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Die Berliner Staatsoper im Heizkraftwerk - mit Luigi Nonos "Al gran sole carico d’amore"

Die Berliner Staatsoper im Heizkraftwerk - mit Luigi Nonos "Al gran sole carico d’amore"

Satireverdächtig, wie da das übliche, mit Fliege und Stola gestylte Premieren-Biotop die waghalsigen Himmelsleitern in jene gigantischen eiserne Tribünenkonstruktion hinaufklimmt, die eigens für diese Nono-Aufführung in die alte Turbinenhalle des Berliner Heizkraftwerks Mitte - eine Industriekathedrale von fast 100 Metern Länge - hineingewuchtet wurde.

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Szene mit Julie Wieninger als Tania Bunke.

Quelle: Monika Rittershaus

Doch die für nur wenige Vorstellungen inszenierte Massenumlenkung eines kompletten Großtheaters nebst Technik ist dennoch mehr als eine effekthascherische Suche nach dem prickelnden Event; denn während es bei den meisten Repertoirestücken piepegal sein dürfte, wo man ihnen begegnet, wenn nur die Akustik passabel ist, kommt Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" - uraufgeführt 1975 - hier sozusagen erst wirklich zu sich.

Und das in doppelter Hinsicht: zum einen spielt Nonos "Azione scenica" zwar im privaten Raum, reflektiert aber unmittelbar die Auseinandersetzungen der Industriegesellschaft: die handlungsbestimmenden Frauen - seien sie ganz nah dran wie die von Gorki adaptierte russische Mutter oder äußerlich ganz weit weg wie Tania Bunke im bolivianischen Dschungel - kämpfen um die Emanzipation der selbstbestimmten Arbeit als humane Hoffnung. Und zum anderen hat Nonos Musik, das hört man wohl ein halbes Menschenleben nach der Premiere und im Lichte der seitherigen Entwicklungen besser, tatsächlich auch eine religiöse Dimension, die hier mit der Gewalt des Raumes vielleicht sogar besser korrespondiert als in der Salzburger Felsenreitschule, aus der Katie Mitchells Inszenierung importiert wurde: die kommunistische Vision des Italieners ist messianisch, gerade auch in ihren (vielen) verzweifelten Momenten wie denen der Guerilla Tania oder der Prostituierten Deola, die in der allerletzten, anrührenden Sequenz ein Baby unter dem Herzen trägt, neue Hoffnung nach allem vergossenen Blut.

Dass wir damit auch heute noch nicht wesentlich weiter sind, ist eine beklemmende Botschaft, aber Mitchell moralisiert nicht. Sie zeigt schlicht eine Nahsicht auf existenzielle Grenzsituationen: dokumentarisch aufmerksam, nicht kühl, aber sachlich objektiv, wofür sie Räume und Zeiten in fünf Zimmerkojen zusammenrückt und die darin agierenden Frauen per Handkamera zeitgleich auf eine gleichsam zerkratzte (und damit historisch wie ideell "gealterte") Fläche projiziert.

Gewiss wirkt dieses Nebeneinander zweier Ebenen zerstreuend, und eine noch größere Diskrepanz öffnet sich zwischen den stumm, aber eindringlich agierenden Schauspielerinnen und ihren doch manchmal arg exaltiert gestikulierenden und schreienden Sänger-Pendants - was Momente beeindruckender Stimmexpressivität bei den anonymisierten und dergestalt gleichsam zwangskollektivierten Solisten keinesfalls ausschließt. Aber insgesamt geht das Konzept dennoch auf, weil die optische Komponente (Bild und Kostüme: Vicki Mortimer, Video-Koordination: Leo Warner) weit über die vordergründige Handlung hinausgreift und den bisweilen pantomimisch agierenden, mit roten Nelken aufmarschierenden Chor ebenso mit einschmilzt wie das riesige Orchester: beide voll sichtbar und Teil der Aktion, beide von Ingo Metzmacher nebst Klangregisseur André Richard zu einer wuchtigen, manchmal auch beklemmend zarten, aber fast durchweg konzentriert dichten Leistung geführt - ein Gesamtkunstwerk, dessen Klanggewalt über Mahler bis auf Berlioz zurückverweist und dessen verstörende Qualität darin besteht, dass es didaktische Manifest-Gewissheiten verweigert und alle Fragen auf uns selbst zurückwirft. Gerald Felber

weitere Vorstellungen: 9. & 11.3., Heizkraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 70

www.staatsoper-berlin.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.03.2012

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