Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der vergessene Maestro und die Primadonna - Frieder Weissmann und Meta Seinemeyer

Der vergessene Maestro und die Primadonna - Frieder Weissmann und Meta Seinemeyer

Frieder Weissmann war in den "Goldenen Zwanzigern" des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten Dirigenten, aber heute findet man den Namen in keinem Fachlexikon mehr. Als Schallplatten- und Radiodirigent gehörte er zu den Pionieren der damals neuen Medien.

Voriger Artikel
Frauke Roth hat die Leitung der Dresdner Philharmonie übernommen
Nächster Artikel
Mut als Wegweiser zur Künstlerkarriere - Inéz Schaefer baut an ihrer Solokarriere als Jazzsängerin

Frieder Weissmann mit Meta Seinemeyer im Studio

Quelle: Weissmann-Nachlass

Das englische Magazin "Gramophone" prophezeite 1927 dem seinerzeit gerade 34-Jährigen eine glänzende Zukunft, denn "Mut, Selbstdisziplin, Wissen, Intellekt, Energie und Poesie, vor allem aber ein enthusiastischer Widerwille gegen schwerfälliges, langweiliges Musizieren" zeichne ihn aus.

Geboren am 23. Januar 1893 in der hessischen Kleinstadt Langen als Samuel Friedrich Peter Weissmann, wuchs der Sohn jüdischer Eltern ab 1895 im nahen Frankfurt a.M. auf, wo der Vater zum Kantor der Hauptsynagoge berufen worden war. 1911 bis 1914 studierte er u.a. an der Universität in München Musikwissenschaft sowie Kunstgeschichte und Philosophie. Bei Walter Braunfels nahm er Kompositionsunterricht. Opernaufführungen und Konzerte unter Bruno Walter begeisterten den Studenten derart, dass er selbst Dirigent werden wollte.

Eine spezielle Ausbildung dazu hat Frieder Weissmann allerdings nie genossen. Als Korrepetitor an den Opernhäusern Frankfurt a.M. und Stettin 1914 bis 1917 erwarb er praktische Erfahrungen. 1920 kam er als Kapellmeister an die Berliner Staatsoper, nachdem er an der Münchner Universität zum Dr. phil. promoviert worden war. Das Staatsopernorchester stellte fortan den Klangkörper, mit dem er seit Oktober 1921 als Hausdirigent der Berliner Lindström AG, dem mit den Marken "Parlophon" und "Odeon" bedeutendsten Schallplattenproduzenten jener Zeit, und berühmten Sängern wie Vera Schwarz, Elisabeth Rethberg, Richard Tauber, Joseph Schmidt, Lauritz Melchior und vielen anderen zusammenarbeitete.

Bei Aufnahmen traf er am 17. November 1925 die Sopranistin Meta Seinemeyer - eine schicksalshafte Begegnung. In den vier Jahren ihrer Beziehung nahmen die beiden mehr als 100 Platten auf und musizierten in vielen Konzerten gemeinsam. Im einstigen Dresdner Hotel "Bellevue" nahe dem Opernhaus bezogen sie zwei Suiten.

Die am 5. September 1895 in Berlin geborene Tochter eines Kriminalkommissars, in der Heimatstadt ausgebildet, hatte 1918 am Opernhaus Charlottenburg debütiert und wurde 1925 an die Dresdner Staatsoper verpflichtet, an der sie sich große Verdienste um die Verdi-Renaissance in Deutschland unter Fritz Busch erwarb. Am 19. August 1929 - kurz vor ihrem 34. Geburtstag - verstarb sie an Leukämie. Noch auf dem Sterbebett hatte sie ihren Verlobten Frieder Weissmann standesamtlich geheiratet.

Der war übrigens später nicht nur Schallplattenpartner bedeutender Sänger, sondern auch großer Instrumentalisten wie des Geigers Jascha Heifetz, des Viola-Virtuosen William Primrose oder des Pianisten Artur Rubinstein. Nach kurzen Kapellmeisterstationen im westfälischen Münster und im ostpreußischen Königsberg übernahm er 1926 die Leitung der von dem Richard-Wagner-Verband Deutscher Frauen veranstalteten "Großen Abonnementskonzerte" der Dresdner Philharmonie im Gewerbehaus auf der Ostra-Allee.

Weissmann dirigierte bis 1932 insgesamt 21 überaus repräsentative Konzerte der Philharmonie, die z.T. als sogenannte Gesellschafts-, ja Elitekonzerte gewertet, beträchtliches Ansehen im Musikleben der Stadt errangen. Allein in sieben Programmen wirkte die in Dresden außerordentlich beliebte "Primadonna der Staatsoper" Meta Seinemeyer mit. Mehrere Aufführungen der 9. Sinfonie Beethovens, vor allem aber von Werken Gustav Mahlers, kündigten spätere Vorlieben des Dirigenten an. Auch Kompositionen von Richard Strauss waren häufig vertreten. Kein Wunder, dass ihn der Meister hochschätzte und weiterempfahl.

Zunehmend erhielt Frieder Weissmann Engagements vom Rundfunk. 1930/31 wurde ihm außerdem die Leitung des so genannten Berliner Sinfonieorchesters übertragen, das, aus dem Blüthner-Orchester 1922 hervorgegangen, bereits 1932 aus wirtschaftlichen Gründen mit den Berliner Philharmonikern fusionieren musste. Zeitweilig führte der Dirigent seine Schallplattenaktivitäten neben dem Berliner Staatsopernorchester auch mit diesem Klangkörper sowie freischaffenden Musikern fort. Doch im April 1933, als Juden und politische Gegner des Nazi-Regimes ihrer Ämter in Deutschland enthoben wurden, war ihm klar, was die Stunde geschlagen hatte. Er nutzte ein Gastkonzert beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester in Rotterdam zur Flucht aus seinem Heimatland.

Ohne Schallplattenvertrag suchte er nun im Ausland seine Karriere fortzusetzen, zunächst bei Stationen in Holland, danach in Argentinien, dessen Staatsbürger er 1935 wurde. Im Teatro Colon in Buenos Aires dirigierte er Konzerte und Ballette. Um die Jahreswende 1937/38 absolvierte er sein USA-Debüt. Doch alle beruflichen Erfolge des Künstlers wurden von der privaten Tragödie seiner Eltern, die er nie wiedersehen sollte, überschattet. Der Vater, schockiert von dem Anblick seiner brennenden Synagoge, verstarb im Februar 1939, die Mutter wurde 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Als "Principal Opera Conductor" der RCA Victor Schallplattengesellschaft begleitete Weissmann im Aufnahmestudio der Firma seinerzeit sehr bekannte Gesangssolisten, die teilweise dem Ensemble der New Yorker Metropolitan Opera angehörten. Mehr als die Schallplattentätigkeit begeisterte ihn jedoch die Arbeit an der Spitze zweier amerikanischer Orchester, des "New Jersey Symphony Orchestra" (1940-1947) und des "Scanton Philharmonic Orchestra" (1943-1951). Seit 1944 Staatsbürger auch der USA, entfaltete er außerdem eine rege Gastdirigententätigkeit, 1950 bis 1953 wirkte er als "resident Conductor" sogar beim Philharmonischen Orchester Havanna. Ab 1955 gab es wieder Einladungen aus Europa.

Auch nach Deutschland wurde der Dirigent erneut verpflichtet. Doch zwei Konzerte bei den Berliner Philharmoniker verliefen nicht eben ermutigend, eher die Engagements an der Staatsoper München, wohingegen Frankfurts Oper, wo er einst seine ersten Dirigentensporen verdient hatte, kein Interesse zeigte. Es blieb Weissmann nicht erspart zu erleben, dass er in der Heimat nach der von den Nazis erzwungenen Vertreibung nicht wieder an frühere Erfolge anknüpfen konnte. Einzig die Zusammenarbeit mit dem Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks in den 60er und 70er Jahren bescherte sogar letzte Tonaufnahmen mit dem Künstler. Bei holländischen Freunden in Amsterdam verbrachte er die beiden letzten Lebensjahre. Am 4. Januar 1984, drei Wochen vor dem 91. Geburtstag, verstarb er.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.01.2015

Dieter Härtwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr