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Die Dresdner Bürgerbühne verabschiedet ihren Gründer

Regentränen beim Tortenfinale Die Dresdner Bürgerbühne verabschiedet ihren Gründer

Nach jenem als Liederabend im Großen Haus vor zwei Wochen geriet die zweite Runde der Verabschiedung des nach Düsseldorf wechselnden Intendanten des Staatsschauspiels Dresden, Wilfried Schulz, im Kleinen Haus nun weitaus direkter und persönlicher.

 Abschied als scharfes Schwert: Intendant Wilfried Schulz nimmt die Ode seines Bürgerchors zur Kenntnis. Den rührenden Regen habe er extra bestellt, um die Tränen zu kaschieren, so Schulz.
 

Quelle: Daniel Koch

Dresden.  Es war eine eingebettete Feierstunde zwischen zwei Musikeinheiten: Zwischen Thomas Eisen und seiner Band Kaisermühlen und dem famosen Sextett, welches die neueste große Bürgerbühnen-Produktion von „Ich war einmal“ begleitet, gab es den zweiten großen Abschied von Wilfried Schulz. Nach jenem Liederabend im Schauspielhaus vor zwei Wochen geriet die zweite Runde der Verabschiedung des nach Düsseldorf wechselnden Intendanten im Kleinen Haus weitaus direkter und persönlicher. Das hat seinen Grund: Hier haust die Bürgerbühne – seine ureigene Erfindung, mit der er das Kleine Haus zum quicklebendigen Kulturhaus und unter Leitung von Miriam Tscholl zum Beitrag des Staatstheatertankers zur Neustadtkultur machte.

Zwischen der Musik war Zeit für Geschenke und Zeit für Würdigung: Denn 36 Premieren in sieben Spielzeiten, also mehr als ein Fünftel des Gesamtspielplanes, wurde hier von den Bürgerbühnlern gestemmt: Mit mehreren hundert Freiwilligen, die das Gründungsmotto „Verschwende Deine Freizeit“ seither regelmäßig ernst nehmen, bekam das Haus urbane Impulse aus der Stadt, die es wieder zurückgab, und überwand schnell die Widerstände, die vor allem Laien- und semiprofessionelle Ensembles wie Häuser hegten, weil es vermeintlich deren Personal, Publikum und Aufmerksamkeit an sich sog.

Auch hörte man im Juni 2009 förmlich das Ohrenrunzeln der lokalen Kulturpresse, als Schulz das Projekt drei Monate vorm scharfen Start seiner Dienstzeit bei einer expliziten Pressekonferenz als „eigene Sparte“ ankündigte. Es gehe um alle, die dem Theater aus irgendwelchen Gründen bislang zu oft abhold bleiben, begründete er dies. Die Form der wechselseitigen Integration klappt schnell: Bereits in der ersten Spielzeit nahmen rund 400 Bürger ihre Bühne, meist die neue Dachbühne namens Kleines Haus 3, in Beschlag. Dabei waren: mehr Frauen als Männer, mehr Junge als Alte. Nach der sechsten Spielzeit zählte man rund 2000 Mitstreiter.

Die Freizeitakteure wählen dabei zwischen zwei generellen Teilhabeformaten: Entweder richtige Inszenierungen, für die man ein Casting zu bestehen hat, oder wöchentliche Spielclubs – untermauert wird die je einjährige Einbürgerung durch einen hauseigenen Pass – der gilt auch als Theatertüröffner: Preiswerter Genuss jeder Produktion der ganzen Spielzeit und verbilligte Preise in der Theaterkneipe.

Diese Idee setzte sich durch – und zwar als landesweit nachgeahmter Trend mit internationaler Reputation. Darauf kam auch Autorin Dagrun Hintze zu sprechen, die hieran mit „Die Zärtlichkeit der Russen“ und „Mischpoke“ ihren Anteil hatte und ihre Dresdner Begegnung mit dieser Form „partizipativen Theaters“ schilderte: ständige Diskussionen, Kopfzerbrechen, kein Künstlerbonus. Sie zählt ein Dutzend folgende Bürgerbühnen auf, darunter jüngst Budapest und bald Düsseldorf. Und sie vergaß nicht, aufs Montagscafé und den Erfolg von „Morgenland“ zu verweisen – jüngst als Rahmen der Berliner Festspiele geadelt.

Das alles dankten ihm nun die Bürger: Mit 36 handgebackenen Motto-Torten aller Inszenierungen, die nach vielen Fotos (auch Selfies!) alle gemeinsam aufgegessen wurden, und einem eigens gedichteten Lied des Bürgerchores. Schulz schob seine Rührung dem Regen zu, den er eigens bestellt habe. Danach wurden zweihundert gelbe und weiße Luftballons mit Wunschpostkarten als eine Art Flashmob von der Glacisstraße in den nun wieder erstaunlich heiteren Himmel entlassen.

Anschließend wurde „Ich war einmal“, getragen von jungen Talenten, zelebriert, und eine Stunde bevor Ronaldo den parallel laufenden TV-Fußballabend beendete, war der Hof wieder voll, die Bürgerbühnler konnten zur Partyzeit übergehen. Schulz war da schon weg, die nächste Bürgerbühne wartet am Rhein.

Richtig Spielpause im Haus ist erst seit Sonntag Abend: Die 177. „Tschick“-Vorstellung am Ort der Uraufführung besiegelte den Abschied. Am 20. August beginnt – mit der Uraufführung von Ralf-Alf – eine neue Ära. Bürgerbühnenchefin Miriam Tscholl bleibt Dresden erhalten, sie startet am 1. Oktober mit „Romeo und Julia“ in einer Fassung von Martin Heckmanns, gespielt von deutschen und arabischen Jugendlichen auf der großen Bürgerbühne im Kleinen Haus.

www.staatsschauspiel-dresden.de/buergerbuehne/

Von Andreas Herrmann

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