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Der neue, alte "Freischütz" hatte Premiere an der Semperoper

Der neue, alte "Freischütz" hatte Premiere an der Semperoper

Als Carl Maria von Webers in Dresden komponierte romantische Oper in drei Aufzügen "Der Freischütz" am 18. Juni 1821 in Berlin uraufgeführt wurde, sollte eine deutsche Oper die Vormacht italienischer Traditionen auf deutschen Opernbühnen beenden.

Der Erfolg blieb nicht aus, bis 1884 folgten allein am Ort der Uraufführung an die 500 Aufführungen. Deutschland hatte eine Nationaloper, die kam aus Dresden, und gehörte fortan zu den Lieblingsopern der Dresdner und ihrer Gäste.

In der Semperoper, wo Weber als Hofkapellmeister wirkte, wurde sie auch am 31. August 1944 aufgeführt, es war die letzte Aufführung, mitten im Krieg, bevor in diesem Opernhaus der Vorhang fiel. Knapp ein halbes Jahr später, am 13. Februar 1945, wird Dresden bombardiert, die Stadt zerstört. Mehr als 250000 Menschen sind obdachlos, die barocke Pracht der Residenzstadt ist eine qualmende Trümmerwüste, "Wie liegt die Stadt so wüst", so beginnt das Dresdner Requiem von Rudolf Mauersberger im Gedenken daran. Auch das Opernhaus ist zerstört, wo eben zuletzt jene Oper erklungen war, die kurz nach dem Ende des 30jährigen Krieges spielt.

Vierzig Jahre später, am 13. Februar 1985, wird das Dresdner Opernhaus wieder eröffnet. Gespielt wird "Der Freischütz". Gut 200 000 Menschen sind auf den Theaterplatz gekommen, die Politprominenz der DDR ist angereist, Erich Honecker zeigt sich kurz, es ist an diesem Tag klirrend kalt in Dresden, in der Oper beschwört die Inszenierung von Joachim Herz die menschliche und materielle Zerstörung nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, das lässt sich als Fanal für den Friedenskampf deuten, freilich anders als ihn die inzwischen in Dresden erstarkte und religiös grundierte Friedensbewegung versteht, für die dieser 13. Februar als Tag des stillen Gedenkens von besonderer Bedeutung ist.

Der Traumdeuter steht am Pult: Christian Thielemann

Jetzt, 30 Jahre später, ist der Theaterplatz wieder belebt. Das Jubiläum der Wiedereröffnung der "dritten" Semperoper wird gefeiert. Vor der Oper gibt es Kuchen und Luftballons, auf einer Großleinwand ein Unterhaltungsprogramm, dann Oper für alle, die Aufführung wird übertragen, gespielt wird "Der Freischütz". Der Dresdner Operntraum und ein Dresdner Operntrauma, eine Herausforderung für alle Beteiligten. Die Traumbeschwörer sitzen an diesem Abend im Orchestergraben, es sind die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Der Traumdeuter steht am Pult, das ist Christian Thielemann.

Als hätten sich die mit der Dresdner Geschichte dieses Werkes verbundenen Traumata mit eingeschrieben in die Partitur dieses sonderbaren Singspiels, vermeidet Thielemann mit den Musikern jeden Hauch von möglicher Sentimentalität. In den so sensiblen und hauchdünn leise musizierten Passagen ist die Zerbrechlichkeit des Klanges präsent, braust der Klang auf, dann treibt ihn die Verzweiflung, die Hörner kann man als mahnende Rufe hören und der tänzerische Jubel im Finale der Ouvertüre lässt skeptisch gestimmt Momente nicht vermissen, nicht zuletzt wegen der stummen Zäsuren, die der Dirigent so genial setzt.

Immer wieder, ganz besonders in der Szene der Wolfsschlucht, wenn sich der Jägerbursche Max auf Gedeih und Verderb auf einen Pakt mit dem Teufel einlässt, der ihm in ganz menschlicher Gestalt des Jägerburschen Kaspar begegnet, betont die musikalische Gestaltung des Orchesters genau jenes Gegenbild des deutschen Waldes und seiner tiefen Schluchten, jenseits aller Idylle. Da ist das schwarze Schweigen Klang geworden, da sind die Nebel alles andere als weiß, und wunderbar schon gar nicht, und Christian Thielemann nutzt die fragmentarisch anmutende, immer wieder unterbrochene Klangstruktur dieser Szene, um jeden wohligen Gruselschauer zu vermeiden. Dass solches Musizieren dennoch erschauern lässt, beschwört ganz andere Assoziationen deutscher Teufelspakte.

Den Dresdner Traum einer Operninszenierung dieses Werkes kennt auch der Regisseur Axel Köhler. Und bei flüchtigem Hinsehen lässt er ihn auch wahr werden, schöne große Tableaus, markig aufgereihte Jägerskerle beim "Johotrallala" des Jägerchores und etliches mehr davon mit ungebremst spielwütigen Choristinnen und Choristen oder Mitgliedern der Statisterie, die mit den Armen fuchteln, als gelte es, Zuschauer in der letzten Reihe der Arena von Verona zu erreichen.

Und Kinder natürlich, wenn die alten Jäger trällern, dann üben sich die Kleinen herzallerliebst im Jägerspiel. Die kleinen Jungs mit den Kinderflinten erlegen kleine Mädchen als Rehlein und weiden sie aus mit blanken Messern. Alles nur Spiel, was denn sonst, wir sind ja in der Oper. Köhlers Inszenierung, für die Einen der Operntraum, für andere ein Trauma.

Aber wo spielt denn dieses Stück in den Bildern von Arne Walther, der die schäbigen Überreste eines einst großbürgerlichen, jetzt zerbombten Hauses an den Rand eines Waldes, der auch als Dresdner Heide anzusehen ist, auf die Bühne der Semperoper gesetzt hat? Von da ist es nicht weit zu einer der vielen deutschen Teufelsschluchten, in denen Feinde des deutschen Volkes erhängt oder Berge von Leichen "entsorgt" wurden.

Und die Menschen in den schäbigen Klamotten von Katharina Weissenborn haben zwar kein Dach überm Kopf, aber viel Kampfgeist im Schädel, wenn es darum geht, unliebsamen oder verdächtigen Zeitgenossen zu zeigen, was Sache ist. Der Mann ist nichts ohne seine Flinte und jeder Schuss ein Treffer, der Teufel steckt in den Köpfen.

Schwarze Vögel wie Bombenfliegerin der Wolfsschlucht

So wird die Geschichte um den entwurzelten Verlierertypen Max, der einen Probeschuss bestehen muss, um die geliebte Agathe endlich heiraten und die Erbförsterei übernehmen zu können, und sich deshalb mit dem ebenfalls entwurzelten Kaspar in eine teuflische Falle begibt, zu einer Parabel auf die Verführbarkeit vernebelter Menschen, die dann natürlich von nichts wussten und nichts Böses wollten.

Das Dresdner Trauma ist im Spiel, es ist im Klang, es ist im Bild, wenn in jener teuflischen Szene in der Wolfsschlucht schwarze Vögel wie Bombenflieger im Tiefflug durch die Videosequenzen von Arne Walther und Knut Geng auf uns zu kommen.

Und alles ist im Spiel, wenn es um Schuld und Sühne geht, wenn eine Macht die andere ablöst, wenn keiner wusste, was er tat, und ein so junger und friedensbewegter Eremit ganz ohne Pathos gewaltlos für einen Moment die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durch die Kraft des Kompromisses aufzuhalten in der Lage ist. Allein es bleibt ein Augenblick, der junge Typ erinnert an Otto Pankoks "Christus, der das Gewehr zerbricht", jenen Holzschnitt aus dem Jahre 1950. Nur - Zufall oder tatsächlich geniale Idee des Regisseurs? - das Gewehr ist eine Theaterattrappe und zerbrochen ist es eh schon, die ganze Aktion wird zum peinlichen Witz.

Kein Witz hingegen, dass Fürst Ottokar, den man für einen ranghohen Vertreter der Siegermacht halten kann, die Kinder schon wieder an die Flinten ruft, dieweil für den Augenblick des knappen Finales die Sängerinnen und Sänger sich leidlich herausgeputzt haben, verdächtig fromm geworden sind und es vielleicht schon gar nicht mitbekommen, dass nicht die Musik den Dresdner Operntraum beendet, sondern ein Schuss, mitten ins Opernhaus.

Gesanglich werden an diesem Abend die ganz großen Träume nur bedingt wahr. Davon, so hoffnungsvolle Sänger wie Sebastian Wartig als Kilian oder Andreas Bauer als Eremiten bald wieder zu erleben, sollte man nicht nur träumen müssen.

Adrian Eröd, als Fürst Ottokar markant im Gesang, klar in der Diktion, setzt zudem in der Art, wie er seinen Text spricht, Maßstäbe.

Natürlich kann im Dialog und im Gesang Georg Zeppenfeld als Kaspar die Sympathien des Publikums auf sich vereinen, dagegen tun sich alle anderen Sängerinnen und Sänger mit den Dialogen sehr schwer, hölzern, gestelzt, auswendig gelernt und aufgesagt, so der überwiegende Eindruck.

Michael König als Max, der schwierigsten Weber-Partitur

Christina Landshamer als Ännchen, bei hübschem Gesang, agiert vielleicht doch eine Spur zu niedlich und Sara Jakubiak als Agathe kann mit wohlklingender Mittellage ihres sicheren Soprans am stärksten überzeugen, an Lyrik und Zartheit des Gesanges könnte ihre Gestaltung noch gewinnen.

Gediegen agiert und singt Albert Dohmen als Erbförster Kuno mit militanter Hausmacht, ein so tragischer wie sympathischer, innerlich zerrissener und getriebener Verlierertyp, besonders in seiner gesanglichen Leistung, ist der Tenor Michael König als Jägerbursche Max, dem Weber wohl auch die schwierigste Partie des Werkes anvertraut hat.

nächste Aufführungen: 6., 9., 11., 14., 19., 26., 31.05., und in der nächsten Spielzeit

Boris Gruhl

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