Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Deutsche Erstaufführung von Massenets "Esclarmonde" in Dessau

Deutsche Erstaufführung von Massenets "Esclarmonde" in Dessau

Diese "Esclarmonde" ist so ein typischer Fall von spät, aber nicht zu spät. Uraufgeführt wurde diese vieraktige Opéra romanesque von Jule Massenet (1842-1912) an der Opéra-Comique in Paris 1889. Im Umfeld jener Weltausstellung, von der immer noch der Eiffelturm kündet, verstand sich ein Auftrag an den berühmtesten Tonsetzer des Landes quasi von selbst.

Voriger Artikel
Philharmonie-Kinderkonzerte: Aus- und Rückblick
Nächster Artikel
Debütkonzert für neues Ensemble

Oper mit Bildgewalt und üppiger Ausstattung: "Esclarmonde" in Dessau.

Quelle: Anhaltisches Theater

Und der "Werther"- und "Manon"-Komponist lieferte: großformatig, typisch französisch, spektakulär. Mit einem Mix aus allem, was man der Oper und ihren Fans so zumuten konnte. Romantisch mit viel Futter für die Augen, die Ohren und die Fantasie. Als Ereignis von nationalem Rang fürs internationale Publikum wurde diese Weltausstellungs-Produktion (mit ihren 87 Proben in einem halben Jahr!) zu einem Erfolg. Trotzdem reichten die Zauberkräfte von Esclarmonde nicht, um sich im französischen oder gar deutschen Repertoire durchzusetzen.

Jetzt hat sie es doch auf eine deutsche Bühne geschafft. Dank der gelegentlichen Entdeckerfreude, die auch so ein Merkmal des deutschen Stadttheatersystems ist, auf das man keinesfalls verzichten sollte, kann sich das Anhaltische Theater in Dessau eines grandiosen und heftig bejubelten Erfolges rühmen! Wie es sich gehört, auf Französisch gesungen und Deutsch übertitelt.

Zugegeben, die Story ist einigermaßen abstrus. Und hat obendrein was von Collage. Von Lohengrin (hier mit einem Frageverbot für den Geliebten) und Tristan (mit einer Liebesnacht im XL-Format samt ziemlich deutlich illustrierendem Orchesterpart), über ein Zauberschwert wie bei Siegfried und einem finsteren Kirchenfürsten wie im Don Carlo bis hin zu einer Alcina-Zauberinsel. Alles drin und alles bei opulenter Orchester-Prachtentfaltung und reichlicher Gurgelartistik besonders für die Titelheldin und ihren Ritter Roland, mit königlichem Bläserpomp und großen Choraufmärschen.

Esclarmonde ist byzantinische Kaisertochter mit Leidenschaft fürs Zaubern. Und für Roland, den Ritter. Als der Papa sie auf den Thron setzt (er hat auch mehr für Magie als Politik übrig), zaubert sie sich zuerst ihren Traummann auf ihre magische Liebesinsel. Sie will und muss anonym bleiben, kommt dafür jede Nacht! Dieses Dauer-Blinde-Date geht so lange gut, bis Roland, der im Hauptberuf Streiter für das Gute ist, die einfallenden Sarazenen daran hindert, daheim, im französischen Blois, hundert Jungfrauen zu rauben und seine Heimatstadt zu unterwerfen. In die Bredouille kommt er, als er die zur Belohnung gereichte Hand der Königstochter ausschlägt. Da der Bischof von Blois über Inquisitoren-Fähigkeiten (und Folterknechte) verfügt, zwingt er Roland zum Verrat an der Geliebten. Die wird prompt (Kaiserin hin, Kaiserin her) als Zauberin verfolgt und kann sich nur durch ihre Geisterhilfstruppen retten. Am Ende gibt es ein Happyend und Esclarmonde kriegt ganz offiziell ihren Roland. Als geheimnisvoller Schwarzer Ritter siegt der nämlich in jenem Turnier, das der zurückgekehrte Kaiser um die Hand seiner eigensinnigen Tochter austragen lässt. Roland tritt an, um zu sterben, und landet an der Seite seiner Geliebten auf dem Thron von Byzanz. Wie das Leben in der Oper eben so spielt.

So ein Finale im Siegerkranz war Regisseur Roman Hovenbitzer dann doch unheimlich. Und so lässt er, mit spät erwachtem Interpretationsehrgeiz, den abgekämpften Ritter im wahrsten Wortsinne auf den Stufen zum Thron verrecken. War also doch nix mit der byzantinischen Vorkämpferin für die Emanzipation. Hovenbitzer und sein Ausstatter Tilo Steffens hätten in dem Falle ruhig etwas hemmungsloser und tiefer in die Opernmärchen-Trickkiste greifen dürfen. Aber die hat Johannes Felsenstein vielleicht zu weit hinten im Keller versteckt. So machen die schönen Liebesnacht-Videos von Barbara Janotte (mit gedoubelten Akteuren, in einer optischen Tristanparaphrase auf das "Ertrinken-versinken-unbewusst-höchste Lust" des Liebestodes) den stärksten Eindruck. Ebenso das Anfangsbild mit der angedeuteten Kuppel, samt einem viele Meter hohen Sockel für den Kaiser, sowie die aus der Tiefe bis zu ihm auffahrende Esclarmonde. Die Zauberinsel vor einer Art magischem Riesenauge, die Belagerung von Blois oder das inquisitorische Verhör Rolands sind eher optische Magerkost, die Geistertruppe eher brav, die Kostüme opulent, aber nicht immer vorteilhaft.

Sei's drum. Diese Einwände verblassen angesichts einer exzellenten Ensembleleistung. Dabei profiliert sich die bestechend höhensichere Angelina Ruzzafante als Esclarmonde ebenso überzeugend wie der Koreaner Sung-Kyu Park als kraftvoller und völlig müheloser Tenorstrahlemann Roland. Neben diesen beiden, die jedes größere Haus schmücken würden, wurde auch sonst Erstklassiges geboten. Von Ulf Paulsens kaiserlichem Vater der Titelheldin über Rita Kapfhammers Schwester bis hin zu David Ameln als deren Verlobten oder Nico Woustres Bischof, allen übrigen und dem deutlich verstärkten Chor. Sie alle folgten mit Spiellust Daniel Carlberg und der farbenreich aufblühenden Anhaltischen Philharmonie bei diesem überfälligen Abstecher nach Opern-Frankreich! Langer und einhelliger Jubel in Dessau für diesen Leckerbissen!

Aufführungen 15. und 29.6., Großes Haus Dessau.

www.anhaltisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.06.2013

Joachim Lange

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr