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Die Dresdner Galerie Kühl feiert ihren 90. Geburtstag

Die Dresdner Galerie Kühl feiert ihren 90. Geburtstag

1924 gründete Heinrich Kühl die Kunstausstellung Kühl. Viele Künstler, nicht nur Dresdner, haben damals ihren Weg in die Öffentlichkeit und zu internationalem Ruhm bei ihm begonnen - und manchen ist Heinrich Kühl vom Galeristen zum Freund geworden.

1886 in Hannover geboren, hatte er (unter anderem) in London als Buchhändler gearbeitet, sich dann aber 1911 entschlossen, nach Dresden zu gehen, wo er in der Kunsthandlung Arnold auf der Schloßstraße eine Stelle angenommen hat. Als leitender Mitarbeiter blieb Kühl bis 1924 bei Ernst Arnold, dann gründete er die eigene Galerie. Sein Programm war immer: Vor allem moderne Tendenzen, verblüffende Werke und die führenden Kräfte nach Dresden zu holen, aus ganz Europa - um einerseits damit den Dresdner Kunstmarkt für diese Künstler zu öffnen, aber genauso auch, um der Dresdner Kunst neue Impulse zu geben. So fand man bei Kühl Werke von Erich Heckel und Konrad Felixmüller, von Hans Hartung und Otto Mueller, von Joseph Hegenbarth und Otto Dix - und 1927 auch schon eine Ausstellung mit den Tafeln Hermann Glöckners, dessen erster Galerist Heinrich Kühl gewesen ist.

Sitz der Galerie war das ehemalige Hotel Kaiserhof. Es wurde in den 1930er Jahren mehr und mehr von Dienststellen der NSDAP belegt. Eine Kunstausstellung, die sich der Moderne verschrieben hatte, geriet zum Ärgernis. Das war nicht ungefährlich. Heinrich Kühl sah sich gezwungen zu reagieren; er nahm verstärkt deutsche Plastik und Ostasiatica ins Programm; und doch - ein Umzug erwies sich bald als unumgänglich. 1936 hat er die Kunstausstellung Kühl in der Kleinen Brüdergasse neu eröffnet, zwischen Sophienkirche und Taschenbergpalais, unauffällig, in einer Etagenwohnung. Dort stellte er beispielsweise Arbeiten von Paula Moderson-Becker, Pol Cassel, Willy Wolff, Erich Gerlach und Hans Christoph aus, manche nur in einem Raum für besondere Kunden.

Der Galerist blieb seinen Künstlern treu

Man mache sich die Situation bewusst: 1937 entfernten die Nationalsozialisten sechs Gemälde von Hans Jüchser aus öffentlichen Sammlungen - und bei Kühl wurde in eben diesem Jahr eine Hans-Jüchser-Ausstellung eröffnet. Die letzte Ausstellung an diesem Ort zeigte Werke von Ernst Hassebrauk: Am 13. Februar 1945 sind alle diese frühen Arbeiten (mitsamt der Kunstausstellung Kühl insgesamt) so wie die ganze Stadt Dresden zerbombt worden und verbrannt. Alles schien zu Ende.

Doch schon 1945 ging es mit wenigen Bildern weiter, in der zertrümmerten Stadt, die nun zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. An der neuen Adresse Zittauer Straße 12 zeigten die ersten Ausstellungen neben Arbeiten von Hans Heinrich Palitzsch auch Werke z.B. von Hermann Glöckner. Der Galerist blieb also seinen Künstlern treu - und seine Künstler ihm. Gleichzeitig war Heinrich Kühl aber auch offen für neue Tendenzen. Namen wie Ernst Wilhelm Nay, Hermann Blumenthal, Theo Balden, Karl Otto Götz, Edmund Kesting, aber auch Hans Jüchser, Hans Grundig, Otto Dix, Bernhardt Kretzschmar, Rudolph Nehmer, Helmut Schmidt-Kirstein und Ernst Bursche stehen für diesen Neuanfang; und neben diesen waren es Curt Querner, Theodor Rosenhauer, Wilhelm Lachnit, Hans Theo Richter, Otto Niemeyer-Holstein und Albert Wigand, denen Verkaufsausstellungen galten, dann auch Hans Körnig und Joachim Heuer.

Noch etwas sei hervorgehoben: Die Schätze der Dresdner Museen waren damals, zum allergrößten Teil, nicht mehr in Dresden. Die Staatlichen Sammlungen mussten sich beinahe aus dem Nichts, mit den zufällig von den Trophäen-Kommissionen nicht abtransportierten Restbeständen neu formieren. Wolfgang Balzer, der erste Generaldirektor nach dem Krieg, hat 1966 bemerkt (mit aller damals in dieser Frage gebotenen Zurückhaltung): "Es ist mir eine Verpflichtung, anerkennend und dankbar auf die Anregungen und die Unterstützung hinzuweisen, die die Staatlichen Kunstsammlungen in den schweren ersten Jahren von Seiten Heinrich Kühls erfahren haben."

Wer sich in diesen Jahren (und noch lange später) für jeweils gegenwärtige und - sagen wir es deutlich, für staatsferne Kunst interessierte, der ging zu Kühl. In der letzten von ihm verantworteten Ausstellung 1965 wurden Aquarelle, Zeichnungen und Grafik von Karl Schmidt-Rottluff gezeigt. Zur Eröffnung sprach Diether Schmidt. Nach dem Tode seines Vaters im selben Jahr übernahm Johannes Kühl, geboren 1922 und eigentlich Maler, die Leitung der Galerie und widmete sich somit ganz dem Werk derer, die er ausstellte. 1966 widmete er dem 80. Geburtstag des verstorbenen Heinrich Kühl eine Gedenkausstellung.

Kam man in das Haus Zittauer Straße 12, dann umfing einen der morbide Charme einer alten, von der Zeit deutlich angenagten Mietvilla. Kunst begrüßte den Besucher (und potentiellen Käufer) schon im Treppenhaus; dann - in der Etage - Bilder, Zeichnungen, Grafik, auch Skulpturen der Gegenwart oder doch des 20. Jahrhunderts, neben oder über alten Möbeln. Auf Tischen und Kommoden sah man Arrangements von getrockneten oder frischen Blumen, Gefäße und Schalen, Gläser, immer in Beziehung gesetzt zu den Bildern. Die Kunstausstellung Kühl hatte etwas Geheimnisvolles, etwas Verwunschenes, sie verkörperte Tradition und Neuerung zugleich; und es war gerade diese Mischung aus alter Kunst und Moderne, die den Ort, wahrscheinlich nicht nur für mich, so faszinierend machte.

Es muss in den 1970er Jahren gewesen sein, dass ein Kollege von der Ost-Berliner Nationalgalerie zu mir sagte, er würde bei jedem Dresden-Besuch zuerst vom Bahnhof Neustadt mit der Straßenbahn in Richtung Bühlau fahren, zur Zittauer Straße, in die Kunstausstellung Kühl, gleichsam um sich innerlich zu stärken, bevor er ins Albertinum gehen würde, um das zu erledigen, was sein dienstlicher Auftrag war.

Neue Möglichkeiten, aber auch bis dahin unbekannte Probleme

Dieses Bekenntnis traf ein allgemeines Gefühl, und rückschauend hat Ingrid Koch 1994 in einem Zeitungsartikel besonders darauf hingewiesen, dass Johannes Kühl sich "ohne Konfrontation mit den Regierenden zu provozieren, um die nächsten Generationen von Künstlern verdient gemacht habe: Gerhard Altenbourg, Wieland Förster, Max Uhlig beispielsweise".

Dann aber brach 1989 die DDR zusammen. Es taten sich plötzlich neue Möglichkeiten auf - aber auch bis dahin unbekannte Fragen und Probleme. Johannes Kühl führte seine Arbeit fort, auch im geeinten Deutschland. Allerdings: Er hatte nur einen Mietvertrag für die Zittauer Straße bis 1995; woanders würde er nicht noch einmal anfangen, sagte er damals.

Johannes Kühl starb am 21. September 1994. Seine Tochter, die studierte Restauratorin Sophia-Therese Schmidt-Kühl, hat die Kunstausstellung übernommen, in dritter Generation. Sie hat mir erzählt, dass sie schon als Kind ihrem Vater beim Ausstellungsaufbau zur Hand gegangen sei. Oft durfte sie ihn begleiten in die Ateliers; so hat sie das Werden der Ausstellungen miterlebt, hat zugesehen bei der Auswahl der Werke - und hat selbst Künstler-Autogramme gesammelt.

Noch in der Zittauer Straße konnte sie ihre erste Ausstellung durchführen, Anlass war das 70-jährige Bestehen der Kunstausstellung Kühl. Bis heute arbeitet sie erfolgreich weiter, seit 1999 in den neuen, hellen und klaren Räumen in der Nordstraße, in einem Haus, das ihr Mann, Architekt von Beruf, hier im Hochparterre als Galerie eingerichtet hat. Unter den Künstlern, deren Werke in den letzten 20 Jahren gezeigt worden sind, finden sich wieder viele klangvolle Namen. Die aktuelle Jubiläums-Ausstellung ist ein Streifzug durch 90 Jahre aktuelle Kunst, von Gerhard Altenbourg und Elisabeth Ahnert bis zu Willy Wolff und Heinrich Zille reicht die alphabetisch geordnete Liste.

90 Jahre Kunstausstellung Kühl - 1924-2014, bis 23.12.; Kunstausstellung Kühl, Nordstraße 5. Di-Do 11-18 Uhr, Fr 11-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr sowie nach tel. Absprache

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.12.2014

Harald Marx

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