Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Die Dresdner Philharmonie erinnert im Konzert an den französischen Komponisten Francis Poulencs

Die Dresdner Philharmonie erinnert im Konzert an den französischen Komponisten Francis Poulencs

Zwischen Mönch und Lausbube habe sich der widerspruchsvolle Charakter Francis Poulencs bewegt, urteilte einmal der Musikkritiker Claude Rostand in einer berühmt gewordenen Formulierung.

Voriger Artikel
Schulalltag als Auseinandersetzung: Premiere von "Kreide fressen" im Societaetstheater Dresden
Nächster Artikel
80 Jahre nach der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten kehrt Dix-Gemälde nach Dresden zurück

Francis Poulenc

Quelle: dpa

In der Tat: dieser überaus einfallsreiche Musiker beherrschte sämtliche Genres perfekt, schrieb ebenso gern vokale wie instrumentale Werke, feierliche kirchliche Kompositionen wie geistreich-elegante, profane instrumentale Stücke, die unverfälschte Gassenhauermelodien zitieren, anderes parodieren, ironisieren in ausgelassen heiterer oder lyrischer Stimmung. Er liebte und vermochte es überzeugend, die verschiedensten Stile nachzuahmen, Fauré, Debussy, Ravel, Strawinsky etwa. Und doch war kein Ton dieser Meister in seinen Arbeiten - es ist stets eigenständig Poulenc.

Für eine seiner bedeutendsten Schöpfungen, die große Oper "Gespräche der Karmeliterinnen", mit der sich übrigens in konzertanter Wiedergabe als lokale Erstaufführung Michel Plasson Ende November 1999 aus dem Amt des Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie verabschiedete, nannte der Komponist einst gar Vorbilder wie Debussy, Mussorgski, Verdi und Monteverdi. Die 1957 an der Mailänder Scala herausgebrachte Oper, inzwischen längst weltweit aufgeführt, löste im vergangenen Herbst in einer Inszenierung der Münchner Staatsoper gerichtlichen Widerstand der Erben des Komponisten wie auch des Dichters Georges Bernanos aus, dessen gleichnamiges Stück dem Werk zugrunde liegt. Sie distanzierten sich von der Aufführung, die nach ihrer Ansicht der Kernaussage der Oper nicht gerecht wurde.

Nach einem Konzert mit Kompositionen von Durey, Honegger, Milhaud, Poulenc, Auric und Tailleferre im Januar 1920 in Paris hatte der Kritiker Henri Collet in seiner Rezension gefragt: Es gibt die "Cinqe Russes" (Balakirew, Borodin, Cui, Mussorgski und Rimski-Korsakow), warum sollte es nicht ebenso gut die "Six Française" geben? Und sie gab es von da an. "In vollkommen willkürlicher Art waren diese sechs Namen zusammengestellt worden", äußerte Milhaud, "einzig darum, weil wir uns kannten, weil wir gute Freunde waren und in den gleichen Programmen figurierten; unbekümmert unserer verschiedenartigen Temperamente und der Unähnlichkeit unseres Naturells... Der Artikel von Collet fand einen solchen Widerhall, dass die 'Gruppe der Six' nun einmal als gegründet galt und ich zu ihr gehörte, ob ich nun wollte oder nicht."

Während Milhaud die einheitlichen ästhetischen Theorien der Gruppe, deren literarischer Wortführer Jean Cocteau wurde, missbilligte, anerkannte er Poulencs Wendung zum Neoklassizismus und begrüßte ihn als einen Musiker der Zukunft: "Nach all den impressionstischen Nebeln diese einfache, klare Kunst, die an die Tradition von Mozart und (Domenico) Scarlatti anknüpft... in der Rückkehr zur Melodie".

Francis Poulenc wurde am 7. Januar 1899 in Paris geboren, erhielt den ersten Klavierunterricht 1904 von seiner Mutter, die auch die ersten Kompositionen des Siebenjährigen aufschreiben musste. Im Alter von 15 Jahren wurde er Schüler des berühmten spanischen Pianisten Ricardo Viñes. 1921 begann er ein dreijähriges Studium der Harmonielehre bei Charles Koechlin, das mit der Analyse von Bach-Chorälen begann. Im übrigen verzichtete er auf eine reguläre akademische Ausbildung in Kontrapunkt, Formenlehre und Instrumentation. Der immer improvisatorische Charakter seiner Musik erklärt sich wohl damit.

1924 erlebte Poulenc seinen Durchbruch mit der Uraufführung des Balletts "Les Biches" und Serge Diaghilews Ballets Russes in Paris und Monte Carlo. 1928 widmete er der Cembalistin Wanda Landowska das 1929 von ihr uraufgeführte reizvolle, mondän-freche Concert champetrê, in dem er François Couperin nachahmte, den großen französischen Barockmeister. Die Landowska lernte er bei der Prinzessin Edmond de Polignac kennen, eine großzügige Kunstmäzenin, die bei ihm das Konzert für zwei Klaviere und Orchester (1932) sowie das großartige Konzert für Orgel, Streicher und Pauken (1938) bestellte, eine brillante Hommage an Bach.

Der plötzliche Tod eines Freundes, des Komponisten Pierre-Octave Ferroud 1936, veranlasste Poulenc, in Erinnerung an die tiefe Gläubigkeit seines Vaters das eigene katholisch-religiöse Gefühl hervortreten zu lassen. In Rocamadour komponierte er die "Litanies à la vierge noire". Der "Mönch" setzte sich für einige Jahre gegen den "Lausbuben" (oder gar "Gauner", wie eine andere Übersetzung lautete) durch, indem er für das 1959 komponierte "Gloria" für Sopran, Chor und Orchester als Inspirationsquelle Fresken Benozzo Gozzolis namhaft machte, auf denen Engel die Zunge herausstecken und "dicke Benediktiner, die ich einmal Fußball spielen sah", dargestellt sind.

Die in der zweiten Hälfte der 30er Jahre einsetzende Folge sakraler Werke zeigte unverkennbar Poulencs Bewunderung für die niederländische Vokalpolyphonie der Renaissance, aber auch für die französische Barockmusik. Im Zweiten Weltkrieg stand er in Verbindung zu Dichtern der Résistance, insbesondere zu Louis Aragon, von dem er Texte vertonte. In den 40er Jahren entstanden aber auch die Meisterwerke für das Musiktheater, so die komische Oper "Les Mamelles de Tirésias" nach Apollinaire (1944), die große Oper nach Bernanos und die Tragedie lyrique "La Voix humaine" nach Cocteau (1958). Für Anfang 1963 plante der Komponist eine Oper über "La Machine infernale" von Cocteau, ein Plan, den jedoch sein Tod nach einem Herzinfarkt am 30. Januar 1963 in Paris vereitelte.

Die Dresdner Philharmoniker, die schon in der Vergangenheit wiederholt Kompositionen des französischen Meisters dargeboten haben, musizierten kürzlich auf Schloss Albrechtsberg Kammermusikwerke Poulencs und seiner Freunde aus der "Groupe des Six". Nun steht eine weitere philharmonische Erinnerung an den Komponisten demnächst bevor: Am 6. April stellt Chefdirigent Michael Sanderling in einem Konzert in der Frauenkirche neben Werken von Fauré und Bruckner die "Litanies à la vierge noire" und das Orgelkonzert g-Moll von Francis Poulenc vor.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2013

Dieter Härtwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr