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Die 18. Jüdische Musik- und Theaterwoche startet am Sonntag in Dresden

Die 18. Jüdische Musik- und Theaterwoche startet am Sonntag in Dresden

Zahlen spielen in der jüdischen Tradition seit jeher eine wichtige Rolle. Schon die hebräische Bibel berichtete von einer Ruhepause bei der Erschaffung der Welt - am siebten Tag der Woche, dem Sabbat.

Mit der 18. Jüdischen Musik- und Theaterwoche Dresden verbindet sich natürlich auch etwas Besonderes: Die 18 entspricht im hebräischen Alphabet den Buchstaben Chet und Yod. Zusammen ergeben sie "Chai", was für "Leben" steht. Und um das moderne jüdische Leben geht es den Machern der jüdischen Musik- und Theaterwoche.

Das diesjährige Motto "Jüdisch. Jetzt!" ist Provokation und Programm zugleich: Die 18. Festivalausgabe will an zahlreichen Orten der Stadt den jungen und zeitgenössischen Künstlern und Themen eine Stimme geben. Da fließt schon mal reichlich (Kunst)blut, wie beim Tanzstück "Dancing to the end", des in Berlin lebenden, israelischen Choreographen Nir de Volff. Oder es gibt rote Ohren: dann nämlich, wenn Oliver "der Jüdische Patient" Polak, die Bühne betritt. Der kennt für eine gute Show keine Grenzen. Er pöbelt eisenhart und wenn er, immer wieder aufs Neue, den guten beziehungsweise schlechten Geschmack seiner Zuhörer auslotet, weiß man nie wo der Bühnenmensch aufhört und der private Polak beginnt. Aber als Jude dürfe er das, schließlich habe Deutschland vor ihm sechs Millionen lustige Menschen umgebracht. Weniger brachial, aber dafür urkomisch wird es, wenn das preisüberhäufte Londoner Blind Summit Theatre ihren Moses über das Leben, den Tod, alles andere und, ach ja: Gott, philosophieren lässt. Ihr Stück "The Table" bekam weltweit überschwängliche Rezensionen und sei eine der coolsten Veranstaltungen des Jahres - "inspirierend, fantastisch, absolut unglaublich!"

Den Auftakt macht aber zunächst der Punk unter den Klezmerinterpreten: Daniel Kahn bringt mit seiner dreiköpfigen Band The Painted Bird die leisen und die lauten Töne in den Saal des Jüdischen Gemeindezentrums. Alte und neue Lieder, die die Vergangenheit verfluchen - böse Musik aus einer verlorenen Zeit. Als gewiefte Kenner der jüdischen Folklore bewegen sich Kahn und seine Vögel immer stilsicher zwischen Zirkusmusik, Streetsound, Klezmer und Tingeltangel.

Aber Provokation allein ist nicht das Ziel der Jüdischen Woche Dresden: der großen Geste des Auftakts folgen in den weiteren zwei Wochen über 30 Veranstaltungen aus den Bereichen, Theater, Literatur, Fotografie und Musik. Gemeinsam mit dem Programmkino Ost werden außerdem Filme aus dem jüdischen Milieu gezeigt. Es gibt zudem Sprachkurse und Möglichkeiten zur Begegnung mit den jüdischen Nachbarn. Sogar ein Familientag ist geplant, bei dem die ganze Mischpoke (jiddisch: Familie) eingeladen ist, den Dresdner Juden in den Topf und unter die Kippa zu schauen.

Schirmherr der Musik- und Theatertage ist der Regisseur und Schauspieler Dani Levy. Mit seiner frischen und trotzdem hintersinnigen Art passt er in diesem Jahr perfekt zum Festival. Wie viele andere Juden auch, lebt Levy mittlerweile in Berlin. Seine Haltung zum modernen Israel bleibt dabei distanziert - mit der Politik des Staates kann er sich kaum identifizieren und er unterscheidet daher deutlich zwischen der jüdischen Kultur und dem, was im sogenannten Heiligen Land passiert. So wie ihm geht es mittlerweile auch anderen: Knapp 20000 Israelis haben sich in den vergangenen Jahren allein in Berlin niedergelassen. Sie arbeiten und leben in Deutschland und schwören auf den positiven Geist über ehemals verbranntem Boden. Ist Antisemitismus deshalb passé? Natürlich nicht. Deshalb hat die Jüdische Musik- und Theaterwoche mit dem Schriftsteller David Ranan auch einen Mahner eingeladen. In seiner Lesung wird er aus den Interviews mit in Deutschland lebenden Juden zitieren. Oder sind es doch jüdische Deutsche? Ranan jedenfalls zeigt, dass die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen und das Leben inmitten eines Tätervolkes teilweise viel abverlangt.

Wer schon vor der Eröffnung aus diesem Sonderkonflikt lernen will, geht in die Jüdische Gemeinde an der Synagoge. Im Gemeindehaus zeigt die New Yorker Künstlerin Angelika Rinnhofer im Rahmen des Festivals bis Ende Oktober ihre Ausstellung "A priori". Mit Fotos und Interviews hat sie Biographien von Menschen nachgezeichnet, die erst im Alter von ihrer jüdischen Herkunft erfahren haben - eine Herkunft, die den Männern und Frauen teils aus Angst verschwiegen wurde, teils durch tragische Schicksale abhandengekommen ist.

Über solch einen Identitäts- und Heimatverlust sinnieren zum Ende der Jüdischen Woche Schauspieler des Deutschen Theaters Berlin. Sie präsentieren im Schauspielhaus das preisgekrönte Stück "Muttersprache Mameloschn". Drei Frauen - drei Generationen, die sich unterschiedlich mit ihrer jüdischen Geschichte auseinandersetzen. Die Dresden-Premiere zeigt, dass gerade in einem vereinigten Deutschland Freiheit immer nur die Freiheit der Anderen sein kann. Und wenn das bedeutet, jüdisch zu sein, dann heißt das "Jüdisch. Jetzt!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2014

Bernhard Neitz

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