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Die Batzdorfer Barockfestspiele begannen mit der Goldoni-Komödie "Der Impresario von Smyrna"

Die Batzdorfer Barockfestspiele begannen mit der Goldoni-Komödie "Der Impresario von Smyrna"

Was für eine ekelhafte Stadt. Was für eine Mischpoke, die hier haust, die Fratzen hinter Masken verborgen. Ali, türkischer Unternehmer aus dem anscheinend deutlich schöneren Smyrna, ist alles andere als entzückt von der Stadt, die schon früh eine der wichtigsten Destinationen der Touristenströme war und noch immer ist.

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Guckkastenbühne à la Batzdorf. Hier eine Szene mit den beiden Sopranistinnen Annina (Beate Laaß) und Tognina (Kati Grasse), die einander bestenfalls vergiftete Komplimente geben, sowie dem Dichter Maccario (Carsten Linke) und dem mit Tognina befreundeten Tenor Pasqualino (Robby Langer, v.l.).

Quelle: Michael Gruner

Und verdenken kann man es ihm nicht, das machte auch Tom Quaas' Inszenierung von Carlo Goldonis (1707-1793) vergleichsweise selten gespielter Komödie "Der Impresario von Smyrna" deutlich, die am Freitag auf Schloss Batzdorf anlässlich der XX. Barockfestspiele Premiere hatte. Gespielt wird im Rittersaal mit seiner alten Holzbalkendecke, für den letzten Akt zieht man in den Keller, wo eine Gondel dann doch noch einen Hauch von Bella Venezia-Feeling aufkommen lässt. Im Rittersaal sind in jeder Ecke vier große, vergoldete Gemälderahmen aufgestellt, groß genug, um eine ganze eigene Guckkastenbühne zu bilden. Mehr ist kaum an funktionalem Bühnenbild (Barbara Blaschke).

Ali ist gekommen, weil er einen Traum hat. Von einer Oper. So wie der Herrscher von Dubai für seine Untertanen und die Touristen ein Opernhaus westlichen Zuschnitts in den Wüstensand setzen will, so ließ der Venezianer Goldoni diesen Türken schon vor 250 Jahren von einer Oper seiner Heimatstadt Smyrna träumen. Mario Grünewald spielt - auch mittels "Was guckst Du?-Kanak-Sprak" - großartig aus, wie dieser Traum wie eine Seifenblase platzt. Für ihn als Pascha aus dem Orient ist Eunuch, wer "wie Katze jault", also Falsett singt. Folglich will er auch den Sänger Carluccio, der Alis Frage "Mann sein oder Weib sein?" nicht wirklich klärte, auch nicht in seinem Ensemble. Aber auch sonst weiß Ali bald nicht, wie ihm geschieht. Er, der weniger an den hohen Cs, sondern mehr an den tiefen Dekolletés der Sängerinnen interessiert ist, ist von Minute zu Minute entsetzter über die gnadenlose Konkurrenzkämpfe, die sich die Künstler vor seinen Augen liefern. Jeder will die Toprolle, die erste Geige spielen, eitle, verlogene, heuchlerische Selbstdarsteller sind sie. Samt und sonders.

Vor allem die Sopranistinnen sind zänkische Furien, wenn es um die P-Frage geht. Wer wird Primadonna? Wer nur Sekunda? Kati Grasse, Cornelia Kaupert und Beate Laaß sind eine Troika, die sich beim entwürdigenden Buhlen um Rollen, Gagen und Extraprämien "dem Türken" gegenüber für nichts zu schade ist, sich regelrecht prostituiert. "Ihr Gesicht gefällt mir", wird gesagt, zeitgleich aber in Alis Schritt gegriffen. Sex sells, ob nun in der Wirtschaft oder im sich nur vordergründig über Mammon-Denken erhaben fühlenden Kulturbetrieb. Vor allem Grasse und Kaupert sind zwei Kampf-Soprannisten, die Haare nicht nur auf den Zähnen, sondern auch auf den Stimmbändern zu haben scheinen. Nuancenreicher ist da Laaß, auch sie eine, die zeigt, dass mit der Zunge noch ganz andere Spielchen möglich sind.

Auch alle anderen abgehalfterten Akteure in Goldonis Werk mit seiner an sich schmalen Handlung versuchen, irgendwie ein Stück vom Kuchen abzubekommen, frei nach der Devise: "Die Sehnsucht nach Ruhm kennt keine halben Sachen." Der alternde Falsettist Carluccio (Mathias Nagatis hat neben Grünewald als Impresario unter den Herren den markantesten Auftritt), der Dichter Maccario (Carsten Linke) oder der umtriebige wie windige Graf Lasca (Peter Kube), der immerhin zugibt: "Ich mag Sängerinnen, die gefällig sind und sich nicht lange bitten lassen." Ob Venedig im Jahre 1759 oder Dresden 2012, das Stück ist aktuell wie eh und je. Es zeigt, wie leicht verführbar die Eitelkeiten sind. Wie in den Gladiatorenkämpfen der Fernseh-Star-Suche bleibt es auch in dem knapp zweistündigen Stück von Goldoni bei den Präsentationen der Opernsänger - zumeist bei Intrigen und Selbstdarstellung.

Quaas ist zum Glück nicht der Versuchung erliegen, Goldonis Komödie zum Sozialdrama vom Künstlerprekariat umzumodeln. Es ist Sommertheater. Es darf gelacht werden bei dieser alten Parabel voller Wortwitz, die mit ein paar zarten Aktualisierungen ergänzt wurde. Und tut man auch reichlich, etwa wenn Kube eine Sopranistin warnt: "Fallen Sie nicht aus dem Rahmen!" Am Ende viel Beifall für das ausgeglichen besetzte und glänzend aufspielende Ensemble, das in historisch wirkenden Kostümen (Barbara Blaschke) stecken mag, aber jedem ist klar, dass sich in der Theaterwelt seit Goldonis Zeiten nicht wirklich viel verändert hat. Gut früher hieß das Saisonengagement, heute halt Zeitvertrag. Und der alte Adam ist der alte Adam, was man akzeptieren sollte, denn alle Versuche, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu schaffen, gebaren noch immer das Grauen.

Am Ende macht sich der Impresario aus dem Staub. Die erhofften Engagements im fernen Smyrna bleiben ein Traum und die noch immer arbeits- und mittellose Truppe schart sich um den Wichtigtuer mit Grafentitel. Lasca will - infiziert und selbstberauscht vom "Finde-den-Superstar"-Virus - mit ihnen ein Opernprojekt starten, in dem alle Beschäftigten am Erfolg, aber auch am Risiko beteiligt sind. Irgendwie erinnert Kube in dem Moment an einen Anlageberater, der griechische Staatsanleihen verkaufen will. Aber keiner schert aus, denn nur wer still hält, gehört weiter zur Truppe. Eine Perspektive ist besser als keine Perspektive. Christian Ruf

nächste Vorstellungen: 21. & 22.. und 24.-26. August, jeweils 20 Uhr

www.batzdorfer-hofkapelle.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.08.2012

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