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Die Compagnie Freaks und Fremde sind Bühnenanarchos

Die Compagnie Freaks und Fremde sind Bühnenanarchos

Zuerst hatte das Puppenspielerduo keinen Namen. Heiki Ikkola und Sabine Köhler traten einfach als sie selber auf. Doch bald formte sich ihr Credo, in Form der ersten Stücke.

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Heiki Ikkola und Sabine Köhler bei "Freakshow - The Best in Town" im Projekttheater.

Quelle: André Wirsig

"Freakshow" und "Fremde" hießen die. Vielsagende Namen, findet Köhler auch heute noch. "Das Wort 'Fremde' komprimiert das weit weg sein, aber auch das Unbekannte, das direkt vor deiner Nase steht." Passend, dass sie bei ihren Ausführungen ordentlich berlinert. "Das Wort 'Freaks' nahm ebenfalls eine interessante Entwicklung. Vom Unwort, erlebte es in den 70er Jahren eine Umdeutung der Hippies und wurde zur positiven Bezeichnung des Außenseitertums. Es bedeutet nicht nur abnormal, sondern auch ein Spezialist in einer bestimmten Sache zu sein, so wie ein Behinderter letztendlich Spezialist in seiner bestimmten Fortbewegungsart ist oder Autisten Spezialisten in ihrer Art zu denken sind." Die Basisfrage ihres Unterhaltungsklassikers "Freakshow - The Best in Town" lautet: Was ist normal? "Es gibt eine Norm und von der ausgehend wird alles andere messen. Aber für Stumme ist Stummheit normal, für einen Zweijährigen ist unter eins fünfzig groß sein normal."

Die Beiden reisen oft, bringen Ideen aus vielen Ländern Europas, aus Afrika, Pakistan und bestimmt auch von der anstehenden Iran-Reise mit. Die Fremde wird aufgesogen und später, in der Bühnenbearbeitung, zu einem Weltgefühl gemacht. Mit Kasperletheater haben die recht unterschiedlichen Produktionen nichts zu tun. Es sind lebenskluge, zarte bis übermütige Stücke. Sie sind nicht für Kinder inszeniert, aber fast alle auch für sie geeignet. Das funktioniert wie mit den Simpsons; die Kleinen finden sie lustig, die Großen hintersinnig und unangepasst. In dem prämierten Stück "Ente, Tod und Tulpe" spielt Ikkola, mit seinem Arm im Körper einer quirligen Ente steckend, gegen den Tod an. Dieser drängt sich mit auf alle Fotos, ist überall dabei, versteht es aber irgendwie nicht so richtig, zu leben. Es beginnt eine Annäherung zwischen den zwei gegensätzlichen Charakteren, die damit endet, dass der Tod die Ende in seine Arme nimmt und sie ganz zärtlich sterben lässt. Eine große Geschichte, mit kleinen Mitteln erzählt. Auch das ist ein Merkmal der Compagnie. Genau wie die ständige Zusammen- arbeit mit anderen Künstlern und Künstlergruppen. "Puppentheater funktioniert traditionell sehr genreübergreifend. Da ist viel physisches Theater drin, oder auch bildende Kunst", sagt Ikkola. "Wenn man Puppenspiel studiert hat, stellt man fest, es ist eine grenzenlose Kunst. Sie ist krude und morbide und sie wird doch viel zu wenig gepflegt und geschätzt."

Studiert haben sie beide, an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Ikkola arbeitet anschließend ein paar Jahre freischaffend und schaut bis heute immer mal wieder an der Hochschule als Dozent vorbei. 1999 kommt er als Puppenspieler nach Dresden ans Theater Junge Generation, wird später Künstlerischer Leiter. Und weil er schon mit 16 Jahren als Straßengaukler Kontakt zu Helmut Raeder von der "Spieltour Dresden" aufgenommen hatte, trifft man sich nun wieder. Schnell mischt der junge Wilde bei Raeders neuem Projekt, dem Schaubudensommer mit und ändert dessen etwas zu glatten Charakter durch sein anarchisches Verständnis von Unterhaltung. Ein Jahr später ist Ikkola die zweite Hälfte des Zirkusdirektorenteams und gehört bald zum Dresdner Sommer wie der Platzregen zur Eröffnung des Schaubudenspektakels.

Mit der Compagnie Freaks und Fremde sucht er stetig nach Abwechslung. Für Ikkola ist es wichtig, immer mal wieder neu anfangen zu können. "Ich habe mit dem russischen Derevo-Theater gearbeitet oder mit dem dänischen Odin-Teatret. Ich will nicht aufhören zu lernen. Da kann man wieder wie im ersten Studienjahr arbeiten." Für Köhler, die nie an einem festen Haus arbeitete, ist das Anders- und Neudenken sowieso elementarer Teil ihrer Arbeit. Sie baut auch ihre Figuren oft selber, nachts im Keller. "Wir forschen an uns selber, sind also die Objekte unserer Untersuchungsanordnung." So überlegen die Beiden nicht, wie sie eine Rolle, sondern eine Szene spielen können und ob sie mit Papier gebastelt oder physisch dargestellt werden soll. "Im Puppenspiel wechselt man auch zwischen den Charakteren. Deformation oder Modifikation gehören dazu. Wir können zu zweit eine Figur spielen, in dem wir beide unsere Arme und Beine in den Körper reinstecken."

Köhler sagt, es gäbe auch Material, das eine bestimmte Geschichte erfinde. Im Stück "Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor" war das ausgestopfte Präparat als allererstes da. Es sorgte für Kontroversen. "Erwachsene finden es zuweilen befremdlich, dass wir ein totes Tier auf der Bühne ausstellen. Dabei ist für uns das Gegenteil der Fall, in diesem Präparat steckt ja das ganze Leben drin und auf der Bühne darf der Fuchs noch einmal leben. Die Kinder finden das toll und wollen den nach der Vorstellung oft anfassen."

Doch der Spalt zwischen Beschreibung und Belehrung ist nicht sehr groß. "Wir wollen keine Botschaft vermitteln, sondern hoffen, dass die Zuschauer eine sinnliche Erkenntnis gewinnen." Heiki Ikkola sagt, er finde es gut, wenn die Leute einfach Gegenkultur leben. "Ich möchte sowas gern zeigen, aber wie schafft man es, nicht belehrend daher zu kommen und trotzdem eine Vision aufzumachen? Eine Apokalypse auf der Bühne geht gerade noch, aber Alternativen zeigen, die Mut machen, gelten immer schnell als agitatorisch."

Auch Sabine Köhler ist damit vorsichtig. "Beim 'Fuchs' haderte ich und hatte Zweifel, weil ich das Originalstück zu pädagogisch und moralisch fand. Doch wenn Leute aus einem Stück rausgehen und weinen, ist es ein gutes Zeichen. Man merkt also etwas." Bei der "Freakshow" sei es eher Ekel, den man bei den Zuschauern auslöse. Gleichzeitig können sie ihre Faszination für das Abnorme ausleben. Und weil es mit Puppen dargestellt wird, können sie auch leichter darüber lachen.

Die Compagnie Freaks und Fremde zeigt beim Off: Dresden-Theaterfestival in einer Werkschau vom 6. bis 9. Juni im Societaetstheater acht Stücke aus ihrem aktuellen Repertoire, die in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und Compagnies entstanden sind.

www.freaksundfremde.blogspot.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2013

Hannah Panter

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