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Der wandelbare Sven Ratzke war im Wechselbad

Der wandelbare Sven Ratzke war im Wechselbad

Natürlich kann der Mann charmant sei. Schon der Auftakt. Sven Ratzke begrüßt die Besucher in der ersten Reihe auf "holländische Art". Küsschen hier, Küsschen da.

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Sven Ratzke.

Doch seinem Ruf als Enfant terrible des Glamour-Cabarets wird der seit Jahren in Amsterdam Ratzke bei seinem Gastspiel im Wechselbad der Gefühle unter dem Motto "Sven Ratzke zelebriert die Nacht" dann auch immer wieder gerecht, etwa wenn er nölt: "Wer hat denn da das Wasser hingestellt, ich habe doch gesagt, ich brauch' Alkohol." Und das ist nur das deutsche Erbe, das da sein Recht fordert, das holländische hat - angeblich jedenfalls - vor dem Auftritt gekifft.

Die Attribute, die Ratzke hierzulande schon angehängt wurden, sind zahlreich. Homme fatal, enfant terrible des Showbiz, Gossenprinz, blonder Wirbelsturm, Diva des Glamour-Cabarets - so und anders wurde der singende Entertainer schon etikettiert. Ihm ist zu wünschen, dass er wie schon Tim Fischer oder Georgette Dee in Deutschland auch außerhalb Berlins über den Status eines Geheimtipps hinauskommt.

Ratzke bezieht sein Publikum ein, ist spontan und schlagfertig. Urplötzlich kann er zappeln wie ein Michael Jackson-Imitator beim epileptischen Anfall oder den Hintern schwenken wie ein Go-Go-Girl in Las Vegas. Der Entertainer ist witzig, aber eben kaum einmal albern. Wann immer es nötig ist, kann er sogar verdammt ernst sein. Sprachlich wechselt Ratzke zwischen Holländisch und Deutsch (gern auch mal mit Rudi-Carrell-Akzent), aber er kann auch im tiefsten Ami-Slang die Nazi-Versessenheit in jenem Land lächerlich machen, in dem es einem schon mal passieren kann, dass man gefragt wird: "Berlin? Is this in Europe?" Der Abend lebt vom steten Changieren. Und von der Gabe Ratzkes, Gefühle in Worte und Gesten zu übertragen.

In den Gesangsnummern schraubt Ratzke die Stimme munter durch verschiedene Tonlagen, dass man hingerissen endlos lauschen könnte. Beeindruckend, wie er Falco covert. Ratzkes Interpretation von dessen Hit "Jeanny" geht unter die Haut, seine Hommage auf die Heimatstadt Amsterdam ist einfach nur schön. Die Politik bleibt nicht gänzlich außen vor. Wie Ratzke sich des Phänomens "Merkozy" annimmt, eine erfundene Nacht zwischen dem des Deutschen nicht mächtigen Sarkozy und der in puncto Französisch bis auf "Bonjour" unbeleckten Merkel und den Morgen danach beschreibt, ist schräges Vergnügen pur, klingt das erotische Gedankenspiel doch wie Serge Gainsbourg vs. Miss Piggy. Famos auch Ratzkes Geschichten um Brecht/Weill und die Entstehung einiger berühmten Songs, also - Kulturbürger müssen jetzt tapfer sein - "Mutter Courage und der ganze Kram". Ratzke kann auf (Gisela) May und die (Hildegard) Knef machen, dass man nur so staunt, aber auch röhren wie Louis Armstrong, so tief, dass das Original dagegen wirkt wie ein fistelndes Falsett-Jüngelchen. C. Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2012

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