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Der langjährige Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister Harald Marx wird 70

Der langjährige Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister Harald Marx wird 70

Als er vor genau drei Jahren hoch geehrt aus dem Amt als Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister schied, sei ihm noch nicht recht klar gewesen, wie sich sein Leben fortan gestalten würde ohne die dienstlichen Verpflichtungen und Möglichkeiten, gesteht Prof. Harald Marx.

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Harald Marx in seiner Wohnung vor einem von Traugott Leberecht Pochmann geschaffenen Bildnis. Zu dessen 250. Geburtstag soll eine Ausstellung im Schaukabinett des Albertinums stattfinden, die Marx gemeinsam mit Gerd Spitzer vorbereitet.

Quelle: T. Petzold

"Für mich gab es ja nie dieses erlösende ,endlich', denn ich habe meine Arbeit immer gern gemacht." Wenn er der Abschiedsausstellung über Malerei im Augusteischen Zeitalter den Titel "Sehnsucht und Wirklichkeit" gab, dann warf dieser Widerspruch einen eher schwachen Schatten auf seine Gedanken zum Eintritt in den Ruhestand. "Vor 30 Jahren hatte ich mir vorgenommen, das ultimative Buch über die Dresdner Barockmalerei zu schreiben, es ist nichts daraus geworden, denn als Direktor kann man Dinge in seinem Rahmen lenken, aber es ist schwer, bis zum Grunde zu forschen", resümiert Marx. Alles zum Thema Geschriebene wurde aber letztlich zusammengefügt in dieser Ausstellung und dem 500-seitigen Katalog. Das Essayistische hat sich durchgesetzt.

Dieses Sich-Ausleben in Einzelthe-men und Teilaspekten - sehr wohl mit dem Blick auf ein Ganzes, aber ohne den Anspruch, auch dieses umfassend zu behandeln - scheint sich nun in verschiedener Hinsicht zu bewähren, die Unvermeidlichkeit des zunehmenden Alters muss man dazu noch gar nicht in Betracht ziehen. Zwar empfängt Harald Marx nicht mehr in seinem Dienstzimmer im Zwinger, sondern in seiner Wohnung in Laubegast. Aber auch hier durchzieht die Räume mehr als ein Hauch von Galerie, in einer Übersetzung ins Private, Intime freilich, die nicht nur sehr viel über Vorlieben und Charakter eines über Jahrzehnte so eng miteinander und mit der Kunst verbundenen Paares aussagt, wie es Marita und Harald Marx nun einmal sind, sondern auch ins Öffentliche zurückgewirkt hat. "Vor Farbe hatte ich lange keine Angst mehr, und das sah man wohl auch an den Ausstellungen", resümiert Marx. Farbe versöhnt, erhöht, verbindet, der passende Rahmen (noch ein Feld für ausgeprägte Liebhaberei) tut ein Übriges, vermittelt über Gestaltungsprinzipien und Kunstepochen hinweg. Es geht vielmehr um persönlich Bedeutsames, um Beziehungen und Freundschaften wie die langjährige mit dem Maler Christoph Wetzel und weniger um Wertvorstellungen oder Namen der "großen" Kunstwelt. So manche Arbeit unbekannter Herkunft hat da ganz selbstverständlich ihren bevorzugten Platz.

Nicht ohne dass es da einen Stachel gäbe, denn Marx ist ja nicht nur Ästhet, sondern von Hause aus ein Kunsthistoriker, der diese Berufsbezeichnung dialektisch interpretiert, indem er nie nur die Geschichte der Kunst beschreibt, sondern über die Kunst in Zeitgeschichte eindringt. Freilich hätte er nicht gedacht, dass jenes klassizistische Bildnis einer jungen Frau mit offenem Blick, das da seit vielen Jahren in der Diele hängt, auch im angewandten Sinn einmal zum Schlüssel, zur Lösung eines Dilemmas würde. Es weckt keine Lüste, wirft keine hintergründigen, höchstens Fragen nach Vorbildern auf, ist einfach ein angenehmer Begleiter in seiner unbefangenen Freundlichkeit. Das Bild stammt von dem Dresdner Maler und Akademieprofessor Traugott Leberecht Pochmann (1762-1830), einem heute weitgehend vergessenen Künstler, der Schüler von Anton Graff und mit diesem befreundet war.

Das Dilemma besteht darin, als eine solch ausgewiesene Persönlichkeit wie Marx weiter öffentlich präsent zu sein, ohne sich in Konflikte zu begeben, aber auch ohne die eigene Autorität zu untergraben. Er wolle beileibe nicht die Fehler anderer Leute nachmachen und sich in Dinge einmischen, "die heute andere zu verantworten haben. Die Blickwinkel verändern sich. Was wir vor zwanzig Jahren gedacht haben, ist nicht für alle Zeiten richtig", sagt Marx und zitiert damit zugleich abgewandelt das, was er gelegentlich von seinen Töchtern Stephanie und Carola (die eine Künstlerin, die andere im Museumsbereich tätig) zu hören bekomme.

Das wichtigste Argument aber entspricht seiner eigenen Gründlichkeit: Meistens gebe es mehre gute Lösungen, und nur der mit dem Problem oder der Aufgabe wirklich Vertraute könne guten Gewissens mitreden. Freilich spürt man, dass Marx keineswegs verdrängt, sondern mit wachen Sinnen vieles verfolgt, aber über die private Schwelle hinaus gesteht er lediglich, dass er sich schon Sorgen macht über die künftigen Strukturen "bei uns", wie es ihm gelegentlich noch herausrutscht. Was aber auch plausibel ist, wenn er "beinahe täglich" in der Galerie oder in der Bibliothek auftaucht. Aber nicht, um jemanden zu behelligen, er brauche da "nur eine Steckdose für meinen Klapprechner", um sein Thema zu verfolgen, eben das Leben und Wirken Traugott Leberecht Pochmanns in seiner Zeit.

Damit komme er niemandem ins Gehege, was im Falle von Silvestre oder Cranach viel eher zu befürchten wäre, und erweitere überdies seinen Horizont über das ursprüngliche Fachgebiet hinaus bis ins 19.Jahrhundert. An eine Buchveröffentlichung ist bei einem so wenig bekannten Künstler kaum zu denken, aber mit Aufsätzen in den Sächsischen Heimatblättern kann er Pochmanns Lebensphasen ausführlich und genussvoll abarbeiten. Das hat direkt und indirekt viel mit Kriminalistik zu tun, denn nach dem Aufenthalt in Italien folgt demnächst ein Kapitel über den sensationslüsternen Pochmann und einen Bilderdieb, der seinerzeit durch ein Fenster in die Galerie eingedrungen war und einen hoch geschätzten Correggio hatte mitgehen lassen (der sich später als Kopie erwies).

Selten hätte er früher so viel publizieren können wie jetzt, freut sich Marx, und genügend Zeit findet er auch für Vorträge und Eröffnungsreden. Allein in den Sächsischen Heimatblättern erschienen 2011 fünf Aufsätze, darunter einer über den Treppenaufgang in der Gemäldegalerie, den Semper - in gewissem Stilbruch zum übrigen Bau - als Kopie der Gigantentreppe des Dogenpalasts von Venedig entworfen und damit einen sinnbildlichen Triumph der Kunst über "Demonstrationen der militärischen und politischen Macht" geschaffen habe.

Etwas relativieren muss man allerdings das oben zitierte "beinahe täglich". Denn zu den mehr oder weniger regelmäßig wahrgenommenen und ebenfalls Gesprächsstoff für Stunden ergebenden Obliegenheiten gehört auch der inzwischen dreifach anfallenden Enkeldienst, für den Marx nicht nur quer durch die Stadt, sondern häufig auch bis nach Leipzig fährt. Der jüngste Anlass war freilich nicht ohne, denn Tochter Stephanie wird an der heute anstehenden Feier wohl nicht teilnehmen können - am Telefon aber klang schon wieder ein Optimismus heraus, wie er in dieser Familie offenbar obligatorisch ist und auch dem Jubilar schon über manchen Tiefpunkt hinweggeholfen hat.

Wenn Harald Marx also nun 70 wird, sei er ihm auch für die Zukunft von Herzen gewünscht.

... wurde am 13. Februar 1942 in Berlin geboren.

... studierte 1961 bis 1966 Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Ab 1966 war er an der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Wissenschaftlicher Assistent tätig, ab 1980 als Kustos und 1991 als Direktor.

... wurde 1996 Honorarprofessor für Kunstgeschichte an der TU Dresden. 2001-2004 war er Kurator der 2. Sächsischen Landesausstellung in Torgau.

... ging 2009 in den Ruhestand. Seine letzte Sonderausstellung "Wunschbilder. Sehnsucht und Wirklichkeit. Malerei für Dresden im 18. Jahrhundert" zeigte 217 Werke inklusive 50 Leihgaben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2012

Tomas Petzold

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