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Die DNN dokumentieren die Rede des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp zum Tag der Deutschen Einheit

Die DNN dokumentieren die Rede des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp zum Tag der Deutschen Einheit

I. Der Gewinn. Heimat ist der konkrete Raum. Hier erfährt man die Originaleindrücke, zum ersten Mal also, was das ist: Fluß, Berg, Baum, Haus, Familie.

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Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit im sächsischen Landtag: Im Prozess der Globalisierung drohen menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden, sagte er.

Quelle: Jörn Haufe/dapd

I. Der Gewinn.

Heimat ist der konkrete Raum. Hier erfährt man die Originaleindrücke, zum ersten Mal also, was das ist: Fluß, Berg, Baum, Haus, Familie. Im konkreten Raum wird der abstrakte Raum ("Welt", "Europa", "Deutschland") zur Wirklichkeit. Dort wird er zum Vertrauen und Vertrautsein, Kindheitsbegriffe, die zum Gebiet der Kindheit gehören - das Enttäuschen der Kindheitsbegriffe nennt man Erwachsenwerden.

Sachsen ist ein Land der stillen Farben. Unwillkürlich verbindet sich für mich, denke ich "Sachsen", das Wort Zurückhaltung mit den aufsteigenden Bildern. Es ist kein Landstrich, der protzt und prunkt, ich glaube, diese Haltung ist den Landesbewohnern weitgehend fremd, und selbst der Barock Dresdens wirkt, kennt man andere Barockstädte, vorsichtig und fragil; eher um Ausgleich als um Konflikt mit der umgebenden Landschaft bemüht. Dieser Stil ist in seiner Dresdner Ausprägung voller Nachsicht. Er verweist auf etwas, das andernorts in Verruf geraten ist: Schönheit, Eleganz, Maß der Verhältnisse; es scheint mir, daß er ein Wissen darum bewahrt, wie leicht es ist, zu zerstören.

Heimat also. Der Fluß meiner Kindheit glitt nachts durch das Zimmer eines abenteuerhungrigen Jungen in einem Johannstädter Plattenbau. Die Elbe erzählte, trug mir die Märchen des Riesengebirges zu, Moldaugeflüster und die Sagen von Prag, das Waffengeklirr vergangener Schlachten und die Namen der Sachsenkönige. Wie viele Jungen zog mich das Wasser an, stundenlang trieb ich mich am Elbufer herum und beobachtete die Dampfer der Weißen Flotte, träumte vom Davonfahren und von der großen Stadt Hamburg, die ja auf für einen Dresdner schwer begreifliche Weise ebenfalls an der Elbe liegt, allerdings an einer meerdunklen, schon von den Gezeiten erreichten Elbe. Kein Wunder, daß ein Großteil der deutschen Segelschiffsbesatzungen aus Sachsen stammte. Der Landesname blieb auch zu DDR-Zeiten präsent, wenngleich versteckt in mancherlei Bezügen: das Sachsenwerk in Niedersedlitz, Sachsenplätze in Leipzig und Dresden, hier mit Gericht, der Sachsenring in Hohenstein-Ernstthal, wo Helmut Aßmanns Trabant Tempo 199 erreichte, Sachsenverlag, das Sachsenbad im Dresdner Stadtteil Pieschen, das nun Ruine ist, Zeitungsnamen.

Kehre ich von außerhalb zurück, blicke ich auf, wenn der Wechsel der Landschaftslinien mir verrät, daß die Lößnitz gekommen ist. Der Zug verlangsamt, als wollte er den Fahrgästen zu verstehen geben: Seht hin, hier beginnt Italien. Hier, am Golf nicht von Sorrent, sondern des Elbhangs, leben die Italiendeutschen. Mich erfaßt eine freudige Unruhe, und ich suche nach den kleinen, vertrauten Zeichen, die mir zu verstehen geben, daß ich zu Hause bin: Tragen die älteren Herren etwa Baskenmützen, wie es früher üblich war bei den typischen Kunden des Kunstsalons am Altmarkt oder im Haus des Buches am Postplatz? Spricht die Ansagerin etwa das weiche, im Gegensatz zum Leipziger oder Chemnitzer Idiom nur leicht singende Sächsisch, das für mich die eigentliche Muttersprache ist bis hin zur rührenden Komik aller ihrer Versuche, im Hochdeutschen Haltung anzunehmen? Landschaftszeichen: Spitzhaus, Weinberge und alte Bäume, später die Ausläufer der Dresdner Neustadt, die Elbwiesen.

Im Kontrast dazu die harte, ungefällige Landschaft des Osterzgebirges, des Quernerlands, wie ich es nach dem aus Börnchen stammenden Maler Curt Querner nenne, der das Gebiet um Freital, die Quohrener Kipse, den Luchberg, die Bewohner der Osterzgebirgsdörfer mit großer Meisterschaft dargestellt hat. Ich ging in Dippoldiswalde zur Schule. Mit unserem Biologielehrer Dr. Heyne wanderten wir nach Schlottwitz zu den Achatlagerstätten, zum Kahleberg an der tschechischen Grenze, wo die Wälder vom sauren Regen zerfressen waren, zum Georgenfelder Hochmoor, erkundeten den Lauf der Roten und der Wilden Weißeritz. Frühling bei Glashütte, die Apfel- und Kirschbäume blühten, ein Ausbruch von Weiß entlang der schäumenden und vom Winter noch schwarzen Müglitz; beim Uhrmachermeister, den wir besuchten, begannen die Kuckucke seiner Kuckucksuhrsammlung wie entfesselt zu rufen und auf ihren Kuckucksuhrkuckuckleisten hin- und herzufahren. Das gemäßigte Land, das Land der stillen Farben - es stimmt ja nur für ruhige Tage. Im Osterzgebirge lernt man auch andere kennen. Wintertage, an denen das Feuerholz vor den Häusern mit den tief herabgezogenen Schindeln sich vor Kälte krümmt und blau wird. Wo die Hütten wie in einem weißen Meer feststeckende Ozeandampfer rauchen, dazwischen Schneisen, in denen sich Unsichtbare, eben gerade die Mützen schauen heraus, vorwärtsschaufeln. Wo die Bauern, um die einzige Kuh zu schonen - wer hatte schon Pferde -­­­­, sich beim Pflügen selbst in die Sielen hängten. Wo zur Fastnacht die Masken über den Feldern tanzten und die Kinder mit drei Jahren auf dem Hof mitzuarbeiten begannen. In Erinnerung geblieben ist mir eine Sturmnacht auf den Ebenen bei Karsdorf, als der Überlandbus nach Altenberg und Zinnwald mit einer Panne im Straßengraben liegenblieb und wir Fahrgäste zu Fuß in Richtung Dippoldiswalde stapften. Das war eine Begegnung mit dem Elementaren, die Scheunen duckten sich unter den Gewitterpeitschen, über den Feldern brummten die Sturmkreisel, wir klammerten uns aneinander, auf daß es uns nicht ergehe wie dem fliegenden Robert.

Die Elementargewalten haben Sachsen durch die Jahrhunderte immer wieder mitgespielt. Keine so verheerend wie die von Menschen entfesselten. Die Elbe erzählte davon, ich wußte, daß der friedliche Wasserspiegel täuschte, die Toten unzähliger Kriege waren den Fluß hinabgetrieben. Die Geschichte war nicht fern. Wie der Fluß und seine Wasser in die Tiefen der Landschaft dringt, Häuser und geologische Schichten unterspült, sich ins Leben vorarbeitet wie Tinte ins Löschpapier, so war in Sachsen, empfand ich, alles mit Geschichte getränkt. Sie war nie weit entfernt. Während meiner Armeezeit half ich als dritter Mann auf einem Schaufelradbagger im Tagebau Espenhain; in der Faschingsnacht 1989, der Baggerführer war betrunken und hatte mich gebeten, seine Arbeit zu übernehmen, grub ich ein Totenfeld an, einen der Wehrmachtsstahlhelme nutzte die Baggerbesatzung später als Fettfänger unter dem Rost, auf dem Steaks gebraten wurden. Der 13. Februar 1945 ist bis heute kaum vergangen. Und daß bis 1994 der größte militärische Rückzug der bekannten Geschichte, der Abzug der in Ostdeutschland stationierten Teile der Sowjetarmee, stattfand, erinnert mich an jene Zeit, in der es in Dresden Klein-Moskau gab, die Albertstadt als nahezu geschlossenes sowjetisches Viertel, und russische Uniformen zum Stadtbild gehörten. Wie verwundert war ich als Junge, daß beim Friseur Harand auf einem Bord die Rasierschalen und -pinsel der Honoratioren des Viertels standen, neben den Schalen mit den Aufschriften "Manfred von Ardenne" und "Theo Adam" eine, die nicht mehr im Gebrauch, aber aus welchen Gründen auch immer auf ihrem Platz belassen war: Paulus, sagte das Namensschild. Der Generalfeldmarschall, Befehlshaber der 6. Armee, der Stalingradarmee, hatte bis zu seinem Tod 1957 wenige Straßen entfernt gewohnt und sich bei Harand rasieren lassen. Markus Wolf, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, hatte unterhalb der Schwebebahn ein Anwesen, in das Günter Guillaume und Frau zum Ausruhen und Akklimatisieren verbracht wurden, nachdem ihre Spionagetätigkeit aufgeflogen war, die Willy Brandt die Kanzlerschaft kostete.

Heimat ist Erinnerung, ist Gedächtnis. Also Geschichte. Geschichte, das ist und verlangt nach Pädagogik, und ich denke hin und wieder, daß der Sachse im Grunde seines Wesens ein Lehrer ist. Entsprechende Leserbriefe in Zeitungen, die darauf bestehen, daß die Dresdner Garnisonskirche eben nicht Garnisonskirche heißt, sondern korrekt, aber sprachlich fragwürdig, Garnisonkirche, lassen diese These nicht überspitzt erscheinen. Es gibt ihn, den furor paedagogicus saxonicus. Daß 1409 deutsche Professoren von Prag auszogen und in Leipzig eine Universität gründeten, weil sie dort günstige Bedingungen vorfanden, wundert mich weniger als die Tatsache, daß Leipzig nicht überhaupt die älteste deutsche Universität ist. Es würde passen, es wäre stimmig. Ich stand als Angehöriger der ersten freien Studentengeneration seit 1933, wie es in der Einführungsvorlesung geheißen hatte, vor den Resten des Hörsaals 40, ging die Liebigstraße vom Anatomischen Institut in Richtung Johannisallee hinunter und bekam eine Ahnung davon, was das sein könnte und was das einmal gewesen war: Universität. Ich erlebte die kleine Weltstadt Leipzig in den Jahren nach der 89er Revolution, in einer Zeit voller Umwälzungen, Konflikte und Krisen, gleichzeitig voller Lebenslust und Neugier, unersättlichem Drang nach Welt und Wissen. Leipzig, die Bürger-, Buch-, Messe- und Studentenstadt, prägte mich noch einmal so stark, wie es die Eindrücke des Heranwachsens in Dresden und dem Osterzgebirge getan hatten, so daß ich sagen kann: Dresden und Leipzig haben mich gemacht.

Wissen und Lernen, beides Kinder der Neugier, haben hierorts einen hohen Wert. Ich war weder Kreuz- noch Nikolai- oder Thomasschüler, kein Afraner von Meißen, und doch habe ich eine der besten Schulen genossen, die man sich denken kann. Es war eine Art von platonischer Akademie, die schon dem kleinen Jungen beibrachte, daß es wichtig ist, etwas zu wissen, daß man, wenn man in Dresden aufwächst, dem Fürstenzug und seinen Namen nicht entkommt (noch mein Oberarzt Hellmich am Krankenhaus Friedrichstadt pflegte während einer Operation die Assistenten nach Friedrich dem Gebissenen und Albrecht dem Entarteten zu fragen), daß man, hat man Musiker in der Verwandtschaft, fest in den Klang-Klauen der Staatskapelle, der Philharmonie oder des Gewandhausorchesters hängt, daß man angehalten wird, über seine Heimat etwas zu lernen, ihre Geschichte, Geographie, über Wirtschaft und Orte, ihre Natur und über Bauten. Wir flogen, vor dem Mauerfall, nicht ans Mittelmeer, wir fuhren (wenn es hochkam, mit dem eigenen Auto, sonst per Rad, Zug und Bus) nach Bautzen und Meißen, auf Novalis' Spuren in die Bergstadt Freiberg, bewunderten die Goldene Pforte am Dom und die Tulpenkanzel des Meisters H.W. Die Reisen blieben im Nahen. Kirchen und Museen wurden besichtigt, was den Sinn dafür entwickelte, daß es vor einer Gegenwart, die von der Vergangenheit nicht viel wissen wollte, auch schon etwas gegeben hatte, daß Bach und Luther, Silbermann und Adam Ries, Caspar David Friedrich und Carl Maria von Weber, Nietzsche und Wagner nicht auf einem anderen Planeten gelebt und gewirkt hatten, sondern in mitteldeutscher Landschaft, in Sachsen. Mein Vater zeigte mir alte Wirtschaftskarten, wies auf die hiesige Industriestruktur hin, viel Leichtindustrie, vor allem Textil (man denke an die große Chemnitzer Tradition, die Baumwollspinnereien in Leipzig und Flöha, Limbach-Oberfrohna mit Malimo), Zigarettenindustrie in Dresden, Kamera und Kino bei Ernemann, später Pentacon, Schokolade, Bier, Näh- und Schreibmaschinen; Braunkohle um Leipzig und in der Lausitz, Stahl, Reifen, Nudeln und Zündhölzer in Riesa, Waggonbau in Bautzen und Niesky, die Horch- und später Trabantwerke in Zwickau, die Chemieanlagen von Nünchritz und Piesteritz, der Uranbergbau der Wismut in Aue, Johanngeorgenstadt, Schlema, Schneeberg, überhaupt der Bergbau im Erzgebirge mit seiner jahrhundertealten Tradition. Auch das gehörte zur Bildung. Man entwickelte ein Gefühl für Zusammenhänge.

Der sächsische Geist hat mich geprägt, sein Unternehmer- und Tüftlertum, sein Improvisationsgeschick, sein Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie, die Leidenschaft für das Erzählen, das Genaunehmen, sein Bewußtsein für die Tiefe und Unausrechenbarkeit der Zeiten, die das Leben zu einem Geschenk machen, das hauptsächlich Zufälle, Glück und unausgesetzter Kampf vom Vorbeisein abhalten. Es ist ein Geist aus einem Widerspruch: nüchterner Zuneigung. Schwärmertum kommt vor, ist aber nicht von Dauer. Meine Vorfahren stammen aus Hamburg, und mit dem Pragmatismus der Hansestadt, die nicht nur der Elbe wegen die Partnerstadt Dresdens ist, hat der sächsische Sinn einiges gemein. Vielleicht sind wir etwas mehr monarchistisch gesinnt als die Hamburger, wenngleich unser Bürgerbewußtsein ebenfalls ausgeprägt ist, wie sich bei jeder Diskussion um eine Waldschlößchenbrücke zeigt. Hamburg, das reicht schon nach England (wo die Sachsen Angelsachsen sind), Extremismus hat dort auf Dauer keinen Boden, und zwischen der Tatsache, daß auf einem Schiff der Kapitän unumschränkter Herrscher ist, und einer ausgeprägten Neigung der Schiffsbesatzung zur Demokratie muß kein Widerspruch bestehen; Merkmale, mit denen sich auch das sächsische Wesen treffend beschreiben läßt.

Freilich nicht das ganze. Denn wir haben, Kernland des Protestantismus hin oder her, ein katholisches Herz. Wo gibt es noch einmal eine solche Kirche wie die Frauenkirche als Gotteshaus des Protestantismus? Das ist doch heimlich ein katholischer Bau. Der katholische Sinn für Theater und Oper, für das Bild und seine Macht, für Ritual und althergebrachte, zu bewahrende Überlieferung findet in Sachsen viel Sympathie. Der Tag der Sachsen dieses Jahr im schönen Freiberg, die Opulenz des Bergmannsumzugs, die Brauchtumsspiele, die Farbenpracht und ehrwürdig-meistersingerliche Feier des Handwerks und der Zünfte, die Annaberger Kät als vielleicht glänzendstes und berühmtestes Volksfest des ganzen Erzgebirges, überhaupt die Neigung zu Feier, Fest, Genuß und Lebenslust scheinen mir diese Behauptung eher zu stützen als zu widerlegen. Es geht also doch nicht ganz ohne Pathos ab, und das macht uns anfälliger gegenüber Verführungen, guten wie bösen, als es die hanseatischen und englischen Verwandten sind, anfälliger für den Rausch der Sehnsucht, der den Wiederaufbau der Frauenkirche, eine in der Demokratie nahezu einzigartige Leistung, ebenso möglich machte wie vorher die Verbrechen des Dritten Reichs und den 13. Februar 1945. Nicht nur, was das betrifft, neigen so manche Sachsen zu so manchen Verklärungen. Auch das hat, natürlich, mit Geschichte zu tun; sie hat es nur selten gut gemeint mit Sachsen, das ja, wie man sagt, das Talent hatte, immer wieder auf der falschen Seite zu stehen. Aber es hatte auch das Talent, sich aus den Niederlagen immer wieder aufzurichten. Heute, am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit ebenso wie der Wiedergründung des Freistaats Sachsen, sollten wir uns daran erinnern. Erinnern sollten wir uns daran im zehnten Jahr nach der Flut, die ganz Sachsen erfaßte und seine scheinbar gemütlichen Flüsse von einer anderen Seite zeigte. Die Zerstörung war mit einem Kriegsgeschehen vergleichbar. Die Aufbauleistung, getragen von einer nicht für möglich gehaltenen Solidarität, sollte die Gesellschaftspessimisten nachdenklich stimmen. Denn es gibt nicht nur das Scheitern, es gibt auch das Gelingen. Nicht nur Zerstörung, sondern auch Aufbau. Nicht nur Gefangenschaft im Unentrinnbaren, sondern auch, wie kurz auch immer, Momente der Freiheit. Zu meiner sächsisch geprägten Lebenserfahrung gehört nicht nur, daß im Grunde eine Katastrophe der anderen folgt, daß wir, betrachten wir's genau, eigentlich immer Krise haben, sondern auch, daß es sich lohnt, zu kämpfen, daß die Mutlosigkeit die Pförtnerin zu den Katastrophen ist. Wer hätte gedacht, daß es möglich sein würde, das von Waffen starrende, einschüchternde, staatssicherheitsdurchsetzte System der DDR zu bezwingen, nur mit der Courage Einzelner, die widerständig waren und es wagten, für ihre Überzeugungen auf die Straße zu gehen? Die 89er Revolution, die wir heute mitfeiern, ging von sächsischen Städten aus, von Plauen, Leipzig, Dresden. Denn auch das gehört zum sächsischen Charakter: sich nicht unterkriegen zu lassen. Das kann uns Mut machen für unsere Zeit, in der die Euphorie der 89er Revolution längst verflogen ist.

II. Der Verlust.

Viele Menschen haben das Gefühl, daß etwas ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt. Daß wir darüber nachdenken müssen, ob die derzeitige Gesellschaftsordnung noch in der Lage ist, die Probleme zu meistern. Leben wir tatsächlich in einer Demokratie? Oder zeigen sich nicht vielmehr feudale Züge in unserer sozialen Verfaßtheit? Man könnte sie eine Tele- oder Talkshowkratie nennen. Die Aufbruchshoffnungen von 1989 sind der Düsternis unserer krisengezeichneten Gegenwart gewichen. Es herrscht eine seltsame Stimmung, viele Menschen flüchten sich in Nischen, Angst, Verzagtheit, Opportunismus herrschen, Depression. Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf blühende Landschaften erscheint als Illusion. In vielem erinnert mich diese dunkle Windstille an die Stimmung der späten DDR.

Wir leben ja gar nicht in utopiefernen Zeiten. Wenn Utopie bedeutet, die Gegenwart auf ein Luftschloß hin zu orientieren, haben wir sehr wohl eine Utopie zu bieten, die der Gestalt gewordenen namens real existierender Sozialismus in mancher Hinsicht entspricht. Es gehört zu den Eigenarten unserer Zeit, alles ins Abstrakte, Virtuelle zu verlagern. Geld ist nicht mehr konkretes, wertrückgebundenes Zahlungsmittel, sondern mutiert mehr und mehr zu einer Zifferngalaxie in Hochgeschwindigkeitscomputern, wo in Sekundenbruchteilen mit Aktienwertverschiebungen Gewinne gemacht werden, die mit realer Wirtschaft, wo jedes Wachstum Zeit und Mühe braucht, nichts mehr zu tun haben. Reale Unternehmen werden irreal bewertet, aber ganz real beeinflußt, unter Umständen vernichtet. Zweite Wirklichkeit frißt sich in die erste, überlagert die erste bereits, Beispiel ist die Macht des Fernsehens. In der zweiten Wirklichkeit aber, die eine der Vorstellungen ist, gibt es keine Grenzen, die Dämonen sind entfesselt und toben frei durch die Säle der Luftschlösser. Diese Dämonen sind nur aus dem konkreten Raum heraus zügelbar. Der Begriff Heimat ist hierzulande ein belasteter, gleichwohl bezeichnet er etwas, ohne das niemand auskommt: Rückbindung an das Konkrete, an Herkunft, ohne die es keine Zukunft gibt, an eine bestimmte Art und Weise, sich zum Leben und zueinander zu verhalten. Die Kraft für Veränderungen kommt aus dem Konkreten, aus der Heimat - und wahrscheinlich nur von dort. Zum einen, weil man die Bedrohungen zuerst und am sinnfälligsten vor Ort wahrnimmt, zum anderen, weil diese Kraft nur in einem Bürger- und Gemeinsinn entstehen kann, der die tiefere Dimension des Vorstellungsraums Heimat berührt: die geistige Gemeinschaft, wie sie beispielsweise in vielen Kirchgemeinden für die Friedliche Revolution sinnfällig geworden ist.

Das aber heißt Nähe und ist etwas zum Anfassen, wenngleich es geistige Gemeinschaft natürlich auch im Internet gibt. Aber die kleine Einheit, die handelnd verändert, ist vor Ort tätig und nicht im Irgendwo. Meine Heimat ist Sachsen. Heimat hat ihre Tücken. Nicht immer ist sie Heilmittel, manchmal ist sie Ursache der Probleme. Manchmal ist sie dort, wo die Intrigen mich betreffen. Dennoch ist sie unverzichtbar - wie der Hafen für das Schiff. Heimat im guten Sinn vermittelt Maßstäbe, Sinn für Tradition, ohne die wir im Haltlosen schweben. Unter Heimat verstehe ich nicht Tümelei und Volksmusik à la Oberhofer Bauernmarkt oder Blasmusi' mit Zither auf Bayern-TV. Das ist die Heimatlüge. Zur Heimatwahrheit gehören die Würde des Echten, der Nähe und der Begrenzung. Die Vorzüge der Ferne werden erst dort sinnfällig, wo es Nähe gibt. Die angenehmen Seiten der Nähe lernt man oft erst in der Ferne zu schätzen. Es geht also um Balance. Globalisierung ist wichtig und wahrscheinlich richtig. In diesem Prozeß aber drohen menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden. Heute müssen wir die Langsamkeit, die natürlichen Zyklen von Reifung gegen ein Höher, Schneller, Weiter verteidigen, das sich verselbständigt, ein faustisches Prinzip Wachstum, das eines offenbar nicht mehr weiß: wofür. Es ist Zeit für eine Besinnung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.10.2012

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