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Die Dresdner Künstlerin Sigrid Artes ist tot

In einer Zeichnung ein ganzer Kosmos Die Dresdner Künstlerin Sigrid Artes ist tot

Wenn ich an Sigrid Artes denke, denke ich an ihre Zeichnungen und farbigen Blätter, an eine stimmungsvolle, warmherzige Person, an ihre Gesangs- und Flöteneinlagen, die sie plötzlich beim Aktzeichnen in den Raum schmetterte. Ich denke an ihre persönlichen Reaktionen auf politische Ereignisse, die sie öffentlich machte.

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Sigrid Artes

Quelle: Karin Heyne

Dresden. Wenn ich an Sigrid Artes denke, denke ich an ihre Zeichnungen und farbigen Blätter, an eine stimmungsvolle, warmherzige Person, an ihre Gesangs- und Flöteneinlagen, die sie plötzlich beim Aktzeichnen in den Raum schmetterte. Ich denke an ihre persönlichen Reaktionen auf politische Ereignisse, die sie öffentlich machte.

Bei Demos erschien sie mit selbstgezimmerten Transparenten, am Besenstiel befestigt. Politische Proteste schrieb sie an ihre Fensterscheiben oder bemalt Banner „Raus aus Afghanistan“, die vom 8. Stock des Hochhauses leuchteten, in dem sie wohnte. Ihre Art, auf die Gegenwart einzugehen, um ihrem Unmut Luft zu machen, verlangte Courage.

Ich denke an ihre Stimme am Telefon, wenn sie sagte, dass sie gerade eine ganz wichtige Rundfunklesung hören muss und dass ich störe. Zum dritten Mal las sie „Abschied von Matjora“ von Walentin Rasputin mit der Erkenntnis, dass die Menschen Seele verplempern für technischen Schnickschnack.

Ich staunte gleichfalls über ihren Mut, im Alter von fast 80 Jahren langrockig auf ihrem Motorroller die Stadt zu durchbrausen.

Sigrid Artes’ Œuvre umfasst Zeichnungen, Ölmalereien, Aquarelle, Radierungen, Lithografien mit unzähligen Selbstporträts und Akten, Landschaften und Illustrationen zur griechischen Antike und Literatur. Berührend ist die Qualität der kleinen Bilder ihrer Selbstporträts. Mit dem Stift auf dem Blatt eingegrenzt, sind sie zeichnerische Raritäten. (Unwillkürlich denke ich an Rembrandts kleines Selbstporträt mit Hut).

Ein immer wieder sich selbst befragender prüfender Blick, das Auge zu schärfen und über das Äußere zum Inneren vorzudringen, die Seele mit dem Stift einzufangen.
Zeichnen bedeutet das Erfassen der Dinge mit einer Umrisslinie, die Zwischenräume, das Nichts, bilden das Volumen und müssen belebt werden.

Sigrid Artes’ Kunst tendiert mehr zum Zeichnerischen als zur Malerei. Die erfassende Linie fließt mit Leichtigkeit aufs Papier und bannt Geschautes, leicht, beschwingt und heiter markiert der Stift das Medium, wie Flötentöne, die unbeschwert in den Raum fliegen. Beim lustvoll schwelgend aus der Fülle Schöpfen erlebte die Künstlerin Genuss und Qual. Es gibt Licht- und Schattenbrüche. Stift oder Pinsel modellieren Inhalt. Zur Unterstützung des linearen Duktus, zur Separierung der Fläche greift die Künstlerin zu Kreide und Aquarell. Auch bunte Grellfarben kamen manchmal zum Einsatz. Das Weiß des Papiers wird zur Farbfläche durch gekonnte Eingrenzung im Bild.

In eine Zeichnung einen ganzen Kosmos von Empfindungen zu legen, war das begnadete Talent von Sigrid Artes. Das Spektakuläre ihrer Arbeit ist die Stetigkeit der Qualität. Berge von Mappen füllen ihren Wohn- und Arbeitsraum, bildergepflastert sind die Wände. Auch wenn sie selbst nicht immer glücklich war, dass sie in ihren Arbeiten keinen moderneren Charakter entwickelt hat, müssen wir dankbar sein für ihr Werk.

Die Arbeiten von Sigrid Artes laden ein zum Innehalten in der Schnelllebigkeit. Man muss die Ratio aus der Waagschale werfen, um mit den Sinnen ihre Kunst zu erfassen. Sigrid Artes’ Lebenswerk lehrt uns trotz Arbeit und Unbill, die Seele nicht austrocknen zu lassen.

Sigrid Artes, geboren am 27. Oktober 1933, ist am 12. Januar in Dresden gestorben.

Karin Heyne

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