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Deutsche Erstaufführung in Chemnitz: die Oper "Die Herzogin von Malfi"

Deutsche Erstaufführung in Chemnitz: die Oper "Die Herzogin von Malfi"

Weil manche Filme Szenen psychischer oder physischer Gewalt enthalten, seien sie für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. In Chemnitz hält man die deutsche Erstaufführung der Oper "Die Herzogin von Malfi" von Torsten Rasch auch erst für Menschen über 16 Jahre geeignet.

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Blutiges Finale: Ferdinand (Iestyn Morris) und die Herzogin von Malfi (Tiina Penttinen).

Quelle: Oper Chemnitz

Könnte man ja für einen coolen Werbetrick halten, denn das Verbotene reizt. Klappt aber nicht. In der zweiten Vorstellung ist das Theater sehr mäßig besucht, vielleicht 100 Leute im Parkett, wenige auf den Rängen. Die aber sind nach zwei Stunden und zehn Minuten ohne Pause begeistert, heftiger Applaus, Bravi für die Protagonisten. Belohnt man sich selbst, weil man durchgehalten hat?

Raschs Oper ist ein harter Brocken. Der aus Dresden stammende Komponist schrieb sie im Auftrag der English National Opera. In London wurde sie 2010 durch die Theatergruppe Punchdrunk in einem ehemaligen Industriegebäude der Docklands als begehbares Musiktheater uraufgeführt. In Chemnitz gibt es jetzt die erste Bühnenfassung des Stückes, dem das gleichnamige Drama des Zeitgenossen Shakespeares, John Webster, zugrunde liegt. Webster, von dem sonst wenig bekannt ist, wird schon mal der "Dichter der Schlachthäuser" genannt. Für die Oper hat Ian Burton ein weniger dramatisches, eher lyrisches, philosophierendes Libretto geschrieben. Es geht um die Wölfe in der Menschenhaut. Und solche schlimmster Sorte sind die beiden Brüder der Herzogin von Malfi, die ihrer verwitweten Schwester verbieten, wieder zu heiraten. Materielle Gier bewegt den älteren, Ludovico, Kardinal von Aragon, und perverser Lüstling.

Bei ihrem Zwillingsbruder Ferdinand, Herzog von Kalabrien, kommt zur Gier inzestuöses Verlangen. Mit dem kriminellen Handlanger Daniele Bosola, Söldner, Sträfling, Spion und was den finsteren Typen noch alles qualifizieren mag, ist das Trio Infernale komplett. Das Stück spielt Ende des 15. Jahrhunderts, aus der Luft gegriffen ist das alles nicht, und in der starken Frauengestalt der Herzogin Giovanna von Malfi, die sich den mörderischen Wolfsbrüdern widersetzt, mag man eine Vorbotin der Emanzipation sehen. Den finalen Blutrausch des Stückes überlebt auch sie nicht.

Und so wie im Stück alles ineinander übergeht, die Gier, die Geilheit, die Mordlust, die Rache und die Blasphemie, der Rausch, die Einsamkeit, so trennt nur eine schmale Bühnenwand in Dietrich W. Hilsdorfs Chemnitzer Inszenierung den Projektionsraum spätmittelalterlichen Fantasytheaters von der armseligen Gegenwartsbehausung einer Prostituierten auf der einen und einem heimlichen Hinterhofwinkel im Nachtschatten der Alraune für die perversen Gelüste des nekrophilen Aasvampirs Ferdinand auf der anderen Seite.

Das sind die Räume für die Fantasien aus Gruselkabinetten und vermeintlichen Provokationen. Aber wen kratzt das alles noch? Im deutschen Fernsehfilm pinkeln Männer am laufenden Band. Jetzt pisst auch einer auf der Bühne in den Blumenkorb. Im Zuge der Gleichberechtigung wird auch Menstruationsblut verschmiert. Schüsse auf der Bühne provozieren höchstens Lacher. Sexspiele, seien sie noch so absichtsvoll gemeint, etwa wenn der Kardinal im Schutze des Ornats die Hure als Nönnchen oder Messknaben vernascht, wirken auf der Bühne immer verschämt und hier dazu noch recht verklemmt. Kurz, vieles, was der Regisseur will, kann das Kino einfach besser.

Natürlich kann man sich bei Hilsdorf, beim Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümbildnerin Renate Schmitzer auf gewohnte Opulenz verlassen, auch gelingen immer wieder Bilder von schönster Operneindringlichkeit. Die Oberfläche glänzt, allein an Tiefe fehlt's. Das Auge kommt aber auf seine Kosten.

Das Ohr auch bei Torsten Raschs Musik, deren räumliche Dimensionen schon gleich zu Beginn zum konzentrierten Zuhören einladen. Rasch kommt trotz krachiger Handlung ohne musikalische Kracher aus. Bei ihm wächst das Unheil aus der Stille. Fahle Passagen für Holzblasinstrumente, brüchige Flächen aus Blech. Auch wenn es traditionelle Opernmelodik nicht gibt, ein feines Geflecht aus kammermusikalischen Eigenheiten der Instrumente, die den Personen zugeordnet sind, bestimmend ist, in einer aberwitzigen Ballszene bricht doch so etwas wie rauschhafte Klangopulenz auf. Und sowohl hier als auch in den vernehmlich zurückhaltenden Passagen atonaler Charakterisierung jener Wölfe in Menschenhaut sorgt Frank Beermann als Dirigent mit den Musikern der Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie für starke Momente.

Dazu kommen die großartigen Solisten dieser Aufführung. Andreas Kindschuh als Daniele Bosola verleiht mit seiner klaren dunklen Stimme dem Handlanger der Schurkenbrüder finstere Konturen. Kouta Räsänen als geiler Kardinal ist mit schlankem Bass der eine im geistlichen Gewand, der Countertenor Iestyn Morris als Ferdinand der andere. So wie ihm der Komponist die wildesten Sprünge aus Höhen des Soprans in die Tiefe des Basses abverlangt, so spielt der schlanke Typ in agiler Körperlichkeit mit Travestievergnügen sein so mörderisches wie lustbetontes Spiel, macht weder Halt vor den Gedärmen einer Leiche noch vor dem Blut der eigenen Schwester.

Als wäre sie eine kleine Schwester der Lulu, singt und spielt Sarah Yorke die Prostituierte Julia. Rein stimmlich schon mit der Wärme ihres Mezzosoprans, rein optisch von der Erscheinung her, vor allem musikalisch, mit den fast melodisch anmutenden Passagen, gibt Tiina Penttinen der Titelrolle dieser Oper eindringliche Gestalt.

Und doch am Ende etwas Unbehagen. Zum Verlöschen der Musik noch eine Projektion auf den Zwischenvorhang. Klingt gut nach so viel Bühnenblut: "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat." Das ist doch Nummer drei der 21 Punkte von Friedrich Dürrenmatt, die er acht Tage vor der Uraufführung seiner Komödie "Die Physiker" formulierte. Sicherlich in guter Dramaturgenabsicht anders gemeint, verweist der Text doch, sofern man ihn in seinem Kontext liest, auf ein grundsätzliches Problem des Abends. Es fehlt genau der kleine, aber feine Schuss, Humor um sich von so viel gut gemeintem Horrorschrecken wenigstens ein bisschen erschrecken zu lassen.

weitere Aufführungen: 6., 20. & 26. April; 5. & 8. Juni

Eine Konzertsuite mit Motiven der Oper von Torsten Rasch "Das Haus der Temperamente" wird im Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie am 17. und 18.4. uraufgeführt.

www.theater-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2013

Gruhl, Boris Michael

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