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Diagnose mit Galgenhumor: Molières "Der Arzt wider Willen" in Dresdens Theaterruine St. Pauli

Diagnose mit Galgenhumor: Molières "Der Arzt wider Willen" in Dresdens Theaterruine St. Pauli

Ein Trunkenbold verprügelt gern mal sein Weib, welches herzliche Rache schwört. So verkauft sie listig per Legende den eigenen Nichtsnutz an zwei Diener des großen Géronte, der einen Wunderdoktor sucht, um seine Tochter vom plötzlichen Verstummen zu erlösen.

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Banales, aber happy Ende: Dank plötzlicher Erbschaft darf Léandre (Eric Törsel) seine Lucinde (Ingrid Schütze, vorn) ehelichen, die Vermittlung von Wunderheiler Sganarelle (Christoph Wagner, Mitte), der Géronte (Olaf Nilsson, rechts) überlisten wollte, war unnütz.

Quelle: Jörg Berger/St.Pauli Theaterruine

Doch Lucinde schweigt aus Liebe zu Léandre, weil sie sonst mit einem anderen, standesgemäßen Gemahl verheiratet würde. Sganarelle durchschaut das Spiel und verhilft, nach teurer Behandlung, der Tochter zur Flucht mit dem Geliebten. Die misslingt zwar, doch statt Galgen und Zwangsheirat gibt es plötzlich Aufklärung, Erbe und allgemeine Freude.

Das Grundproblem bei Molières Komödienklassikern: Überraschungseffekte und Figurenvielfalt bedürfen zahlreicher genauer Auf- und Abtritte, die man im weitläufigen Kirchenschiff von St. Pauli nur schwerlich hinbekommt. Zumal große Bühnenbilder für Amateurtheater einerseits zu teuer, andererseits nicht in die große Kulisse der nahezu klinisch rein rekonstruierten Theaterruine passt. Bewährterweise kommen daher die plötzlichen Auftritte im Galopp von hinten oder von der neuen Empore, hohes Spieltempo muss aufgrund des Nachhallens durchs Glasdach mit ruhigem Sprechen einhergehen.

Das beherrschen die Hauptakteure gut, allen voran überzeugt Olaf Nilsson als herrischer Vater und Chef der Szenerie namens Géronte. Sein Duell mit dem wendigen Sganarelle, der von Christoph Wagner gar nicht versoffen und böse, sondern als lebensbewusster, abzockender Harlekin gespielt wird. Dem gut gewachsen zeigt sich Ingrid Schütze als rachelüsterne Frau - und als liebesverstummtes Töchterlein Lucinde. Ständig in der Szene ist Eric Törsel: Vor der Pause begleitet er geschickt per Gitarre die Szenerie, nach der Pause wird er als heimlich Geliebter Léandre gar zum Bänkelsänger. Beides gelingt überzeugend.

Regisseur Jörg Berger, der als Gründer inzwischen alle eigenen Produktionen aufgrund seiner Ensemble- und Ortskenntnis selbst inszeniert, setzt seinem "Diener zweier Herren" aus dem Jahr 2012, dem aktuell eindeutigen sächsischen Komödienfavoriten, nun mit "Der Arzt wider Willen" den zweiten Molière als eines der sechs Repertoirestücke entgegen, die das Ensemble diesen Sommer bietet. Er beherrscht das Repertoire gängiger Regietricks und weiß um die Stärken und Schwächen seiner Akteure. Konzipiert für drei Damen und acht Herren kommt Berger hier mit zwei Damen und fünf Herren ohne Rollenverlust aus.

Ausstatterin Anja Martin, die mit witzigen, zeitgenössischen Kostümen aufwartet, verzichtet erst komplett auf ein Bühnenbild, erst später wird mit Arzneimittelschachtel-Adaptionen in allen Größen operiert. Trotz dieser gelungenen Idee und des starken Quartetts in den Hauptrollen fehlt der Inszenierung Witz und Fahrt. Nur die meisten der Prügelszenen, die dem vermeintlichen Arzt als Rache für dessen Gewalt gegen die eigene Frau gelten, gelingen recht lustig. Im Kontext der vorher gezeigten weichen Härte artet nur der Einsatz der beiden schlichten Bedienten (Frank Bendas als Lucas und Veit Schumann als Valere) gegen den galgenhumorigen Sgaranelle, leicht aus.

Dass sich das ganze Theater am Ende als obsolet erweist, weil Molière einst als Pointe nichts anderes einfiel, als Léandre eine Erbschaft zu bescheren, und er daher plötzlich als Tochtertraummann taugt, liegt im Stück verankert. Unglücklich bei der Neuauflage im Hechtsommer 2013 ist auch die Einteilung in achtzig Minuten vor und dreißig Minuten nach der Pause. Tempo und Stringenz der zweiten Halbzeit wünscht man sich in der ersten, in der es bei der vollen zweiten Vorstellung am Sonnabend genau eine Stunde bis zum ersten herzhaften Kollektivlachen bei sommerlichen Gewächshausklima dauerte. Auch die Vermeidung von Dreifachbesetzungen zugunsten von mehr Mitspielern oder weniger Text hätte sicher geholfen. Der Spaß am Stück beruht so vor allem auf dem Spiel der vier Protagonisten.

Ein Tipp für Sparfüchse unter den Freaks: Zum Theater(donners)tag läuft "Arzt wider Willen" viermal am 1. & 8. August sowie 12. & 19. September - da kosten Karten nur elf volle oder sieben ermäßigte Euro.

Nächste Vorstellungen am 30. & 31. Juli sowie 1. und 7. bis 10. August, jeweils 19.30 Uhr

www.theaterruine.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.07.2013

Andreas Herrmann

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