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Die Dresdner Bürgerbühne bietet mit „Herr der Fliegen“ den Gegenentwurf zu infantilen Humanismus

Ode an den Darwinismus Die Dresdner Bürgerbühne bietet mit „Herr der Fliegen“ den Gegenentwurf zu infantilen Humanismus

Ein großes Buch, William Goldings „Herr der Fliegen“. Dresdens Bürgerbühne hat aus dem Text des Literatur-Nobelpreisträgers Ansprechendes für eine nicht ganz so große Bühne gefertigt.

„Herr der Fliegen“ am Staatsschauspiel Dresden mit Simon Carl Köber (Samneric), Taddeus Ehrhardt (Samneric), Blanka Winkler (Jack), Clemens Kersten (Ralph und Linda Kleinhubert (Roger).

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Eine Gruppe Jugendlicher – eigentlich Elite-School-Boys zwischen 6 und 12 – stürzt auf der Flucht vorm Atomschlag auf einer einsamen, menschlicherseits unbewohnten Pazifikinsel ab. Schnell müssen sie sich organisieren, der Größte bläst ins laute Muschelhorn und alle folgen ihm. Denn es gilt, nach kurzer Freiheitsfeier unter dem Motto „Endlich ohne Erwachsene“, Hütten zu bauen, Nahrung zu finden, die vermeintliche Insel als solche zu erkennen – und darob oben dem Gipfel ein dauerhaftes Feuer einzurichten, um die Hoffnung auf Rettung am Glimmen zu halten. Doch es herrscht irgendein fürchterliches Tier oder Ungeheuer auf der Insel – und die Angst wird zum steten Begleiter ...

An der Dresdner Bürgerbühne ist jener „Herr der Fliegen“ nach dem Roman von William Golding, in der Bühnenfassung von Nigel Williams sanft um neudeutschen Jugendslang ergänzt, seit Sonntag mit 15 Dresdner Jugendlichen zu erleben. Dabei zeigt der Stoff, für den Golding nach seinem ersten Lyrikband zwanzig Jahre und die Kriegserfahrung als britischer Marineoffizier brauchte, um fast vierzig Jahre später dafür den Nobelpreis zu bekommen, wie dünn die zivilisatorische Aura gerät, wenn das kulturelle und soziale Umfeld – im Stück mit Schule, Eltern und Polizei beschrieben – plötzlich fehlt.

Bühnenbildner Alexandre Corazzola schuf dafür im Kleinen Haus 2 eine schwarze Bühne mit neuen stabilen Scheinwerfertürmen an den drei Bühnenrändern, auf denen gern herumgeklettert wird. In der Mitte thront eine Art Doppelrasenbett, deren obere Hälfte ab und an herauf- oder herunterschwebt. Darin wohnt, wie in einem quadratischen Sandwich versteckt, mit Erde und Gras das einzige Leben und die einzige Farbe auf der sonst teer- oder rußschwarzen Insel. Diese Welt, im Text durchaus als karibisch-romantisch beschrieben, ist weder tolerant noch bunt, sondern schlicht unbewohnte Natur, in der es lange dauert, ehe Jacks Jägerchor das erste Schwein schlachtet.

Reisetipp für Freunde der Herzensfinsternis

Regisseur Kristo Šagor, der sich mit Jugendlichen an der Bürgerbühne vor anderthalb Jahren bereits „Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst annahm, führt nun auf „dieser Reise ins Herz der Finsternis“ – so die Werbung zum Stück – die meisten seiner Dresdner Laien zu hoher Präsenz, wobei der rasche Wandel zum leviathanfreien Urzustand sehr stringent und die Charaktere wenig nuancenreich gezeichnet werden.

Dafür wird sehr dynamisch, äußerst kraftvoll, aber damit auch mächtig gewalttätig um die Vorherrschaft in der Gruppe gerungen – um rasch in der Spirale des infantilen Darwinismus zu versinken.

Gut klappt Šagors Idee mit der Doppelung der Hauptrollen. Der gute Ralph, anfangs gewählt, weil keiner einen besseren wusste, wird gespielt von Clemens Kersten und Conrad Böhme – der erste groß und stark, der andere als manchmal stachelndes, manchmal schwächelndes Alter ego. Den fiesen Jack geben – beide in beeindruckender körperlicher Eleganz und Härte – Blanka Winkler und Justin Woschni.

Gemeinsam sind sie den Ralphs überlegen und können so mählich per Kraft statt Argumenten die Macht übernehmen, indem immer mehr der Kids zu ihnen überlaufen: Fressen statt Moral.

Auch verzichtet das Regieteam romangerecht auf jede weibliche Komponente und lässt seine sieben Mädchen generell mit aller herben Härte agieren, nur Elisabeth Helene Sperfeld darf als Bill ab und Cello spielen (Musik Sebastian Katzer). Differenzierter geraden die drei spannenden Nebengestalten: Den schlauen Piggy, mit Asthma und Brille gepeinigt, gibt Frederick John. Er hält trotz Demütigung und Ängsten immer zu Ralph – und muss dafür ebenso sterben wie Simon, von Ex-Palucca-Schüler Matti Freitag als schüchterner Freigeist gegeben, der mutig tut was nötig ist – und so auch den Herr der Fliegen, einem abgestürzten Fallschirmjäger, der sich im Wind ab und an regt, befreit.

Unbedingt erwähnenswert: Jungstar Anton Petzold, bekannt als doppelter Film-Rico und gerade zwölf geworden, war seit 2011 schon drei Mal hier zu sehen, und spielt nun neben dem hysterisch schreienden Percival auch das Schwein und den Herr der Fliegen. Das meistert er mit Leichtigkeit, was nicht verwundert, wenn man an seine Textmenge in Bärfuss’ „20 000 Seiten“ denkt.

Dabei drückt sich das Haus um eine Altersempfehlung, aber da die Mitspieler elf bis 22 Jahre alt sind, werden wohl auch Jüngere das Gruseln lernen, obwohl man angesichts der real ausgelebten körperlichen Gewalt eigentlich für P 14 und vorheriger Romanpflicht plädieren mag. Langweilen dürfte sich nur jenes Achtel der Jugend, welches per Ballerspielkonsum bestens vorbereitet wäre, was aber für alle traditionellen Kulturpraktiken mitsamt Lesen zutrifft.

Das kann insofern egal sein, als dass die typische Bürgerbühnendynamik, nach der alle Freunde alle Freunde unbedingt sehen müssen, wirken wird. Schon jetzt sind alle drei Februarvorstellungen ausverkauft, Karten erst ab März verfügbar.

Aufgeklärte Erwachsene sehen hingegen aufwühlendes Theater mit einem großen Schluss-Uff vorm Applaus und viel Diskussionsbedarf im Anschluss, gern auch über die ganz nahe liegenden akuten Inseln der

Un- respektive Ex-Zivilisation.

Nächste Vorstellungen mit Karten am Kleinen Haus: 2. & 21. März (je

19.30 Uhr);

Netzinfos: www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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