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Die Crux der toten Winkel: Pro und Contra bei Dresdens Künstlermesse

Die Crux der toten Winkel: Pro und Contra bei Dresdens Künstlermesse

Wahrheit kann wehtun: Messebesuche können grausam sein. Man sieht viel und sieht doch nichts. Aus unterschiedlichen Gründen. Man läuft ständig in die falsche Richtung, stößt von einem toten Winkel auf den nächsten, von einer Sackgasse auf die nächste.

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Elke Daemmrichs Arbeiten hinterließen auf der Künstlermesse einigen Eindruck.

Quelle: Dietrich Flechtner

Man müsste der Messe Dresden einen Erfahrungsaustausch mit den Architekten der Altmarktgalerie empfehlen. Tote Winkel und Sackgassen sind der Tod eines jeden Kaufhauses und somit auch der jeder Messe. Doch das ist hier auf dieser Künstlermesse nicht das einzige Dilemma. Koje reiht sich an Koje, aber es ergibt keinen Sinn. Auch die Anordnung ist wild, zarte Zeichnungen hängen neben Karstadtschick, und stille und dennoch ausdrucksstarke Porträts müssen sich neben simplen farbigen Kreisen behaupten. In diesem Wirrwarr blicken nur Eingeweihte durch. Man verlässt diese Messe ratlos und so schnell wie möglich.

Standmiete ist oft schnell drin

Doch der Reihe nach. Dieser Termin ist eigentlich ein schöner. Nach genau zehn Jahren hat Dresden endlich wieder eine Künstlermesse, parallel zur neuen Trend- und Lifestyle-Messe "room + style". Dass sich der Künstlerbund Dresden e.V. dieser Aufgabe gestellt hat, ist mehr als ehrenwert. 76 Künstler, darunter zwei Künstlerinnengruppen, das Lichtdruckmuseum Dresden sowie Elizabeth Gerdeman und Nicholas Hill aus Columbus/Ohio offerieren Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Grafik, Fotografie, Bildhauerei und Installation. So weit, so gut und schön. Und auch wieder nicht. Der Künstlerbund zählt 460 Mitglieder. Ein Blick auf die Webseite rückt Namen in den Mittelpunkt, die man hier auf der Messe ernsthaft vermisst. Unter der Hand wird gemunkelt, dass sich nur 80 Künstler beworben hätten. Schade eigentlich, denn nur so hätte die ehrenamtliche Jury, bestehend aus Künstlern, einer Kunsthistorikerin und einer Vertreterin des Amtes für Kultur und Denkmalschutz, etwas zum Auswählen gehabt. Dann hätte sie auch tatsächlich die Künstlermesse kuratieren können.

Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage hat sich beim Besuch der ersten Künstlermesse nach zehn Jahren öfter gestellt. Nette Aussteller machen ihre Kunst nicht besser, aufdringliche Künstler ihre Arbeiten nicht vorteilhafter, auch nicht, wenn sie ihre Arbeiten für 1500 Euro auspreisen und dann für 500 Euro verkaufen wollen. Manchmal ist es besser, sich den Frust gleich wegzuschreiben, dann ist man frei für das, was zählt, dann kann man sich mehr auf das konzentrieren, was sich auch festgehakt hat: nämlich wirklich gute Kunst. Die gab es - gottlob - auch zu sehen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass nicht alle interessanten Künstler hier erwähnt werden, müssen Tanja Pohl und Nadja Poppe genannt werden. Letztere fällt mit sensiblen, in schwarzer Gouache oder Tusche gemalten Porträts auf, eindringliche Gesichter, die einen berühren, verunsichern. Verständlich, dass der Kunstfonds des Freistaates Sachsen Arbeiten von ihr gekauft hat. Tanja Pohl, HfBK-Preisträgerin und Meisterschülerin bei Christian Macketanz, besticht mit ihren Radierungen und Tiefdruckkombinationen für 120 bis 250 Euro. Man sieht richtig, wie sie in die glatte Oberfläche der Druckplatte kratzt und mit tiefen Furchen zerstört. Diese Schwarzweißarbeiten gehören zu den besten, die man derzeit in der Stadt sehen und kaufen kann.

Mit dem Kaufen ist das so eine Sache. Die Standmiete von 90 Euro haben die meisten Künstler schnell wieder im Haben, nur wenige aber verkaufen wirklich große Arbeiten. Konstanze Feindt-Eißner schätzt sich glücklich. Ihre Frau im knallroten Kleid - eine taufrische Zeichnung - hat schnell einen neuen Liebhaber gefunden. Kein Wunder, so kraftvoll und expressiv diese Mutter mit Kind auf dem ersten Blick daherkommt, so verletzlich wirkt sie auch, wie sie mit ihren überlangen Armen versucht, die Tochter zu halten, das ist einfach ergreifend.

Meisterhaft sind auch die Collagen von Ju Sobing, eine Künstlerin, die bisher noch nicht auffiel. Die gebürtige Schlesierin ist eine Verknüpferin. Ganz geschickt fügt sie Wort und Bild zusammen, legt Schicht für Schicht übereinander. Und manchmal erkennt man vielleicht einen Stuhl, einen Drachen oder auch einen Baum. Im Zweifel aber immer sich. Für ihre Arbeiten braucht man Zeit, sie erschließen sich in ihrer Empfindsamkeit nicht sofort.

Ähnliches kann man für Detlef Schweiger sagen. Der Künstler, der sich am Freitagabend schon eindrucksvoll mit einer Multimedia-Perfomance mit Musik, Licht, Video und Pyro-Aktion vorgestellt hat, zeigt hier Lavuren auf Leinwand. Von der Ferne denkt man, es sind feine Graphitzeichnungen oder gar Fotografien. Erst die Nähe verrät die Lavuren. Tuschelavuren, für die Detlef Schweiger, ein neues Verfahren entwickelt hat. Es sind stille und zugleich ausdrucksstarke Arbeiten, sehr bemerkenswert. Neben den knallbunten Irgendwie-Irgendwas-Bildern von Michael Horwarth haben es die Arbeiten schwer, sich zu behaupten. Man muss sich erst an die Stille, an die Bedingungslosigkeit gewöhnen.

Eine Messe offeriert unterschiedliche Handschriften. Und so sind neben den Gemälden von Konrad Maass, die in diesem Umfeld schon fast altmeisterlich daherkommen, auch die Tapeten und der bröckelnde Putz von Michael Lindner aufgefallen - Bilder mit spannenden Schatten- und Lichtspielen. Unbedingt erwähnen muss man die gelungene Ausstellung der Dresdner Sezession 89 und das "Best of" der Ostrale 2011. Schön, Künstler wie Alexander Gutsche, Max Scholz oder Dirk Wagenknecht wiederzusehen. Glücklich ist auch die Messeteilnahme von Mandy Friedrich. Die Preisträgerin des Freibergers Kunstförderpreises überzeugt mit eindrucksvollen Ölgemälden. Ihre "Schwere See" für 5800 Euro hat es schon in sich. Kraftvoll, dynamisch, urgewaltig.

Mehr Kuratierung, mehr Jury

Ein Alleinstellungsmerkmal auf dieser Messe kann Elke Daemmrich für sich verbuchen. Die gebürtige Dresdnerin lebt seit 1994 bei Toulouse in Südwestfrankreich. Ihre Gemälde sind überbordend, farbintensiv, sintflutartig ornamental - ein Rausch, ein Fest. Gut, dass sie ihre Medusen, Fische, Seeigel, Quallen und Blumen zeigt. Man versinkt geradezu darin. Wunderbar auch, dass Michael Freudenberg wieder einmal mit Arbeiten zu sehen war. Auch dieser Dresdner ist mit seiner Rakeltechnik eine Ausnahme unter den Künstlern in der Stadt. Freudenbergs Bilder sind unverkennbar geprägt von den Werken des französischen Impressionisten Claude Monet. Pixel für Pixel setzt der Künstler nebeneinander und übereinander, bis eine große Fläche entsteht. Wer will, fühlt sich beim Betrachten der abstrakten Landschaft Nr. 237 in das sächsische Erzgebirge versetzt oder in die Toskana.

Michael Freudenberg bereut seine Teilnahme an dieser Künstlermesse übrigens nicht. Er spricht von einem großen Spaß auch innerhalb der Kollegenschaft, von einem geistigen Austausch. Ihm gefällt auch das Miteinander von Lifestyle und Kunst. Deshalb würden Menschen vor seinen Arbeiten stehen, die von sich aus nie ins Atelier gefunden hätten, sich nun aber die Adresse geben lassen würden. Das sei mehr, als er erwartet habe. Seine "Nummer 237" für 15 000 Euro kaufe man nicht einfach so beim Vorbeigehen. Das sei vielleicht auf der Art Cologne oder der Art Basel üblich, nicht aber in Dresden.

Wie gesagt, Messebesuche können grausam sein. Man sieht viel und sieht doch nichts. Aber - noch einmal - es gab auch wirklich Gutes, wirklich Besonderes zu sehen. Deshalb: Diese Künstlermesse verdient eine Wiederholung. Unbedingt. Eine Stadt wie Dresden braucht solch eine Messe. Die größte Produzentenmesse Mitteldeutschlands, die alle zwei Jahre in Erfurt stattfindende artThuer macht es vor: Die artThuer verleiht inzwischen sogar einen ernstzunehmenden Kunstpreis. Die Dresdner aber können nur punkten mit einer ernsthaften Juryarbeit, einer klugen Auswahl, einer echten Kuratierung, einer sinnvollen Hängung. Nur dann kommt der Besucher auch ein zweites oder drittes oder wie in Erfurt in diesem November zum achten Mal. Ansonsten verlässt er die Messe ratlos und so schnell wie möglich. Soviel Wahrheit muss sein.

Adina Rieckmann

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.01.2012

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