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Der in Dresden geborene Dirigent Hartmut Haenchen wird heute 70 Jahre alt

Der in Dresden geborene Dirigent Hartmut Haenchen wird heute 70 Jahre alt

Wer im Wagner-Jubiläumsjahr an der Mailänder Scala den "Fliegenden Holländer" dirigieren kann, muss sich nicht über ein unterbelichtetes Künstlerleben beschweren.

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Hartmut Haenchen

Quelle: Marc Waymel/PR

Bei Hartmut Haenchen fand diese jüngste Premiere Ende Februar, runde drei Wochen vor seinem heutigen 70. Geburtstag, statt. Man kann aus vollem Herzen gratulieren und wird dennoch nur schwer ein seltsames Gefühl los, denn Haenchens große Opernauftritte spielten und spielen zwischen London und Madrid in allen einschlägig verdächtigen westeuropäischen Metropolen - nur nicht in deutschen Landen. Man weiß von seinem mehrfach aufgezeichneten "Ring" in Amsterdam (das für ihn seit Ende der 80er Jahre eine Wahlheimat für Musiktheater und Konzertpodium gleichermaßen geworden war), aber es ist nicht gerade so, dass einem diese Angebote als Erstes entgegenspringen, wenn man die Discographien durchsucht. Dann jedoch darf man staunen über solch straffes, energiegeladenes, ganz "unweihliches" und dabei in seiner Transparenz sehr sängerfreundliche Musizieren.

Wobei, was da abgeht, nicht im Ansatz mit irgendwelchen Klischees vom begnadet-feurigen "Bauchmusiker" zu tun hat. Haenchen ist ein akribischer Grundlagenarbeiter und -tüftler, der keine Stimme ungeprüft übernimmt, wann immer möglich an die Quellen zurückgeht - und dabei dennoch weiß, dass alles, was sich von einer Musik auf Papier niederlegen lässt, auch bei größter Präzision noch keinen aufregenden Klang ergibt, sondern allenfalls dessen Voraussetzungen schafft.

Dass der Künstler weder in der Genauigkeit der Erarbeitung noch in der Forderung nach geistiger und physischer Frische gegenüber seinen künstlerischen Partnern je zum legeren Kompromiss neigte, sondern manch lieb gewordene Aufführungstraditionen im Mahlerschen Sinne als Schlamperei erkannte und bekämpfte; dass er überdies konsequent die für beides notwendige Zeit einforderte - es dürfte oft genug als undiplomatisch empfunden worden sein und ihn einige Gelegenheiten gekostet haben, sich in jenes Rampenlicht zu stellen, das mittlerweile viele medienbefeuerte jüngere Kollegen für unverzichtbar halten. Derart nachdrückliche Meinungsstärke ist nicht jedermanns Sache. Doch mit sieben Lebensjahrzehnten darf er das nun gelassen sehen - inklusive jener kulturpolitischen Weiterungen, die den gebürtigen und im Kreuzchor musikalisch früh sozialisierten Dresdner nach der Jahrtausendwende wieder näher an seine Herkunfts- und aktuelle Wohnregion führten.

Beziehungsweise führen sollten wie im Falle der Leipziger Oper, wo das schon vereinbarte Engagement am formaljuristischen Sperrfeuer der städtischen Kassenwalter scheiterte; oder wie in den Folgejahren bei den Dresdner Musikfestspielen, deren Renaissance er 2003 mit viel Enthusiasmus anging, ehe auch hier der Geldhahn schneller als gedacht wieder vertröpfelte. So kommt es nun zu der buchenswerten Merkwürdigkeit, dass einer der über Jahrzehnte hin potentesten sächsischen Künstler sich im Inland vor allem mit einem Ensemble verbündet hat und bekannt geworden ist, das einen nach Preußen "exilierten" Komponisten im Schild trägt und Sitz sowie Konzertreihen in Berlin hat. Aber bei dieser seit 1982 währenden und also schon über 30-jährigen Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach", die sogar in den Jahren nach seinem Hinausdrängen aus der DDR 1986 weiterlief, darf man sich jeden falschen Lokalpatriotismus getrost sparen.

Denn was hier passierte, hatte so etwas wie eine strategische Bedeutung weit übers Regionale hinaus: der Beweis, wie frisch und blank, ebenso gefühlsinnig wie dramatisch geschärft die lange unterschätzte Musik der frühen Klassik klingen kann: voran der Namenspatron des Orchesters, aber auch dessen Brüder oder Haydn und eine Menge weiterer Literatur inklusive vieler "Ausgrabungen", die inzwischen auch anderswo zum Standardrepertoire gehören. Parallel zu Dirigentenkollegen wie Trevor Pinnock oder Roy Goodman haben auch Hartmut Haenchen und seine Musiker ihren Beitrag geleistet, die Musik zwischen 1730 und 1800 als eine Art freundliche Revolution wieder in das ihr gebührende Licht zu rücken; anders als die Genannten jedoch mit modernen Instrumenten, was nur beweist, dass es nicht auf die Werkzeuge, sondern den Geist ankommt.

Freilich - da sind wir nun wieder beim Wagner-"Ring": "Alles, was ist, endet"; und so auch diese ziemlich einmalige künstlerische Partnerschaft. Nächstes Jahr wird der Schlussstrich gezogen, was unter anderem wieder - es wäre langweilig, wenn es nicht so traurig wäre - mit den so genannten finanziellen Rahmenbedingungen zu tun hat. Dabei haben die "CPE's" von Beginn an honorarfrei und ohne öffentliche Zuschüsse gespielt; aber draufzuzahlen - das muss dann vielleicht doch nicht sein. Man darf davon ausgehen, dass dieser Entschluss weder dem heutigen Jubilar noch seinen Mitstreitern leicht gefallen ist - doch so weit es Hartmut Haenchen betrifft, ist es auch eine Art Quintessenz eines langen (und hoffentlich noch lange fortwährenden) Künstlerlebens: nicht alles zu machen, aber das gut - und vor allem nicht um jeden Preis.

iDie Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden zeigt bis 5. Mai eine Ausstellung über Hartmut Haenchen.

Anlässlich des 70. Geburtstages wird am 26.4. auf Berlin Classics ein Live-Mitschnitt der Serenata "La Gara degli Dei" von JHeinichen mit Haenchen und dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach veröffentlicht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2013

Gerald Felber

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