Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard gastiert bei den Dresdner Musikfestspielen

Interview Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard gastiert bei den Dresdner Musikfestspielen

Leichte Kost beschert Pierre-Laurent Aimard seinem Publikum höchst selten. Messiaen, Ligeti, Stockhausen, Benjamin: Der französische Pianist konfrontiert die Zuhörer gern und immer wieder mit der Avantgarde. In Dresden präsentiert sich der 58-Jährige nun bei den Musikfestspielen.

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard

Quelle: Marco Borggreve.

Dresden. Leichte Kost beschert Pierre-Laurent Aimard seinem Publikum höchst selten. Messiaen, Ligeti, Stockhausen, Benjamin: Der französische Pianist konfrontiert die Zuhörer gern und immer wieder mit der Avantgarde – steter Tropfen höhlt den Stein, steter Neuklang öffnet das Ohr für die Moderne. In Dresden präsentiert sich der 58-Jährige nun bei den Musikfestspielen in seinem Rezital mit Messiaens berühmten „Vogelgesang auf Tasten“. Christoph Forsthoff sprach mit ihm.

Frage: Zuletzt haben Sie sich Bach gewidmet – ausgerechnet Sie, der doch seit jeher als Mann der Moderne gegolten hat...

Pierre-Laurent Aimard: … man hat es so gesehen, aber es ist nicht so gewesen. Sicher habe ich mich viel der zeitgenössischen Musik gewidmet, denn für mich liegt hier eine Priorität, weil die Moderne eine solch reichhaltige Welt bietet, die doch kaum beachtet wird. Aber ich erinnere mich noch an meine allerersten Recital-Programme als ganz junger Pianist: Eines umfasste eine Geschichte der Sonatenform von Carl Philipp Emmanuel Bach bis Boulez – ich habe immer schon so gelebt und mich so wohl gefühlt.

Wie kommt es, dass in der Öffentlichkeit dieses andere Bild entstanden ist von einem überwiegend der Moderne zugewandten Pianisten?

Die Auseinandersetzung mit der Moderne scheint ungewöhnlich zu sein. Für mich hingegen ist es ganz normal, sich mit einer Kunst zu beschäftigen, die von Menschen unserer Zeit geschaffen wird. Und ich glaube auch, dass diese musikalische Sprache am leichtesten zu lernen ist, denn diese Werke wurden aus einer Welt heraus konzipiert, deren Klang- Form- und Zeitvorstellungen und deren Kommunikationsformen uns vertraut sind.

Nun setzen zwar immer mehr Künstler moderne Werke auf ihre Programme – doch hat sich damit auch die einst sehr ablehnende Haltung des Publikums gegenüber Neuer Musik verändert?

Die Neue Musik steckt heutzutage weniger in einem Ghetto als früher, es gibt auch mehr Interpreten, die sich mit Neuer Musik beschäftigen, und auch ein größeres Publikum. Aber von welcher Neuer Musik sprechen wir? Wenn wir etwa an das Problem der Ghettoisierung der Neuen Musik denken, dann war das ein Problem in den Jahren der Avantgarde…

… also in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts …

…als nämlich die Neue Musik teilweise noch wirklich Avantgarde war mit allem, was dies bedeutet: nämlich dem Bruch mit dem Erbe und dem gesellschaftlichen Einvernehmen. Aber hat sich diese Avantgarde heutzutage wirklich integriert in unsere Musik-Gesellschaft? Nein! Die größten Werke der Moderne werden nicht regelmäßig gespielt und unterrichtet, die Mehrheit des Publikums versteht diese Musik nach wie vor nicht wirklich – und in der Mehrheit der Hochschulen und Konservatorien wird diese Musik ignoriert oder nicht akzeptiert. Die Haltung der klassischen Musik-Ausbildung gegenüber der Moderne bleibt also konservativ und die Avantgarde der 50er Jahre damit weiterhin außen vor.

Ist das nicht ein allzu pessimistischer Blick auf die Moderne?

Natürlich gibt es mehr und mehr Spezialisten und dadurch auch mehr Verständnis für diese Musik. Nur bleibt die Frage: Was ist 2016 Neue Musik? Die Avantgarde der 50er und 60er-Jahre sind Teil der Geschichte – das ist keine Neue Musik mehr, auch wenn sie nach wie vor als solche betrachtet wird. Und die Musik, die heute komponiert wird, klingt zwar manchmal sehr radikal neu, aber die Mehrheit dieser Musik ist ziemlich political correct, dem Kommerz zugewandt und bloß nicht störend.

Befürchten Sie, dass die Entwicklung der klassischen Musik an dieser Bruchstelle zwischen Tradition und Moderne scheitern könnte?

Es gibt überall in der Welt, ob in der Politik oder auch in der Philosophie, derzeit eine Tendenz, rückwärts zu gehen – und das ist gefährlich für die Menschheit und unsere Zivilisation. Aber ich glaube an einen anderen Menschen, und der hat schon ganz andere Kämpfe gewonnen – insofern: Blicken wir nach vorn (lacht).

Ein Blick, der in Ihrem Fall von Berlin ausgeht, denn Sie sind vor einigen Jahren dorthin gezogen – warum?

Ganz einfach – Berlin ist Berlin (lacht). Ich mag die Stadt sehr: Sie ist aktuell und kein Museum, dessen Geschichte vor Jahrhunderten zu Ende gegangen ist. Die Menschen dort sind von ihrer Mentalität her offen, die Stadt ist jung und frisch, intellektuell und kulturell sehr interessant.

Letzteres trifft zumindest für die dortige Küche kaum zu. Da Franzosen ja gemeinhin als Gourmets gelten, dürften Sie in diesem Punkt eher Schwierigkeiten mit Ihrem neuen Wohnsitz haben …

(lacht) Also, wenn ich die Frage jetzt ein wenig bös‘ beantworten wollte, könnte ich sagen: Das ist leider nicht nur in Deutschland so, dass man mit dem Essen solche Schwierigkeiten hat… Nein, es hat sich viel geändert in den letzten Jahren, inzwischen lässt sich auch in Deutschland sehr gut zu essen, es hat sich eine Kultur der guten heimischen Küche entwickelt, und man kann auch gute Produkte kaufen. Mehr möchte ich dann aber nicht sagen, denn ich möchte nicht als Chauvinist betrachtet werden (lacht) – aber zweifellos ist die hiesige Küche nicht der Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin.

Wie ist es denn um Ihre eigenen Kochkünste bestellt? Ihr Großvater war ja einer der berühmtesten Saucenkünstler von Lyon…

… was in Frankreich eine wichtige gesellschaftliche Position bedeutet. Für uns ist die Gastronomie wirklich eine Kunst, deshalb spielt das eine zentrale Rolle.

Sind Sie selbst denn von ihm auch beeinflusst worden?

Leider nicht – ich habe ein großes Interesse und ihn als Knabe mit Aufmerksamkeit beobachtet, denn mich hat dieses Talent und Handwerk wirklich fasziniert. Aber es fehlt mir einfach die Zeit, und da ich auch nicht so begabt bin, bereite ich zwar gern etwas zu, aber sehr bescheiden und extrem einfach.

Wenn Sie selbst kochen…

… ist das wirklich nichts dagegen. Ich bin da nicht unsensibel, aber mehr auf keinen Fall – leider … Ich habe Musikerkollegen in Frankreich, die wie Götter kochen und drei Tage lang ein Sonntag-Abendessen vorbereiten: Da glauben Sie, Sie äßen in einem Drei-Sterne-Restaurant!

15.Mai, 19 Uhr, Palais im Großen Garten, Karten (20-45 Euro): Tel. 0351/65606700

Von Christoph Forsthoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr