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Deutsche Erstaufführung in der Dresdner Semperoper: Ronnefelds "Nachtausgabe"

Deutsche Erstaufführung in der Dresdner Semperoper: Ronnefelds "Nachtausgabe"

Eine bezaubernde Frau, eine Dame von Welt. Hinreißend schon auf den ersten Blick. Ich treffe mich mit ihr in einem Dresdner Hotel an der Prager Straße.

Dessen trister Anti-Charme steht in krassem Kontrast zur grazilen Erscheinung von Minna Ronnefeld, die aus Kopenhagen angereist ist, um eine ganz besondere Dresdner Opernpremiere zu besuchen.

Es ist die deutsche Erstaufführung der "Nachtausgabe" von Peter Ronnefeld, einem 1935 in Dresden geborenen Musiker, der ungemein talentiert war, den heute aber kaum jemand kennt. Die Gründe sind vielfältig. Europas Teilung in Ost und West - Ronnefeld ging 15-jährig nach Berlin, studierte in Paris bei Olivier Messiaen, wechselte nach Salzburg und Wien, war dort Assistent der Antipoden Herbert von Karajan und Nikolaus Harnoncourt, wurde Chefdirigent in Bonn und war mit nur 28 Jahren als damals jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands in Kiel beschäftigt - vor allem aber ein tragisch kurzes Leben sind die Ursachen dafür. Mit gerade mal 30 Jahren ist Peter Ronnefeld gestorben. Für die gebürtige Dänin, seiner zweiten Frau, blieben ihm lediglich neun Jahre, eine allerdings höchst fruchtbare Zeit.

Kennengelernt haben sich der Dresdner, dessen Vater Bratschist in der Staatskapelle war, und die Pianistin aus Kopenhagen am Mozarteum in Salzburg. Dort kam im August 1956 die als Opera piccola bezeichnete "Nachtausgabe" heraus. Es gab lediglich eine einzige Neuinszenierung dieses satirischen Werks über die aufstrebende Nachkriegs-Bohème und deren Konflikte mit der "feinen Gesellschaft": 1987 an der Wiener Staatsoper. Minna Ronnefeld hat natürlich beide Produktionen erlebt: "Sie waren wirklich sehr gelungen und wurden sowohl vom Publikum wie auch von der Presse sehr gefeiert", erinnert sie sich. Umso erstaunlicher, dass sich bislang keine deutsche Bühne an dieses Stück, dessen Libretto ebenfalls vom früh vollendeten Komponisten stammt, herangewagt hat.

"Dass Dresden jetzt die Urfassung bringt, freut mich besonders", strahlt Minna Ronnefeld, "denn so wird Peter Ronnefeld hier ganz authentisch gezeigt. Zu seinem 80. Geburtstag im kommenden Jahr ist das genau richtig." Es ist allerdings auch der 50. Todestag des vielseitigen Musikers, der 2015 bevorsteht. Doch seine Witwe, die den künstlerischen Nachlass bei der Berliner Akademie der Künste in besten Händen weiß, behält ihn für immer als jungen Mann in Erinnerung. "Er war außergewöhnlich, das kann man wohl sagen. Neben all seinem fachlichen Können am Klavier und beim Komponieren hatte er Humor in so reichen Maßen, das ist unvergesslich." Und sie berichtet von Zusammenkünften der Ronnefelds mit dem Dramatiker Thomas Bernhard, der in der Salzburger Uraufführung der "Nachtausgabe" als Student in einer Sprechrolle mitgewirkt hat und bald darauf ein enger Freund von Peter Ronnefeld geworden ist: "Die beiden konnten ganze Nächte lang klug miteinander parlieren."

Fast ist es, als würde sich Thomas Bernhard mit seiner verbal genialen Bissigkeit ins Gespräch mischen - wie würde dieser Sprachmeister wohl gegen die Bunkeratmosphäre der Prager Straße wettern?! Aber auch er ist schon lange tot, auch er konnte sein Kranksein nicht bezwingen. Immerhin hatte er in Verbindung mit der Wiener "Nachtausgabe" noch einen scharfzüngigen Brief mit der Überschrift "Peter Ronnefeld war ein genialer Hund" an die Süddeutsche Zeitung geschrieben und sich seiner einstigen Mitwirkung im Ronnefeld-Erstling besonnen.

Der Dramatiker ruht auf seinem ureigenen "Heldenplatz", er wurde ebenso wie Peter Ronnefeld und dessen 1986 verstorbener Sohn Matthias auf dem Grinzinger Friedhof von Wien bestattet. Den Bogen von der Dresden-Premiere zurück in die Welten von gestern und vorgestern schlägt allein die Musik. Minna Ronnefeld, die diesem Ereignis gemeinsam mit ihrer Tochter und den Enkelkindern beiwohnen wird, erläutert, wie dieses so lange vergessene Stück überhaupt seinen Weg in die Geburtsstadt des Komponisten gefunden hat: "Werner Grünzweig vom Musikarchiv der Berliner Akademie der Künste rief mich in Kopenhagen an und hatte gute Nachrichten. Er sagte mir, dass sich Dresden für diese Oper interessiert." Regisseur Manfred Weiß wiederum ist durch Klaus Zehelein auf Ronnefelds Werk aufmerksam gemacht worden und hat sich dafür stark gemacht, die erste Aufführung der völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen "Nachtausgabe" an einem deutschen Theater nach Dresden zu holen.

Als hätte es noch eines Beweises für den Bezug des Komponisten zu seinem Geburtsort bedurft, fischt Minna Ronnefeld einen Programmzettel von 1949 aus ihrer Tasche. Damals hatte ihr späterer Mann als 14-Jähriger in einem Sinfoniekonzert mit der Staatskapelle Dresden den Klavierpart in Beethovens "Chorfantasie" übernommen. Sein letzter Auftritt in Dresden. Das allerletzte Konzert jedoch gab er 1965 zur Wiedereröffnung des im Krieg zerstörten Konzertsaals im Schloss von Kiel. Unmittelbar danach ging er ins Krankenhaus und kam nie wieder nach Hause.

Wenn Minna Ronnefeld heute durch Dresden geht, trägt sie all diese Geschichten in sich. "Was hier geschah, das ist so entsetzlich. Durch Peters Erlebnisse und durch die Erzählungen meiner Schwiegereltern ist das bis heute in mir."

"Nachtausgabe", Semper 2 - Premiere am Sonnabend, 20 Uhr, weitere Vorstellungen: 6., 7., 10., 11., 26., 28. und 29.10.2014

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.10.2014

Michael Ernst

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