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Die 25-jährige Lea Schneider gewinnt den Dresdner Lyrikpreis

Die 25-jährige Lea Schneider gewinnt den Dresdner Lyrikpreis

Kecke Leichtigkeit trifft in Lea Schneiders Prosagedichten auf philosophische Großbegriffe. Sie sprechen "von der schwierigen unterscheidung zwischen werkzeug und waffe".

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Lea Schneider

Quelle: Tomas Gärtner

Klingen wie Alltagssprache: "man kann das alles mitessen, die haut auch. es ist ein bisschen kompliziert, aber du kriegst das schon hin." Schießen urplötzlich in die Höhen der Theorie: "unterm primat der prozesshaftigkeit", liest man. Und treiben dort mit Abstraktionen ihr lockeres Spiel: "wenn plötzlich alle entitäten im urlaub sind". "fallobst" und "flecken im teppich" fügt diese Autorin neben "wünsche in übergröße". Und findet traumhaft irritierende Wendungen, die einem im Kopf zu kreisen beginnen wie "ein tanzen mit der rückseite des eigenen spiegelbilds".

Damit hat die Dichterin, 1989 in Köln geboren, die jüngste der Finalistinnen, gestern den mit 5000 Euro dotierten Dresdner Lyrikpreis gewonnen. Die siebenköpfige Hauptjury überzeugten "Narrationsgenauigkeit, vershandwerkliche Raffinesse und Imaginationsirritierungen" ihrer Prosagedichte, wie der Berliner Literaturwissenschaftler Peter Geist zusammenfasste. Er bescheinigte ihren Texten kritische Ironie wie Selbstironie und gekonnte Perspektivwechsel. Reflexionsgenauigkeit und Witz finde man in ihnen vereint. Existenziellen Ernst und spielerischen Gestus. "Diese Autorin interessiert, in welche Welt sie geboren ist, mit welchen Konflikten sie zu tun hat." Nicht romantisch komme sie daher, sondern desillusioniert, bisweilen mit herrlichem Sarkasmus. Diese Gedichte bewegten sich fernab von purer postmoderner Spielerei, sie übernähmen Verantwortung - "auf höchstem lyrischen und sozialen Niveau".

Gerade ist im Berliner Verlagshaus J. Frank Lea Schneiders erster Gedichtband "Invasion rückwärts" erschienen. Sie hat Soziologie, Sinologie und Komparatistik in Berlin, Shanghai, Taipei und Frankfurt/Oder studiert; tritt auch als Nachdichterin auf - von zeitgenössischer chinesischer Lyrik. Sie rät zu solch befreiender Erweiterung des Horizonts. Und schätzt den Austausch. Den pflegt sie als Mitgründerin im Berliner Lyrik-Kollektiv "G 13". Eine Art "Lyrik-Selbsthilfegruppe", wie sie sagt. Denn sie glaube nicht an den einsam vor sich hin schreibenden Autor. "Texte können nur besser werden, wenn man darüber spricht."

Der Dresdner Lyrikpreis hat weiter an Bedeutung gewonnen. Bei der Wettbewerbslesung am Sonnabend Abend herrschte drangvolle Enge. So viele Zuhörer, darunter etliche jüngere, waren es wohl noch nie. Waches Draufhören war gefragt: Erstmals konnten sie einen Publikumspreis vergeben. Der ging an Thilo Krause, Jahrgang 1977, ein geborener Dresdner, der in Zürich lebt. Er kam gut an mit der lyrischen Beschwörung von Momenten mitten im Alltag, in denen man urplötzlich die Welt anders und überscharf sieht. Wenn er beispielsweise in die Augen einer Katze blickt, "in den Brunnenschacht der einen Pupille" stolpert und fällt, bis es Abend ist.

Deutlichstes Indiz für das gewachsene Renommee des Preises war die Beteiligung: Aus mehr als 700 Einsendungen hatte die Vorjury fünf tschechische und fünf deutschsprachige Finalisten auszuwählen, ohne deren Namen zu kennen. Anspruchsvollste Arbeit hatten die Übersetzerinnen zu leisten, um beiden Gruppen gleichwertige Chancen zu bieten.

Beträchtliche Unterschiede in den Schreibstilen zeigten sich da. Die tschechischen Autorinnen und Autoren traten mit eher erzählerischer Lyrik an. Einige blickten zurück auf die Generation ihrer Großeltern, beschworen eine archaische Schicksalhaftigkeit in den Biografien der Toten. Man fragt sich, wo die kühnen Metaphern und Wortwendungen bleiben, die ihre heutige Situation überzeugend ins Bild setzen.

Diskussionen darüber, ob nicht zwei Preise angemessener wären, einer für die tschechischen, einer für die deutschsprachigen Gedichte, gab es auch diesmal - wie schon seit 1996, als der Preis zum ersten Mal vergeben wurde. Wie immer sie einmal ausgehen mag - die Sprachgrenzüberschreitung bleibt das große Plus des Dresdner Lyrikpreises, der spannende wie spannungsreiche Unterschied zu anderen Wettbewerben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2014

Tomas Gärtner

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