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Die Dresdner Bürgerbühne auf "Irrfahrten des Odysseus"

Die Dresdner Bürgerbühne auf "Irrfahrten des Odysseus"

Odysseus ist immer noch die perfekte Schablone für den abenteuerlustigen Weltbürger. Weil das so ist, hat die Bürgerbühne des Dresdner Staatsschauspiels unter der Regie von Miriam Tscholl in dem Stück "Irrfahrten des Odysseus" nach Homer das Leben von acht Wahldresdnern in die große Geschichte des Seefahrers eingearbeitet.

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Das Sofa ist wahlweise die Insel der Kalypso, Ithaka oder der Hades. Es wird zum Schiff, zur Badewanne oder ist auch mal nur ein ganz normales Sofa für Hüseyin Kücük, Peter Welchman, Edress Barekzai, Olga Berndt, Dr. Hussein Jinah, Mario Herzig, Anke Müller-Gupte und Maria Derkina (v.l.n.r.), Darsteller im Theaterstück "Irrfahrten des Odysseus".

Quelle: Patrick Johannsen

Die Laienspieler kommen aus Indien, der Türkei, aus Russland, aus Afghanistan, Großbritannien und aus Deutschland. Unterm Dach des Kleinen Hauses zeigen sie vor minimaler Kulisse, wie problemlos sich aktuelle Lebensverhältnisse in die antike Geschichte kopieren lassen. Die Erzählungen sind voller Wagemut und Hoffnung, offenbaren aber auch Zweifel und den Wunsch, in Dresden eine Art von Zugehörigkeit zu finden.

"Ich bin 'neue' Dresdnerin, 31 Jahre jung und komme aus Moskau. Seit 2007 wohne ich hier mit meinem Mann, der gebürtiger Dresdner ist. Der Umzug ist mir nicht leicht gefallen, denn obwohl hier das Leben viel besser ist, habe ich riesige Sehnsucht nach meiner Heimat." Das schreibt Olga Berndt in ihrer Bewerbung. Sie ist eine von acht, die es aus rund 100 Menschen in die Irrfahrt geschafft hat. Sie schreibt weiter, dass "die Sehnsucht nach ein paar Jahren nachgelassen hat." Sie schloss ihr zweites Studium in Dresden ab und arbeitet nun im Tourismus, macht Geschäfte mit Russland. Drei Mal im Jahr sieht sie ihre Eltern, trifft alte Freunde. "In Russland bin ich für alle deutsch und fühle mich dort unter Fremden zuhause." Sie ist weder hier, noch in ihrer alten Kultur richtig verankert.

Aus der russischen Ehefrau wird auf der Bühne die verführerische Kalypso, auf deren Insel Odysseus strandet und sieben Jahre bleibt. Sie wird auch zur Gattin Penelope, die zu Hause in Ithaka wartet. Alle drei Frauen wandeln zwischen den Figuren. Auch die Männer werden zu Odysseus, zum Meeresgott Poseidon und anderen mythischen Wesen, wenn sie nicht gerade etwas aus ihrem eigenen Leben erzählen.

Je nach Biografie wurden für das Theaterstück bestimmte Anknüpfungspunkte aus der berühmten Odyssee herausgepickt. "Thematisch geht es neben Heimat auch um die Emanzipation einer Frau von ihrem Mann, um Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit in Dresden oder um das jahrelange Warten auf einen Mann. Es gibt einen Gegenentwurf zu Odysseus - den Odysseus ohne Mut - und es geht um Sterblichkeit und Unsterblichkeit." Mit letzterem meint Regieassistentin Anne Tippelhoffer Olga Berndt und ihren Umgang mit einer unheilbaren Krankheit, die dazu führt, dass sie bei den Proben schnell außer Atem gerät. Dennoch ist sie mit viel Hingabe und Konzentration dabei.

Man merkt allen Beteiligten an, dass sie große Lust auf dieses Schauspielexperiment haben. Für den 32-jährigen Engländer Peter Welchman ist es ein "Spagat zwischen Spiel und Realität. Wo spiele ich mich selbst, wo eine Rolle?" Er ist der erste Odysseus des Stückes, der mutlose, der zugleich unendlich viele Möglichkeiten hat. Er singt und spielt Gitarre, erzählt vom Hockeyspiel und von der Suche nach dem Glück. "Aber ein Gefühl von Heimat bleibt mir fremd, trotz lebenslanger Liebe zum deutschen Sprachraum." Dem Türken Hüseyin Kücük gefallen die deutschen Frauen, er schätzt ihre Erfahrung und ihre Selbständigkeit. Doch er vermisst den Duft seiner Heimat. Er spielt voller Freude und mit dem charmanten Lächeln eines Lebemenschen.

Für Dr. Hussein Jinah war Dresden ein Kompromiss, den er für seine Beziehung einging. Auf der Bühne schwingt der Inder bedrohlich den Dreizack Poseidons, in Wirklichkeit kam er unter seiner Regie zur Welt. "Auf einem britischen Schiff im indischen Ozean vor Ostafrika." Jinah sagt, seine Lebensgeschichte sei identisch zu Odysseus, und meint, dass auch sein Leben meistens außerhalb von Indien stattfindet. Der 55-Jährige kam 1985 als Student nach Dresden. Weil es mit der akademischen Karriere hier nicht weiterging, wurde er Sozialarbeiter und Streetworker im Jugendamt. Heute sitzt er im Personalrat im Rathaus und engagiert sich für eine offene Gesellschaft, ist Dolmetscher für mehrere Sprachen. "Diese Stadt hat mir sehr viel gegeben: Ausbildung, Arbeit, Anerkennung, Zugehörigkeit, Berühmtheit und Freude. Hier wird auf die Gesetze geachtet, und es herrscht Demokratie."

Für Eddress Barekzai ist diese Demokratie das größte Gut. Seine Odysseus-Person erzählt von einer sechs Monate dauernden Flucht. Der 26-jährige Afghane musste Kabul verlassen, nachdem Mitglieder der Taliban seinen Vater ermordeten und seine Familie bedrohten. Er ist studierter Finanzwirtschafter, kommt aus einer gebildeten Familie. Jetzt lebt er mit seiner Mutter in einem Dresdner Asylbewerberheim und wartet darauf, dass es irgendwie weitergeht. Da er keine Arbeitserlaubnis hat und seine Familienmitglieder in Hamburg, Aschaffenburg, Russland oder Kanada nicht besuchen kann, vertreibt er sich die Zeit mit Deutschstunden und vielen Gedanken über das, was schief läuft in seiner Heimat. Er ahnt, er wird nie zurückkönnen, obwohl er nichts sehnlicher will als das.

Auch für Mario Herzig wird das schwierig, denn seine Heimat ist die See. Der 33-jährige Görlitzer war Marinesoldat in der Bundeswehr und bezeichnet sich als "Soldat und Seefahrer im Herzen". Er mag die klaren, einfachen, hierarchischen Strukturen an Bord. "Das enge Zusammenleben erzog mich darin, einen zweiten Blick auf Menschen zu werfen." Er lernte Improvisieren und Vertrauen. Auf der Bühne wirkt er selbstsicher, sein Spiel echt. Für ihn ist das vor allem eine neue Selbsterfahrung. Er kann sich "einlassen, schreien, hinwerfen, kreativ sein, blamieren oder mit Theaterblut spielen" und bekommt außerdem "einen ökologisch valideren Zugang zu anderen Kulturen", weil er, um sich auszutauschen, nicht durch die Welt fliegen, sondern nur in den Pausenraum gehen muss.

Das Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Ländern war auch für Maria Derkina aus Sibirien entscheidend für ihre Teilnahme. Als russlanddeutsche Spätaussiedlerin kam sie mit ihrer Oma Ende der 90er Jahre nach Norddeutschland, ging zum Studium nach Dresden und lebt seit ein paar Wochen in Berlin. Ihre Penelope-Version erzählt davon, wie es ist, mit einem Komponisten zusammen zu leben, der fast das ganze Jahr unterwegs ist, und wie sie schrittweise lernte, auf eigenen Beinen zu stehen. Was auch hieß, sich gegen ihre konservative russische Mutter durchzusetzen. Mit fünf Jahren erhielt sie ihre erste deutsche Lektion. "Mit viel Aufwand und für viel Geld besorgte meine Mama für mich zwei wunderschöne, deutsche Puppen. Sie hatten lange, blonde Haare, große blauen Augen und wunderschöne Kleider. Sie unterschieden sich sehr stark von sowjetischen Nataschkas und Daschkas." Sie sagt, sie erlitt schon ein paar Schiffbrüche. "Aber je älter ich werde, desto gelassener gehe ich damit um und traue mir mehr zu." Anke Müller-Gupke hat ebenfalls schon einige Fahrten durchs Leben hinter sich "die nicht zielstrebig verliefen, die Irrfahrten glichen und dabei Neues, Überraschendes und Unerwartetes mit sich brachten." Im Stück thematisiert sie vor allem Aspekte der Beziehung mit ihrem indischen Mann - "wie wir uns kennenlernten, Besonderheiten im Umgang mit Zeit und Emotionen".

Auch Olga Berndt hat ihre Liebe geheiratet und sagt, es war ihre beste Entscheidung. "Wir lieben uns, und ein Stempel im Pass gab uns die Möglichkeit, zusammen zu sein." Nun möchte sie der deutschen Gesellschaft etwas geben, nützlich sein. Erst einmal gibt sie uns ihre Geschichte. Und in ein paar Monaten dann auch noch russisch-deutschen Nachwuchs.

Aufführungen des Bürgerbühnenstückes "Irrfahrten des Odysseus" nach Homer, in der Fassung von Hajo Kurzenberger und Miriam Tscholl: 22. Februar, 20 Uhr (Premiere), 1., 10. und 29. März, jeweils 20 Uhr im Kleinen Haus 3.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.02.2014

Juliane Hanka

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