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Derevos neue "Ketzal"-Version in Hellerau uraufgeführt

Derevos neue "Ketzal"-Version in Hellerau uraufgeführt

Nach der mit deutlicher Aufmerksamkeit und viel Beifall aufgenommenen Vorstellung von "Ketzal II Noah's Ark" im Festspielhaus Hellerau fragen Besucher am Verkaufsstand nach, ob es denn noch irgendwie erklärendes Material zur Produktion gäbe.

Und erfahren, dies sei ja gerade erst die Uraufführung gewesen und eine DVD oder Ähnliches wäre dann später zu erhalten.

So ist es einfach bei Derevo: Es gibt hinreißende Bilder, hervorragende Künstler, Sound und Lichtstimmungen vom Feinsten. Aber konkret benennen, was da Geheimnisvolles vor sich geht, kann wohl keiner so recht. Höchstens das Wahrgenommene mit Worten umkreisen, assoziieren. Wie es überhaupt eine Eigenart dieser in Dresden ansässigen, bewegten russischen Theatergruppe ist, dass auch das Uraufgeführte sich stets weiter verwandelt. Und die üblichen Praktiken mit Konzeption, Eckdaten, Reihenfolge und einem alles erklärenden Programmheft gibt es hier mitnichten. Dafür jeweils einen prallen, ungewöhnlichen Theaterabend, des-sen Bildhaftigkeit sich einprägt. Und der schlussendlich wie stets bei Derevo in einer Art Endlosschleife ausufert.

Mit "Ketzal" ist die Gruppe schon seit rund acht Jahren zu Gange, und diese Geschichte von einem unbeholfenen Wesen, das in die große, weite Welt hineinwächst, hat viele Veränderungen, Weiterführendes erfahren. Nun gibt es einen Rückblick in die Zukunft, ist das Geschöpf mit einem Urtierkopf auf dem Abfallhaufen der Zivilisation gelandet. Und wenn durch die mit einfachen theatralen Mitteln mächtig gewaltig hervorgezauberte Bühnen-Bergwelt ein altes Hutzelweibchen mit diversen Sammeltüten und dem suchenden Blick nach verwertbaren Überresten schlurft, mag das Bild an sich schon ein Widerspruch sein. Ein zum Himmel schreiender, denn das heruntergekommene, domestizierte, dressierte Geschöpf sucht sein Auskommen in einer Gegend voller Schönheiten. Und wenn es beim Vorbeifahren der rasenden Züge mit erhobener Vorderhand um Gaben bettelt und Müll erhält, verwandelt sich die bittende Geste in ein absterbendes Festkrallen.

Dass dieses neue, alte Stück nach Voraufführungen in Sankt Petersburg und Potsdam nun zur Premiere im Festspielhaus Hellerau als "Noahs Arche" benannt ist, wirkt vieldeutig. Denn eine Arche ist es ja irgendwie auch, das Gebäude von Tessenow, speziell, wenn man es sich auf den Kopf gestellt denken kann. Und Derevo mit dem wahrhaft unverwechselbaren Prinzipal Anton Adassinsky ist etwas, dass als immerwährende Theaterqualität unbedingt in einer Arche bewahrt bleiben sollte. Bei diesem Rückblick in die Zukunft sind vom rettenden Schiff nur noch "Rippen" wie die eines verendeten Tieres übrig geblieben. Und im Berg sitzt ein Höhlenmensch mit einer Art Laute, bestaunt, was sich seinen Blicken bietet.

Eine Szenerie voller Antagonismen. Mit unglaublichen Zeit- und Gedankensprüngen, clownesken Bildern, Diagonalen als Wegstrecke für wilde, ungezügelte Pferde oder Lebewesen, die sich mit veränderten Energien dahinschleppen oder davon preschen. Mit Ein- und Ausblicken, Gelassenheit, Rangelei, Zivilisationssplittern... Zum Schluss steht ein Knabe mit Kappe und langem Haar im roten Wams vor dem Publikum und schaut unverwandt in die Weite. Einer, den vor langer Zeit noch die Zukunft erwartete, der unschuldig, voller Fragen ist, Entwicklungen aushalten, aber nicht zwangsläufig abwarten muss. Und es lassen sich berühmte Bildnisse assoziieren. Wie jener Knabe von Pinturicchio in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden, der die Betrachter wach und aufmerksam anschaut. Oder manch Knabenporträt wissend Vorausschauender, wie sie Botticelli malte.

"Kann der Mensch alles Überflüssige aus seinem Leben werfen und wieder Teil einer ganzheitlichen Welt werden, in der Sterne und die Zeit wichtiger sind als kurze Menschenleben?" Diese der "Ketzal"-Produktion wie auch anderen Inszenierungen zugeordnete, zuzuordnende Frage von Anton Adassinsky lässt sich weder beantworten noch erklären. Aber als Frage kann man sie doch gelten lassen. Und sollte darüber auch nachdenken. Gabriele Gorgas

"Ketzal II Noah's Ark", vom 12. bis 14. April in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig

www.derevo.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2012

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