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Die Dresdner Palucca Hochschule für Tanz mit einer Ausstellung zu ihrer bewegten Geschichte

90 Jahre und kein Stillstand Die Dresdner Palucca Hochschule für Tanz mit einer Ausstellung zu ihrer bewegten Geschichte

Noch bis zum Wochenende kann man sich die Ausstellung "Bewegende Zeiten. Palucca Hochschule für Tanz Dresden, 1925 bis heute" im Neubau der Hochschule während der Unterrichtszeiten ansehen. Das hat viel für sich.

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Jason Beechey, amtierender Rektor der Tanzhochschule, im vergangenen Jahr zum Tag der offenen Tür.

Quelle: Ida Zenna

Dresden. Noch bis zum Wochenende kann man sich die Ausstellung "Bewegende Zeiten. Palucca Hochschule für Tanz Dresden, 1925 bis heute" im Neubau der Hochschule während der Unterrichtszeiten ansehen. Das hat viel für sich. Aus den Studios hört man Musik und Ansagen der Professoren und Dozenten. In den Pausen kann man die mehr oder weniger erschöpften Studierenden beobachten. In diesem stimmungsvollen Ambiente kann man sich anhand einer so maßvollen wie maßgeblichen Auswahl von Dokumenten die Geschichte dieser einzigen deutschen Hochschule für Tanz vergegenwärtigen.

Die Tänzerin Gret Palucca begann mit ihrem Tanzunterricht in Dresden 1924, in ihrer Wohnung, Bürgerwiese 25. Ein Jahr später gründet sie ihre Schule, was sie eigentlich, so kann man es in einem Zitat sehen, gar nicht wollte, aber die jungen Menschen hätten sich eben, so Palucca in der Erinnerung, von allein gemeldet. Bald reicht der private Raum nicht mehr, die Schule zieht um ins Johanneum, Auguststraße 1, es gibt eine strenge Schulordnung, Kameradschaft und Verträglichkeit sind oberstes Gesetz, das Telefon darf nicht benutzt werden.

Palucca selbst, die von sich sagte, dass sie nicht "hübsch und lieblich tanzen" wollte, war Schülerin von Mary Wigman, wurde bald als Vertreterin des Ausdruckstanzes bekannt und hatte Erfolge als Solistin. Dem klassischen Tanz stand sie skeptisch gegenüber und ab 1928 unterrichtet sie in ihrer privaten Schule des Modernen Tanzes. Zweigstellen werden in Berlin und Stuttgart eröffnet, die Dresdner Schule zieht in die Räcknitzgasse 11.

Palucca tritt 1933 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und dem Deutschen Kampfbund bei, zwei Jahre später hat sie eine private Schule mit staatlicher Unterstützung, zu den Bereichen des modernen und des klassischen Tanzes sowie der Gymnastik kommen der "Nationaltanz" und "Kraft durch Freude-Gymnastikkurse".

Man sieht anhand der ausgestellten Dokumente die Versuche einer Künstlerin, verschiedene Möglichkeiten des Kompromisses so weit als möglich auszureizen, um somit dem Grundanliegen ihres Ausbildungsanspruchs, nämlich die Kraft des individuellen Ausdrucks mittels der Technik des Modernen Tanzes zu vermitteln, so weit als möglich verpflichtet zu bleiben. "Ich will gewiss keine Nachahmer erziehen", so Paluccas pädagogischer Anspruch.

1939 wird die Schule geschlossen, Palucca, mütterlicherseits Halbjüdin, darf nicht mehr unterrichten, ein generelles Auftrittsverbot erhält sie nicht.

Den Neubeginn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dokumentiert ein außergewöhnliches Dokument von 1945, ohne Datum: ein Zettel, darauf mit Tinte geschrieben: "Palucca arbeitet wieder: Caspar-David-Friedrich Straße 13".

Am 8. September 1945 wird die Schule zunächst in privaten Räumen eröffnet und sechs Tage später vom Kulturamt anerkannt. Und jetzt folgen Schriftwechsel, Protokollauszüge, Dokumente, man traut mitunter seinen Augen nicht, wieder wird der moderne Tanz argwöhnisch betrachtet.

Die Währungsreform bringt die private Schule in Schwierigkeiten, die Verstaatlichung vom 1. April 1948 sichert den Bestand, bedeutet aber auch Anpassung der neuen "Fachschule für Tanz und Gymnastik", wie sie jetzt heißt. Immer stärker wird der staatliche Einfluss einer sozialistischen Kulturpolitik, für die der klassische Tanz gemäß den Methoden der sowjetischen Schulen von stärkerer Bedeutung ist als die Traditionen der Moderne und des deutschen Ausdruckstanzes.

Palucca versucht, unter dem eigens geschaffenen Fachbegriff "Neuer künstlerischer Tanz" ihrem Anspruch treu zu bleiben, ein Gegengewicht zu schaffen zu den staatlichen Vorgaben. Die Ausstellung belegt das Tauziehen. 1952 gibt Palucca auf, es reicht. Die Einmischungen sind für sie nicht mehr hinzunehmen, sie legt ihr Amt nieder und nimmt ihren Namen mit.

Das kann sich die DDR, die gerne mit den Namen ihrer berühmten Künstler angibt, nicht leisten. 1954 kehrt Palucca zurück als Leiterin der Fachschule für Künstlerischen Tanz, bis 1983 ist sie Mitglied der Schulleitung, vom Staatssicherheitsdienst beobachtet wird sie bis 1989.

Den Anspruch, der Ausbildung den Hochschulstatus zu geben, gibt Palucca nicht auf, erleben wird sie es nicht mehr, sie stirbt am 22. März 1993, bis 1990 hatte sie in "ihrer" Schule unterrichtet.

Sie hatte, so äußerte sie sich zu ihrer Zeit in der DDR, "ganz gut durchgehalten", Belege dafür liefert die Ausstellung.

Paluccas sicher nicht ganz unumstrittenes Verhältnis zu den Machthabern der von ihr durchlebten drei politischen Systeme fassen Peter Jarchow und Ralf Stabel in ihrem Buch "Palucca: Aus ihrem Leben - Über ihre Kunst" gut zusammen: Wenn sie glaubte, den Mächtigen auf der Nase herumzutanzen, dann glaubten die Mächtigen, es gelänge ihnen, sie nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

Die Ausstellung dokumentiert anschaulich die bewegten Zeiten der Schule seit 1990, Auf und Ab, Wandel, Erneuerung, Internationalisierung, Erweiterung des Ausbildungsprofils, die Spuren und Hinterlassenschaften der vier Direktoren von 1990 bis 1999.

Und 1999 erfüllte sich schließlich Paluccas Wunsch: die Verleihung des Hochschulstatus. Mit dem Studienjahr 2009/2010 folgt dann die Umbenennung in "Palucca Hochschule für Tanz Dresden". Auch wenn das internationale Renommee stetig gewachsen ist, wenn so gut wie ganze Jahrgänge in feste Engagements gehen, das Elevenprogramm mit dem Semperoper Ballett erfolgreich ist, die Bewegung geht weiter, jetzt unter Jason Beechey, Rektor der einzigen Hochschule dieser Art in Deutschland seit 2006.

Ausstellung bis 10. Januar, Basteiplatz 4, Anmeldung und Information: 0351 2590611 besondere Öffnungszeit, Sa 9. Januar, 2. Alumnitag, 15 bis 20 Uhr

www.palucca.eu

Boris Gruhl

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