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Dresdens Kunsthaus zeigt Ausstellung aus Wroclaw

„Die Deutschen kamen nicht“ Dresdens Kunsthaus zeigt Ausstellung aus Wroclaw

Drei große weiße Fahnen, gesteckt durch zerborstene Fensterscheiben im ersten Stock, flattern im Innenhof. Ein Sinnbild der Kapitulation, natürlich. Gültig von Alters her. Dazu Wagner-Klänge. Es fühlt sich, vor allem in einer Stadt wie Dresden, an wie ein Zwischending von Reminiszenz und Abgesang auf den Zweiten Weltkrieg.

Eine Arbeit von Piotr Kmita im Kunsthaus: „It was“, 2014.
 

Quelle: Sebastian Kahnert

Dresden.  Drei große weiße Fahnen, gesteckt durch zerborstene Fensterscheiben im ersten Stock, flattern im Innenhof. Ein Sinnbild der Kapitulation, natürlich. Gültig von alters her. Dazu Wagner-Klänge. Es fühlt sich, vor allem in einer Stadt wie Dresden, an wie ein Zwischending von Reminiszenz und Abgesang auf den Zweiten Weltkrieg und die Wunden, die er schlug. Eine Kunstinstallation, die kulissenhaft auch an das Ende eines Belagerungszustandes erinnert, wenn sich eine eingekesselte Stadt oder Festung schließlich ergibt – in der Hoffnung, nicht alles wird von den Eroberern dem Erdboden gleichgemacht.

Der Künstler Tomasz Opania hat diese Arbeit, die er „Tanz mit mir“ nennt, geschaffen. Sie ist Teil der Ausstellung „Die Deutschen kamen nicht“ im Kunsthaus Dresden, die Positionen von 25 zeitgenössischen polnischen Künstlern vereint und Teil des laufenden Projekts „Im Fluss“ ist, das sich im Kunsthaus und im Societaetstheater in Zeiten großer Flüchtlingsbewegungen den Szenarien des Ankommens verschrieben hat. und schon im Titel die Negierung einer angstvollen Erwartung wählt: dass die einst vertriebenen und geflüchteten deutschen Bewohner nach Wroclaw zurückkehren würden. Eine Angst, die das Kriegsende lange überdauert haben soll.

Vertreibung als Thema einer Ausstellung polnischer Künstler in Deutschland? Sicher ein Zeichen dafür, dass in Europa, vor allem innerhalb der EU, wohl doch mehr Themen offen diskutiert werden, als sich das mancher Verschwörungstheoretiker und „Journalisten-schreiben-ja-bloß-was-der-Chefredakteur-will“-Verfechter ausmalt. Eine Ausstellung aber auch in und für Dresden, das ja Bühne geworden ist für Tendenzen, die an sehr verschiedenen Ecken Europas zu beobachten sind: Nationalismus, Abschottung, Entsolidarisierung.

„Die Deutschen kamen nicht“ ist auch eine historische Aussage. Bücher zum Umgang mit Geschichte und deren Bedeutung füllen ganze Bibliotheken. Opania hat sich in einer anderen Installation – „Zielona granica – grüne Grenze“ – dem Gegenstand aber ganz anders genähert. Er lässt vor allem seine Großmutter zu Wort kommen, die von den tragischen Toden der Männer in der Familie erzählt, im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie beschreibt das, dessen sie sich entsinnt. Es ist eine Schilderung voller Irrrungen und Wirrungen, die auch als Hinweis funktioniert auf das Problem subjektiver Erinnerung und damit der oral history. Sie hat zwar ihren Platz gefunden in der Geschichtsforschung, kann dort aber meist nur eine flankierende Funktion einnehmen.

Anderes in der Ausstellung reicht zurück in die Nachkriegszeit und spiegelt gleichzeitig Befindlichkeiten, die seit Jahrzehnten existieren und sogar Teil des Stadtbildes in Wroclaw geworden sind – wie die „Iglica“, das nadelförmige Bauwerk gleich bei der Jahrhunderthalle. Sie entstand von 1911 bis 1913 in Breslau, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Als 1948 in Wroclaw eine Ausstellung „Die wiedergewonnenen Gebiete“ stattfinden soll, wird binnen kurzer Zeit die Iglica gebaut – um dem deutschen, somit feindlichen Bauwerk der Halle etwas Dominierendes entgegenzusetzen. Architektur gewordener Nationalismus in einem noch jungen Nationalstaat.

Jerzy Kosalka hat ein Modell dieser Nadel geschaffen. Er nennt seine Installation „Demontage“, der Zyklus dazu heißt „Die Deutschen sind da“. Kosalka lässt die Deutschen posen am Fuße seiner Nadel, als winzige Miniaturen, deshalb auch jedes Bedrohungspotenzials beraubt. Sie bilden zweifellos den Abrisstrupp. Und ist da nicht auch der Braunauer im braunen Mantel? Ein Figürchen nur.

In Zeiten von Neonationalismus und Repolonisierung in unserem Nachbarland ist es jedenfalls eine Ausstellung, die beiderseits von Oder und Neiße ganz aktuelle Fragen aufwirft. Über den bilateralen Umgang miteinander, über die Rolle von Polen und Deutschland innerhalb der EU. Oder auch darüber, wie man sich heute verhält angesichts von wachsenden Flüchtlingsströmen. Polen hat erst im September wieder – gemeinsam mit den anderen sogenannten Visegrad-Staaten Ungarn, Tschechien und der Slowakei – eine Quotenverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU abgelehnt. Damit verbleibt die Situation im Patt.

Von der Zeit her erinnert der eingangs beschriebene Anblick der wehenden weißen Fahnen an die Verzweiflung gebärenden Bürgerkriegsorte unserer Tage, vom Ort her eher an das Ende des letzten Krieges, der Dresden heimsuchte und seine unübersehbaren Narben hinterließ. Von dort reicht die Assoziation auf Verwerfungen, die mit aktuellem Verhalten und Fehlverhalten in Staat und Gesellschaft verbunden sind. Wo der an einigen Regierungssitzen Europas, nicht nur in Polen, neu gestählte Schild des Nationalismus nicht nur das vermeintlich Fremde abwehrt, sondern sich auch gegen einen Wert wendet, der heutzutage gern und oft mit christlichem Copyright versehen wird: die Barmherzigkeit.

bis 5. März 2017, Kunsthaus, Rähnitzgasse 8, geöffnet Di-do 14-19, fr-So 11-19 Uhr, Freitag Eintritt frei

www.kunsthausdresden.de

Von Torsten Klaus

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