester anrücken, dürfen sich dann wohl auch kleine Vampire mit ihren Müttern zum Konzert trauen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2014

Wieland Schwanebeck

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