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Die Dresdner Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina will "Liebe dorthin bringen, wo Hass regiert"

Die Dresdner Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina will "Liebe dorthin bringen, wo Hass regiert"

Für die aktuelle Saison hat die Sächsische Staatskapelle ihre Residenzkünstler in perfekter Entsprechung gewählt: Sofia Gubaidulina ist Capell-Compositrice und Gidon Kremer Capell-Virtuos.

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Sofia Gubaidulina bei einer Probe in der Dresdner Semperoper.

Quelle: Matthias Creutziger

Ein DNN-Gespräch mit der Komponistin.

Frage: Sofia Gubaidulina, das 1. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle war Ihr Auftakt als Capell-Compositrice. Der Capell-Virtuos Gidon Kremer hat Ihr Violinkonzert "In tempus praesens" aufgeführt, wie gefiel Ihnen dieses Konzert?

Sofia Gubaidulina: Christian Thielemann hat das so fantastisch gemacht! Das Orchester war absolut perfekt! Ich bin sehr glücklich mit dieser Aufführung, da geschah etwas ganz Besonderes, scheint mir. Gidon ist ein Genie! Das ist wahre Kunst. Ganz ohne Kompromisse. Ich glaube, es ist ein sehr guter Anfang unserer Dresden-Residenz.

Welche Erwartungen haben Sie daran?

Für mich ist es großartig. Ich nehme es als große Ehre wahr, in Dresden Composer-in-Residence zu sein. Aber mir scheint, dass dieses Ereignis nicht nur für mich etwas bedeuten sollte, sondern auch für die Zuhörer und Interpreten. Der Anfang ist sehr gelungen. Es zeigt das sehr hohe Niveau der musikalischen Kunst in unserem Jahrhundert.

Eine glückliche Fügung, dass Sie gemeinsam mit Gidon Kremer hier sind?

Ein unglaublicher Glücksfall, denn ich erlebe ein inniges und sehr menschliches Verhältnis zwischen Solist, Musikern, Dirigent und Komponistin.

Das Publikum darf auch Neues von Ihnen erwarten?

Ja, ich habe einen Auftrag von der Staatskapelle bekommen, das versetzt mich in eine großartige Stimmung. Bis jetzt ist es nur ein Anfang, ich habe das Stück aber innerlich verarbeitet. Es wird Andres Mustonen gewidmet sein, diesem fantastischen Dirigenten aus Estland, meinem Initiator für dieses Werk mit dem Titel "Von Liebe und Hass". Er wird es in der Frauenkirche uraufführen. Dafür habe ich ein Gebet von Franz von Assisi gefunden und war geradezu erschüttert, als ich diesen Text las. Es geht darum, Liebe dorthin zu bringen, wo Hass regiert. Also genau mein Thema. An dieser Stelle habe ich meine Arbeit angefangen, es gibt aber viele weitere Inspirationen.

Es gibt derzeit auch sehr traurige Eindrücke, gerade aus Ihrer einstigen Heimat. Beeinflusst Sie das?

Ja, ich denke viel daran, welche Tragik die menschliche Existenz hat. Viel Tragik und Hass, nicht genug Liebe. Meine Seele ist krank.

Kann Kunst da helfen?

Nein, helfen nicht. Eher umgekehrt. Sie stört diese Tatsache. Für die Kunst ist es günstig, wenn ringsum alles heil und ruhig ist. Die gekränkte Seele stört da nur. Aber sie bewirkt auch etwas Inspirierendes. In letzter Zeit war die Situation für Komponisten oft so, dass sie nur noch etwas Helles und Beruhigendes zeigen wollten. Aber wie wichtig ist das für die Kunst? Wir sollten sehr genau unterscheiden zwischen Existenz und Essenz. Also zwischen dem äußeren Geschehen und dem Wesentlichen in unserem Inneren. Natürlich ist für die Kunst beides wichtig. Die Diskrepanz dazwischen besteht heute in einer heiklen politischen Situation.

Hat es Kunst mit so hohem Anspruch jetzt besonders schwer?

Die leichte Kunst existiert, und das soll sie auch. Sozusagen als Unterhaltung. Das ist nötig für die Menschen, aber das ist nicht genug. Ich glaube, es gibt zwei gegensätzliche Arten von Kunst: Die Unterhaltungskunst strebt danach, uns von der Existenz der Wirklichkeit wegzuführen. Die ernste Kunst will umgekehrt unsere Wesenheit mit einbeziehen. Zwei gegensätzliche Positionen, beide sind wichtig. In unserer Welt existiert aber nicht die rechte Balance zwischen beidem. Jetzt liegt der Akzent auf leichter Kunst, nicht nur in der Musik. Ich denke, das ist nicht richtig.

Vielleicht ist das die Sehnsucht vieler Menschen, sich vom Zeitgeschehen abzulenken?

Ja, die Nachrichten sind schrecklich. Der Hass regiert unglaublich stark. West und Ost stehen sich wieder kämpferisch gegenüber. Früher habe ich gehofft, dass es da keinen Kampf gibt, sondern umgekehrt eine Bereicherung der Kulturen. Wenn ich z.B. nach China oder Japan fahre, treffe ich überall junge Komponisten und Interpreten, ich spüre, da existiert diese Bereicherung! Im alltäglichen Leben besteht keine Konfrontation.

Ist das eine Chance für die junge Generation?

Mir scheint, für sie es noch schwerer geworden. Heute existiert dieser politische und ideologische Druck nicht mehr. Aber es gibt finanziellen Druck, das sehe ich als noch schlimmer für die Kunst. Es ist zumindest nicht leichter geworden. Moralisch ist alles - man kann hier nicht sagen schwerer oder leichter - gesunken. Das ist Hauptproblem der modernen Kunst. Nicht nur in Russland, sondern in der Welt überhaupt. Insgesamt erleben wir eine Epoche des Niedergangs. Das ist nicht so schlimm, wie es scheint. Niedergang kann sehr interessant sein, denn darin erscheint eine Mannigfaltigkeit von Intentionen. Jeder sucht einen neuen Weg, sucht neue Dimensionen. Sozusagen eine Vorbereitung für die Zukunft.

Auch Schostakowitsch hat sehr unter Doktrin und Diktatur gelitten. In Gohrisch erinnert ein Festival an den Komponisten. Sie werden diesmal mit dabei sein?

Schostakowitsch ist ein ganz wichtiger Mensch für mich, vielleicht einer der wichtigsten in meinem Leben. Ich liebe ihn sehr als Persönlichkeit und liebe natürlich auch seine Musik. Daher finde ich es sehr gut, dass man ihm so ein Festival widmet. Schostakowitsch war eine tragische Figur. Diese Tragik seiner Biografie und seiner Musik ist das Thema, das mich sehr beeinflusst. Das ist die Tragödie meiner Vätergeneration. Politisch absolut unmöglich, eine unerträgliche Situation für unsere Väter. Wir selbst waren da schon in einer fast glücklichen Lage, die lange nicht so kompliziert war wie für Schostakowitschs Generation. Ich kann mich davor nur verneigen.

Aufführungen

Werke von Sofia Gubaidulina erklingen am 18. September in Gidon Kremers Projekt "Mein Russland" in der Semperoper sowie bei den Schostakowitsch-Tagen Gohrisch (am 20.9., 15 Uhr im Kirchenkonzert Königstein; 19.30 Uhr im Konzertzelt, am 21.9., 11 Uhr in der Kammermatinee die Uraufführung "So sei es").

Im kommenden Frühjahr gibt es ein neues Werk der Komponistin, das der Dirigent Andres Mustonen mit der Staatskapelle in der Frauenkirche uraufführen wird (18.4.). Weitere Werke erklingen im 3. Aufführungsabend (20.4.) sowie Ende Juni beim 11. Sinfoniekonzert unter Vladimir Jurowski (1. Violinkonzert "Offertorium" mit dem Capell-Virtuosen Gidon Kremer).

Dieses Violinkonzert wird auch von der Dresdner Philharmonie aufgeführt, am 19.10. spielt es Vadim Guzman unter Leitung von Reinbert de Leeuw in der Kreuzkirche.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2014

Michael Ernst

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