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Die Dresdner Band Das Blaue Einhorn hat sich nach 23 Jahren von der Bühne verabschiedet

Die Dresdner Band Das Blaue Einhorn hat sich nach 23 Jahren von der Bühne verabschiedet

Es waren tatsächlich 23 Jahre, in denen das Dresdner Quartett Das Blaue Einhorn - seit 2005 in unveränderter Besetzung - mehr als nur einen Akzent im reichen Dresdner Musikleben gesetzt hat.

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Letztmalig volle Kapelle: Das Blaue Einhorn beim großen heimischen Konzertfinale.

Quelle: Dietrich Flechtner

Paul Hoorn (*1960), Florian Mayer (*1974), Andreas Zöllner (*1963) und sein Bruder Dietrich (*1965) haben ihre eigene Programmdramaturgie und die dazugehörige Interpretation als eine entscheidende Alternative zur Hochglanzpolitur vieler Dresden Ensembles entwickelt und praktiziert. Man sollte nun aber nicht meinen, sie hätten in langen theoriegeschwängerten Sitzungen ein Prinzip entwickelt und sich dem dann unterworfen. Ihr unverwechselbarer Stil ist das Ergebnis praktischen Musizierens und hat sich ohne vorab festgelegte Regularien aus dem Geist der Musik und der Befindlichkeit der Musiker herausgeschält. Auch auf die Gefahr, missverstanden zu werden, könnte man formulieren, diese Art musikalischer Produktion habe sich von selbst ergeben. Etwas genauer geht es auch: Das Produkt und seine Hersteller haben auf glücklichste Art zueinander gefunden. Mindestens ebenso wichtig: Es gibt in Dresden und nicht nur hier genügend Interessenten für diese Präsentation und die Gedankenwelt dahinter, um große Säle zu füllen.

Damit sind wir am Zentrum des Ganzen angelangt. Natürlich macht es den Einhörnern Spaß, so zu musizieren. Sie vermeiden alles, was belanglos und beliebig ist. Wohlgemerkt: Auch ein herzhafter Spaß ist damit nicht ausgeschlossen. Der gewichtigere Teil ihres Schaffens ist aber die bestmöglich Umsetzung einer engagierten Haltung. Das meint nicht eine linke und schon gar nicht eine rechte Position, sondern ein Stück menschlichen Daseins. In diesem Kontext bedeutet menschlich das Eintreten für Menschenwürde, für einen guten Gedanken, für ein Stück Zärtlichkeit, für Dinge also, denen wir täglich gegenüberstehen und die uns zu einer Stellungnahme stimulieren sollten. Da wird weder eine knatternde Fahne aufgezogen noch das weiße Tuch der Kapitulation geschwenkt. Das Einhorn beschreibt Situationen, frühere und gegenwärtige, und stellt Fragen, die sich als Problembewusstsein in die Seelen der Zuhörer bohren. Das hat nichts mit Larmoyanz, Agit-Prop oder mit der Verlogenheit der "volkstümlichen" Musik zu tun. Es ist ein eigenes Genre, das am ehesten wohl mit der Arbeit der Weavers und Pete Seegers vergleichbar ist, aber jiddische Lieder oder Balladen Wladimir Wyssozkis ebenso einschließt. Uralte Folklore. Choräle und Gebete stehen gleichberechtigt neben modernen Chansons.

Nun hat aber alles, was bisher zu lesen war, einen Grundfehler: Die Aussagen stimmen nicht mehr, zumindest nicht für Live-Konzerte. Am Sonnabend haben die Einhörner im Alten Schlachthof das Konzert zu ihrem Abschied vom Konzertpodium und von der CD-Produktion gegeben. Da stand einiges schon vorher fest. Erstens: Der Saal wird voll sein, denn die Karten waren schon Monate zuvor ausverkauft. Zweitens: Es wird verspätet beginnen, weil noch viele Besucher hoffen konnten, trotzdem Einlass zu finden. Drittens: Das Publikum wird begeistert sein und das auch freimütig äußern - die standing ovations am Ende waren zu erwarten. Viertens: Man durfte sich auf einige Höhepunkte aus 23 Jahren Konzertpraxis freuen. Es ist übrigens nicht so wie bei anderen Gruppen, die aufhören, weil ihr Stil keine Interessenten mehr findet oder sie einfach nicht mehr mögen. Gastspielwünsche gibt es noch immer haufenweise und die Freude am eigenen Tun ist nicht geringer geworden. Zu einem Zeitpunkt, der für einige gerade noch sinnvoll ist, will jeder für sich noch einmal etwas Neues probieren.

Programm und Interpretationen des Finalkonzerts waren von einer Güte und so mitreißend, dass der Abschied fast wie ein Stück Sterben wirkte, denn ein Ersatz ist weit und breit nicht in Sicht. Oft wurde man an die alte Bühnenweisheit erinnert, dass nichts so gut vorbereitet und geprobt werden muss wie eine gelungene Improvisation oder das, was wie eine Improvisation wirkt. Moderation, Liedtexte, Melodien, Arrangements und Wiedergabe waren von einer Qualität, die uns in Dresden fehlen werden. Vor allem jedoch mangelt es an Haltung und Stil.

Aber wer weiß, vielleicht geschieht doch ein Wunder und beschert uns eine Gruppe, die wenigstens in Ansätzen dem Einhorn entspricht. Bis dahin müssen wir uns damit abfinden, dass wir etwas ganz Seltenes verloren haben. Gut, dass es wenigstens CDs gibt und weiterhin geben wird, aber die können die Atmosphäre des Abschiedskonzerts nur unzulänglich wiedergeben und höchstens Erinnerungshilfe leisten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.11.2013

Peter Zacher

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