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Die Dresdner "Herkuleskeule" hat tatsächlich 50 Jahre auf dem Buckel

Die Dresdner "Herkuleskeule" hat tatsächlich 50 Jahre auf dem Buckel

Gutes Kabarett bedeutet Tanz auf dem Vulkan, Balancieren auf schmalem Grat. Auf der einen Seite der beschränkte Blick auf die Schwächen und Gebrechen des Nachbarn, auf der anderen eine Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die sich an oberflächlichen Details verlustiert und am Ende die bestehenden Verhältnisse rechtfertigt.

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Der Intendant des Kabaretts „Herkuleskeule“ in Dresden, Wolfgang Schaller, posiert vor einem Logo, das in Teilen an das DDR-Staatsemblem erinnert.

Quelle: dpa

Die großen Kabaretts der DDR entstanden in Krisenzeiten. 1953 auf Beschluss des Berliner Magistrats "Die Distel", laut Eigenwerbung heute der "scharfe Stachel am Regierungssitz".

Es dauerte bis zu dem Jahr, als niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten - da sah man im Dresdner Rathaus die Gründung eines städtischen Kabaretts als sinnvolle Investition in die Zukunft an. Just unter dem ausgestreckten Arm des Goldenen Rathausmanns von Richard Guhr trat eine Replik auf den Plan, die mit dem Vorbild immerhin gemein hat, dass sie sich eher auf die antike Waffe stützt, als damit zu drohen. Dabei ist die Schöpfung des Grafikers Herbert Löchner ein etwas beleibtes Männlein, das mit so breitem wie verschmitztem Grinsen das rechte Knie anhebt, als wolle es ein Tänzchen wagen.

Die kritische Instanz als Diminutiv von Macht, die durchaus einen Teil davon ausübt, ausgerechnet in einer Kirchenruine. Wo mit scheinbarer Naivität und nobler Gesinnung erst einmal versucht wurde, die Leute halbwegs bei Laune zu halten, zumal jene, die der verpassten Flucht in den Westen nachtrauerten und nun wie alle anderen im "Produktionsaufgebot" den ersehnten Wohlstand selber schaffen sollten, der eigentlich nur durch Schonung am Arbeitsplatz und anschließendes Schurwerken sowie diverse Bückedich-Geschäfte zu erreichen war.

Im Erfahrungs- und Gedankenaustausch darüber kam man sich näher, das politische Kabarett und sein Publikum. Als dann von Überholen statt Einzuholen die Rede war, hatte man sich gefunden - auf dem Boden der Marxschen Dialektik und der Brechtschen Mühen der Ebene. Die Ruine war perdü, man spielte im Neubau am Beimler-Platz, und Kabarettkarten wogen im Tausch der Werte. So kam etwa der Inhaber einer Autowerkstatt über einen Reparaturtermin zu Karten und konnte sich dann darüber amüsieren oder auch nicht, wenn ein "Kollege" seinen Kunden mit dem berühmten "Forum geht's?" empfing. So etwas hörte man gern auch in den Betrieben, wo die Arbeiter darüber nachdachten, wie sie ihren Trabi wieder flott oder überhaupt einen bekamen und also die Kabarettisten begeistert zu einem Kurzauftritt bei der Betriebsfeier empfingen. Nie war Kabarett so gefragt und volksnah, und die schönsten Sketche wurden fleißig kolportiert.

Bis schließlich jedermann an verführerischen (Intershop-)Düften schnuppern konnte und mit Gorbatschow im Rücken auch grundsätzlich laut über die Rolle der Bedeutung nachgedacht wurde, war es ein weiter Weg, gepflastert mit Sinnsprüchen, sogar ein bisschen Erotik und nicht zuletzt Losungen, die variiert oder in andere Zusammenhänge gestellt einen Programmtitel hergaben. "Lerne leiten ohne zu fragen", "Lach schneller, Genosse". "Bürger, schützt eure Anlagen" mauserte sich sogar zum Repertoire-Stück vieler Theater. Von Anfang an hatte es "Keine Witzbeschwerden" gegeben, der beliebteste Prügelknabe war schon damals, als man nur das Ross und nicht den Reiter nennen durfte, die Bürokratie.

Aber als Aufhänger genügte es auch, dass am Hauptbahnhof Einzelfahrscheine verkauft wurden. Hans Glauche war der Mann mit der eigentlich gerade ausrangierten Schaffnertasche, den das um in herum flutende Leben zu Gedankensprüngen anregte. Feinster sächsischer Dialekt und Mutterwitz prägte auch seine Dialoge mit "mei Erich" Fritz Ehlert, der im Unterschied zu Hans-Joachim Preil gegenüber Rolf Herricht keinen leicht vertrottelten Intellektuellen spielte, sondern "mei Gustav" als gut unterrichteter Mitbürger so hintersinnig auf die Sprünge half, dass aus dessen gutmütigen Beobachtungen bejubelte Pointen wurden. "Nu dloaahr. Beziehung'n sin ähm alles", konstatiert Gustav angesichts der diplomatischen zwischen den deutschen Staaten.

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Wolfgang Schaller der bis heute meist gemeinsam mit dem Berliner Peter Ensikat die Mehrzahl der Texte schreibt.

Quelle: dpa

Beinahe stolz berichtet die "Herkuleskeulen"-Historie, wenigstens einmal gemaßregelt worden zu sein. Das war Ende der 60er, als im Staatsschauspiel noch tiefer Burgfrieden herrschte. Den Kopf hinhalten musste Direktor Manfred Schubert, aber er wurde nicht in die Produktion, sondern auf die Parteischule geschickt, was bei der Blockpartei NDPD wohl eher einem verdienten Erholungsurlaub gleichkam. Fortan aber gab es an der "Keule" mit Wolfgang Schaller einen Hausautor, der bis heute meist gemeinsam mit dem Berliner Peter Ensikat die Mehrzahl der Texte schreibt, mit Vorliebe in Form durchgehender Stücke. Schubert, der von Anfang an auch auf der Bühne stand, blieb Direktor bis 1986, verließ erst 1993 das Ensemble. Er und Gisela Grube tingelten noch einige Jahre als "Herkulesgäule".

Mit Jutta Rockstroh und Werner Knodel war die Galabesetzung komplett, die sogar mit geflügelten Worten wie dem vom Wohnklo mit Kochnische in aller Munde war. Wer so lang auf der Bildfläche bleibt, wird selbst zum Teil der Zeitgeschichte. Auch das Kabarett hatte die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 zwar so nicht gewollt, aber sehr wohl mit herbeigeführt. Dank des geschulten Blicks wurde aus Freude nicht Euphorie, sondern blieb gemischt mit Skepsis. Das Kabarett blieb seiner kritischen Haltung, seiner Herkunft treu, auch wenn das Publikum anfing sich zu zerstreuen und nichts wieder so werden wollte und konnte, wie es war.

Als die Freude über Shopping und Reisefreiheit abebbte, mit Arbeitslosigkeit, Hartz IV und neuen Krisen Politikverdrossenheit zunahm, hieß es im mittlerweile als gGmbH agierenden Dresdner Kabarett-Theater längst nicht mehr "Mit uns können wir's machen", sondern Wi(e)derdeutsches, "Abwickelkinder" oder "Bar aller Illusionen". "Der Kapitalismus hat 1990 nicht gesiegt, er ist nur übrig geblieben", sagt Schaller gern. "Der Untergang steht noch bevor. Wir im Osten haben ihn schon geübt." Doch erst einmal spielt man (auch dank städtischer Zuschüsse) weiter, freut sich über eine Auslastung um die 90 Prozent und etwa 80 000 Zuschauer im Jahr trotz viel Konkurrenz in der Stadt.

Seit 1990 entstand etwa die Hälfte der fast 80 Programme, und im Zeitraffer sieht es so aus, als hätten sich die Darsteller die Klinke in die Hand gegeben. Wolfgang Stumph, Uwe Steimle, Wolfgang Breschke, Michael Frowin, Günther Pölitz gaben dem Ensemble ihre Impulse, gingen dann eigene Wege. "Der finale Stuß" oder "Der letzte Schrei" bedeuten nicht Torschlusspanik, auch wenn inzwischen "Leise flehen meine Glieder" eines der beliebtesten Programme ist und die Generation Silberhaar im Publikum in der Mehrheit scheint.

Mit Wolfgang Schallers Best Of "Morgen war's schöner" präsentierte sich vor dem Jubiläum mal wieder das gesamte Ensemble, von dem im Regelfall entweder Brigitte Heinrich, Gloria Nowack und Detlef Nier oder Erik Lehmann, Schaller und Rainer Bursche gemeinsam auf der Bühne stehen. Vielleicht eine stabilisierte Besetzung, in der mit Erik Lehmann auch die dritte Generation eine sehr eigene Stimme hat. Unter den Autoren ist Philipp Schaller (*1978) als der Dritte im Bunde etabliert, ein Trio sorgt auch für den verblüffend guten und variablen Sound: Jens Wagner, Volker Fiebig und Thomas Wand. Doch womöglich ist Rainer Bursche der letzte Vertreter des ursächsischen Originals. Die Zeiten ändern sich, nur die Schallers bleiben.

Wenn die "Keule" dereinst in den Kulturpalast einziehen sollte, dann hat sie, viel langsamer eine Schnecke, wohl an die 60 Jahre von einer Seite des Altmarkts zur anderen gebraucht. Darüber nicht zu spötteln, zählt zu den Konzessionen, die man heute macht, nicht nur gegenüber einem Publikum, das die Botschaft in guter Unterhaltung verpackt sehen will. Was freilich einer Truppe kaum schwerfällt, die so perfekt parodieren, so herrlich persiflieren kann, die den Nonsens beherrscht und auch mal auf political correctness pfeift, so vielfältige Figuren und Mittel aufbieten kann und allem noch musikalische Glanzlichter aufsetzt, die sogar einen Steinwurf von der Semperoper manchen Mund offen stehen lassen, wenn Birgit Schaller Achterbahn zwischen Jodlern und Koloraturen fährt, Detlef Nier den Udo, Gloria Nowak die Tina parodiert. Hier ist jeder auf seine Art professionell und stärkt am Ende das eigene Ego durch Unterordnung im Rollenspiel. Wie lautet Bursches Leitspruch in "Morgen war's schöner"?: "Klingt komisch, is' aber so."

Thomas Petzold

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