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Die Dirigenten-Legende Gennadi Roschdestwenski ist wieder in Dresden

"Die Dynastie ist nicht wichtig, wichtig ist Qualität" Die Dirigenten-Legende Gennadi Roschdestwenski ist wieder in Dresden

Gennadi Roschdestwenski ist eine Ikone unter den Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er ist es erst recht im 21. Jahrhundert. Am Wochenende dirigiert er einmal mehr die Dresdner Philharmonie. Nun erhielt er den Preis der Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch.

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Der Dirigent Gennadi Roschdestwenski

Quelle: Wladimir Polak

Dresden. Gennadi Roschdestwenski ist eine Ikone unter den Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er ist es erst recht im 21. Jahrhundert. Am Wochenende dirigiert er einmal mehr die Dresdner Philharmonie. Gestern erhielt er den Preis der Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch.

Frage: Maestro Roschdestwenski, sind Sie damit einverstanden, als Dirigenten-Legende, als Ikone bezeichnet zu werden?

Roschdestwenski: Das ist für mich neu. Es klingt ja sehr schön, eine Ikone zu sein. Andererseits ist es sehr kompliziert, denn eine Ikone betet man an. Ich habe zumeist etwas mit einem Orchester zu tun. Und mit Musik. Ich bin also lieber ganz einfach ein Mensch.

Immerhin haben Sie das europäische Musikleben des vergangenen Jahrhunderts wesentlich mitgeprägt!

Das war nicht meine Absicht. Ich habe viele Orchester dirigiert, fast 800 Schallplatten eingespielt und wundere mich manchmal selbst, wann ich das gemacht haben soll. Das schmeichelt mir, aber ich habe darüber nicht nachgedacht. Ich komme und ich dirigiere, das war's. Ich habe eine ganz einfache Einstellung zu meinem Beruf - ich werde Ihnen dieses Geheimnis jetzt lüften. Hier sehen Sie die Partitur der 5. Sinfonie von Sergej Prokofjew. Auf der ersten Seite habe ich notiert, wo und wie oft ich sie dirigiert habe. Seit 1963 waren es 51 Konzerte in 14 Ländern und 24 Städten. Deswegen denke ich, dass ich inzwischen gut vorbereitet bin. In dieser Zeit habe ich natürlich ein Bild von diesem Werk erhalten, ich kann mich in jeden Takt hineindenken, wie er - meines Erachtens - klingen soll.

Das bedeutet nicht, dass alles richtig ist. Es kann sogar sein, dass gar nichts richtig ist. Aber ich nehme an, wenn nichts richtig wäre, hätte man mich nicht eingeladen. In den Proben klingt das oft anders, deswegen quäle ich dieses arme Orchester so sehr. Bis das, was ich höre, zu dem passt, was ich bei dieser Musik fühle. Hundert Prozent passt es wohl nie, was aber nichts mit der Qualität des Orchesters zu tun hat. Das ist das Geheimnis meines Berufs.

Gehört etwas wie Demut zu diesem Geheimnis?

Sonst würde ich mir doch nicht erlauben, mich ans Dirigentenpult zu stellen! Diese Musik ist einzigartig. Sie müsste von viel, viel mehr Menschen gehört werden. Das ist das Ziel meiner Arbeit.

Wenn Sie zurückblicken: Sie waren Chef des Staatlichen Rundfunk-Sinfonieorchesters der UdSSR, Künstlerischer Leiter am Bolschoi und Musikchef der Moskauer Kammeroper. Später leiteten Sie das Londoner Symphony Orchestra, ab 1981 waren Sie Chefdirigent der Wiener Symphoniker, wiederholt leiteten Sie die Stockholmer Philharmonie. Wie wichtig waren Ihnen diese Stationen?

Für mich war das natürlich persönlich bedeutsam, aber viel wichtiger ist doch, dass es ein Präzedenzfall für viele andere gewesen ist. Und dass wir unsere Musik in die Welt getragen haben!

Jetzt gastieren Sie zum wiederholten Mal in Dresden. Welchen Bezug haben Sie zu dieser Stadt?

Dresden, das ist für mich Geschichte. Die Geschichte dieser Stadt. Natürlich denke ich an die Kunstsammlungen in Dresden. Was aber im Zweiten Weltkrieg hier passierte, übertrifft alles andere, was ich zu Dresden empfinde.

Hier sind zwei Weltklasse-Orchester zu Hause. Wie präsent sind Ihnen Philharmonie und Staatskapelle?

Die Staatskapelle habe ich vor vielen, vielen Jahren zu den Salzburger Festspielen dirigiert. Mit der Philharmonie habe ich vor einigen Jahren Schostakowitschs 1. Sinfonie und die Filmmusik zu "Fünf Tage, fünf Nächte" gespielt. Sehr gute Orchester!

Bei Ihrem letzten Dirigat der Philharmonie kamen Sie mit Ihrem Sohn Sascha und interpretierten das Violinkonzert von Glasunow. Diesmal wird dessen Klavierkonzert mit Ihrer Ehefrau Wiktoria Postnikowa zu hören sein. Obendrein stammen Sie selbst aus einer Musikerfamilie. Wie wichtig, wie prägend ist Ihnen diese Dynastie?

Die Dynastie ist nicht wichtig, wichtig ist die Qualität in der Dynastie. Wenn mein Sohn schlecht Violine oder meine Frau schlecht Klavier spielen würde, hätte ich sie nicht eingeladen. Aber die Kompositionen von Glasunow ist sehr wichtig. Er ist der Lehrer von Dmitri Schostakowitsch und von Sergej Prokofjew gewesen.

Sie haben gestern den Preis des Internationalen Schostakowitsch-Festivals Gohrisch erhalten. Was wissen Sie von diesem Festival, und wie wichtig ist Ihnen diese Ehrung?

Es war eine ganz große Freude. Aber die größte Freude für mich war, ihn selbst kennenzulernen. Er war nicht mein Lehrer, aber es ist so gekommen, dass er mein Lehrer ist. Das ist es, was für mich so bedeutend wurde. Das ist also ein ganz fantastischer Preis. Wie kann mir das nicht gefallen?

Damit werden auch Ihre Verdienste um das Werk von Dmitri Schostakowitsch gewürdigt. Sie haben sämtliche Sinfonien von ihm eingespielt, seine Oper "Die Nase" an der Moskauer Kammeroper quasi rehabilitiert und mehrfach mit ihm selbst zusammengearbeitet. Welchen Stellenwert nimmt Schostakowitsch in Ihrem Leben, in Ihrem Wirken ein?

Ich habe alle seine Werke eingespielt, die Sinfonien, Opern, Ballette, die Konzerte und auch die Filmmusik. Was er hinterlassen hat, ist sehr viel - und sehr tief. Wenn man das alles aufgenommen hat, möchte man am liebsten von vorn anfangen, denn das Leben bringt ja auch Korrekturen mit sich.

Welche persönliche Beziehung hatten Sie zu Schostakowitsch?

Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, was ich in Gohrisch dazu sagen werde. Aber dazu reicht ein Abend nicht. Darüber kann ich nicht in Kürze reden, meine Arbeit mit Schostakowitsch, das würde eine Fortsetzungsserie werden. Wenn mich jemand fragt, wie war Schostakowitsch als Mensch, als Persönlichkeit, dann kann ich nur sagen, schauen Sie sich seine Partituren an. Dann werden Sie vielleicht fünfzig Prozent von ihm verstanden haben.

Konzerte mit der Dresdner Philharmonie: 23. und 24.1., 19.30 Uhr, Albertinum. Es erklingen Werke von Ljadow, Glasunow und Prokofjew.

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