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Die Dresdner Uraufführung von Aldous Huxleys Klassiker "Schöne neue Welt" bleibt ambivalent

Die Dresdner Uraufführung von Aldous Huxleys Klassiker "Schöne neue Welt" bleibt ambivalent

Ein guter Ruf ist in den heutigen Tagen, wo Aufmerksamkeit als dominierende Währung gilt, wohl noch wichtiger als früher. Auch das Staatsschauspiel Dresden hat sich einen Leumund erarbeitet, der manches ermöglicht.

Wie die Entscheidung des New Yorker Verwalters von Texten des Autors Aldous Huxley zeigt. Er ließ anfragen, ob die Dresdner daran interessiert seien, Huxleys Roman-Klassiker "Schöne neue Welt" von 1932 neu für die Bühne zu bearbeiten. Dresden jauchzte und sagte zu. Chefdramaturg Robert Koall sorgte für eine Fassung, Regisseur Roger Vontobel setzte sie um. Nach einer gewöhnungsbedürftigen Musical-Ausgabe, die vor wenigen Jahren über deutsche Bühnen tourte, ist das nun ein ernster zu nehmender Ansatz, Huxley zu inszenieren. Dabei bleibt aber notwendigerweise einiges des rund 260 Seiten starken Romans auf der Strecke. Eine Erfahrung, die auch schon bei der Dramatisierung anderer Roman-Stoffe (in Dresden beispielsweise Christoph Heins "Landnahme" oder Thomas Manns "Der Zauberberg") zu beobachten war.

Nun also Huxley, dessen "Schöne neue Welt" beständig in den Listen der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts herumgeistert. Der Autor erschafft das Bild einer Gesellschaft, die fest in der Hand eines allumfassenden Staatswesens liegt. Kinder werden künstlich aufgezogen, je nach ihrer späteren Verwendung bereits konditioniert, eine weibliche Eizelle kann bis zu 96 Klone produzieren. Eine Welt, in der das Glücklichsein einfach ist, wenn man der staatlichen Vorgabe dieses Glücks bereit ist zu folgen. Was durch besagte Konditionierung so sicher ist wie das Amen in der Kirche. Die Kirche aber existiert in ihrer religiösen Ausprägung längst nicht mehr. Aus Gott wurde Ford. Der Rest ist eine Mischung aus Slogans ("Individualität - Kollektivität - Stabilität"), Sex (Promiskuität ist oberstes Gebot) und Drogen (das faktisch immer greifbare Soma).

Doch jede noch so umfassend angelegte Sicherheit wird irgendwann unterlaufen und gekippt. In Huxleys Fall durch John (André Kaczmarczyk) und Linda (Rosa Enskat). Sie leben bei den Wilden, hinter den Grenzen jener durchorganisierten Welt. Linda kam einst mit ihrem Freund Henry Foster (Christian Clauß) hierher, verlief sich und wurde zurückgelassen. In der Wildnis brachte sie John zur Welt, Fosters Sohn. John und Linda laufen einem anderen Paar über den Weg, das ebenfalls die ungewöhnliche Reise zum Reservat gemacht hat: Bernard Marx (Benjamin Pauquet) und Lenina Crowne (Sonja Beißwenger). Bernard ist Mitglied der obersten Kaste, der Alphas, und gleichzeitig Eigenbrötler. Das macht ihn verdächtig, sein Stern ist schon im Sinken, sein Chef Foster will ihn abschieben. Bernard aber dreht den Spieß um: Er nimmt John und Linda mit in die genormte Welt und stellt sie allen vor. Für Foster ist das der gesellschaftliche Tod. Ein Staat, in dem die Worte Mutter und Vater zu Ekelbegriffen mutiert sind, kann Foster in keiner Funktion dulden.

Bernard triumphiert. Doch der Geschmack des Sieges verflüchtigt sich rasch. John, sein Schützling, sieht sich die neue Welt an - und findet sie abstoßend. Er verliebt sich in Lenina, die mit dem Konzept der Liebe nichts anfangen kann, weil sie nur Sex kennt. Mit Bernards Freund Helmholtz Watson (Ben Daniel Jöhnk) liefert sich John Dispute über die Sprache. Denn sein wichtigstes Mitbringsel aus der Wildnis ist ein irgendwo aufgesammelter Band mit Shakespeares Werken. Als John und Helmholtz "Romeo und Julia" lesen, scheitert auch Helmholtz an Begriffen wie Vater, Mutter und Liebe. Koall hat dabei in die Bühnenfassung deutlich mehr Shakespeare eingebaut, als in Huxleys Original zu finden ist. Ob das zur Klarheit beiträgt oder eher theatergeschichtliche Huldigung darstellt, somit selbstreferentiell ist, bleibt offen.

Die Chronologie des Romans wird für das Theater aufgebrochen. Im Buch wird anfangs der embryonale Aufzuchtzirkus vorgestellt, auf der Bühne beginnt alles mit der Reise von Bernard und Lenina in die Wildnis. Die Kulisse dafür bleibt eine stilisierte: Ein einfacher Podestbau sorgt für Oben-Unten-Drinnen-Draußen-Abgrenzungen der Besucher gegen die Wilden. Über allem thront Michelangelos "Erschaffung des Adam" als riesiger Bildausschnitt. Dass die runde Leinwand des Bildes halb herunterhängt, wirkt wie eine Panne. Im Kontext des Stücks aber funktioniert diese vermeintliche Fehlstelle. Michelangelo zeigte die Hinwendung Gottes zu den Menschen. Bei Huxley könnte das Abwenden der Menschen von jedweder Gottfigur dagegen nicht größer sein.

Im zweiten Teil des gut zweieinhalbstündigen Abends läuft schließlich alles auf einen personellen Showdown hinaus. John, Bernard und Helmholtz werden zum Chefcontroller Mustapha Mond (großartig: Christian Erdmann) gerufen, der sie alle abserviert. John fordert das Recht auf Traurigkeit und Unglück und flieht in die Wildnis. Bei Huxley begeht er Selbstmord, auf der Bühne nicht. Ein Sieg, der keiner ist.

Das Theater hat sich wieder eines Stoffes angenommen, der in Zeiten einer alles dominierenden Ökonomisierung, eines Lebens unter dem Effizienzdiktat, aktueller scheint denn je. Vieles auf der Bühne aber erscheint steif, sicher auch den emotionslos agierenden Huxley-Figuren geschuldet. So bleibt es vor allem Rosa Enskat und André Kaczmarczyk vorbehalten, Gefühlswelten auszuleben. Was Regisseur Vontobel zudem von seiner "Hamlet"-Inszenierung mit herüberbringt, ist die stimmige musikalische Live-Begleitung des Gitarristen Keith O'Brien.

Ein Hinweis, ein wichtiger, fehlt jedoch. Der, dass der Russe Jewgenij Samjatin schon 1920 (also zwölf Jahre vor Huxley) in seinem Roman "Wir" viel von dem vorwegnahm, was in "Schöne neue Welt" und später auch in George Orwells "1984" an dystopischen Weltentwürfen folgen sollte. Ein Satz dazu im Programmheft hätte auch die nach wie vor westlich dominierte Sicht auf literarische Entwicklungen zumindest ein klein wenig relativiert.

nächste Aufführungen: 21.9., 3., 15. & 20.10.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2014

Torsten Klaus

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