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Der ehemalige Sächsische Landeskonservator Gerhard Glaser wird 75

Der ehemalige Sächsische Landeskonservator Gerhard Glaser wird 75

Denkmalpflege ist Pflege des Lebensraumes. Das erfährt als erstes und auf ganz praktische Weise, wer die Homepage von Prof. Dr.-Ing. Gerhard Glaser anklickt. Zum Honorarprofessor war der frühere Sächsische Landeskonservator 1995 von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden berufen worden.

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Gesammeltes Wissen - Gerhard Glaser in seinem Arbeitszimmer.

Quelle: Marian Günther

Vielmehr als der Theoretiker aber ist der studierte Architekt (Promotion an der Technischen Hochschule Dresden über die Restaurierung und Rekonstruktion des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss mit Anpassung an einen Massenbesuch schon 1975!) ein Praktiker. So zeigt seine Internet-Visitenkarte das Gutsverwalterhaus aus dem 17. Jahrhundert in Großsedlitz als traurige Ruine und nach der denkmalgerechten Wiedergeburt. Die Gestaltung der Außenanlagen sei gerade erst fertig geworden, berichtet Glaser.

Eingezogen war die Familie schon im Jahre 2000. Doch was der Denkmalpfleger anpackt, entwickelt sich akribisch bis zur Vollkommenheit. Die Pflege des Lebensraumes, Erhaltung von Villen, Schlössern, Kirchen oder Umgebindehäusern bis hin zur Rettung ganzer Altstädte macht Gerhard Glaser an Personen fest. Am Willen der politisch Verantwortlichen und der privaten Eigentümer, damals im Sozialismus wie heute. "Mit Ausnahme von Zwickau ist es gelungen, alle historischen Zentren irgendwie über die DDR-Zeit zu bringen", resümiert er erfreut. Nach der Wende sei dann in Zwickau das fast nicht mehr zu rettende Schloss Osterstein wiederbelebt worden, und jetzt besteht sogar Hoffnung für das über 500 Jahre alte, verfallene Kornhaus.

Der Blick des Mannes, der von 1982 an 20 Jahre lang in zwei Systemen das Institut für Denkmalpflege (in Nachfolge von Hans Nadler) und spätere Landesamt geleitet hat, ist nicht auf Dresden fokussiert. Auch wenn hier für ihn vieles begann und sich die Wiederaufbauarbeit konzentrierte. Zweifelsohne war ein weiterer Schwerpunkt die Renaissancestadt Torgau, deren Ehrenbürger Glaser ist. Mit den dortigen Verantwortungsträgern war es ihm gelungen, das propagierte Wohnungsbauprogramm der DDR - bevorzugt Typenbauten - umzufunktionieren in die schrittweise Sanierung der historischen Altstadt. "Es hat richtig Spaß gemacht, in dieser Stadt zu arbeiten", sagt Glaser. Heute gehört er dort einem Beratergremium für den Umgang mit Schloss Hartenfels an und unterstützt die Bewerbung um den Welterbetitel. Die Erweiterung der Lutherstätten Eisleben und Wittenberg durch dieses Zentrum der Reformation ist in seinen Augen von größtem Gewicht unter den sächsischen Welterbekandidaten.

Gegen unwiederbringlichen Verlust

Torgau also war so ein Ort, wo die Weichen richtig gestellt werden konnten, wo Argumente gegen den unwiederbringlichen Verlust fruchteten, dem sich Glaser nicht beugen wollte. Die Leistungen des Amtes, nimmt sich der Ex-Landeskonservator zurück, seien immer nur daran zu messen, wie es gelinge, sich mit den Menschen zu verzahnen. Heute würde man von Netzwerken sprechen und die können so fein gesponnen sein, dass sie auch nach vielen Jahren nicht zerrissen sind. So war Glaser tief berührt, als ihm unlängst das frühere Hausmeisterehepaar im Ständehaus Rolf und Christa Becker eine sehr hohe Geldsumme zur Verwendung für ein Denkmal übergeben hat. Die Spende wird der Gedenkstätte Sophienkirche zugutekommen.

Noch viel länger zurück liegt die Zusammenarbeit von Peter Voß und Gerhard Glaser. Als sie sich an einem kalten Tag wiedertrafen, stand ihnen der eisige Winter 1962 vor Augen. Glaser war mit druckfrischem Diplom in die Zwingerbauhütte gewechselt und dort unter anderem als Bauleiter auch für die Sicherung der Schlossruinen verantwortlich. Voß war damals Tischlerlehrling. Bei minus zehn Grad half er im zerstörten Grünen Gewölbe das Schnitzwerk abzubauen und zu inventarisieren. Auch daran erinnert sich Glaser noch sehr genau. Diese Bergungsarbeiten unter schwierigen Bedingungen waren die Voraussetzung für die spätere Wiederherstellung des barocken Gesamtkunstwerks, die er als Architekt und Mitglied des Gestaltungsbeirates begleitet hat.

Viele der für die kulturhistorischen Bauten so wichtigen Spezialhandwerker haben ihren Anfang im VEB Denkmalpflege Dresden genommen. Glaser baute den Betrieb seinerzeit mit dieser Zielrichtung auf und leitete in den 1970er Jahren dessen Projektierungsatelier. So waren schon vor der Tätigkeit als Chef- und Landeskonservator die wesentlichsten Dresdner Denkmale vom Albertinum bis zur Semperoper teils planerisch, teils praktisch durch seine Hände gegangen. Die Baustelle Schloss verfolgt ihn bis heute.

Seit zehn Jahren ist er nun im Ruhestand. Eigentlich. Doch da war zuerst noch der Welterbe-Antrag Dresdner Elbtal sachlich zu begründen. Die Aberkennung des Titels kann er nicht nachvollziehen. Glaser blieb auch nach der Pensionierung Mitglied des Stiftungsrates der Frauenkirche, betreute Publikation und Ausstellung zur Frauenkirche im Landhaus und gehört heute noch dem Bauausschuss an. Im Residenzschloss kümmert er sich als freier Architekt gemeinsam mit Michael Athenstaedt um den Großen Schlosshof. In seiner Renaissancegestalt stellt dieser "Festsaal unter offenem Himmel" ein Geschichtsbuch dar, das dem Betrachter die kulturellen Wurzeln des Abendlandes nahebringt. Glaser sieht darin einen wesentlichen Schlüssel. Doch nach wie vor fehlt ein Achtel der Sgraffito-Fassaden. "Es ist sehr bedauerlich, dass es nicht weitergeht." So ist Glasers letzte Arbeit hier jetzt das Sortieren der Sandsteinplatten des Hofes.

Auch das Ausgelöschte nicht vergessen

Und schließlich die Busmannkapelle, der Gedenkort nicht nur an die abgerissene Sophienkirche, sondern an den Missbrauch von Macht. Von Beginn an hat er die Baubetreuung des Memorials übernommen. Sie ist ihm ein sehr persönliches Anliegen, um "Verluste und ihre Ursachen deutlich zu machen", auch zu zeigen "wie schmerzlich wenig uns geblieben ist". Als junger Architekt hatte Glaser versucht, den Abriss durch Flugblätter noch zu stoppen. Damals blieben die Bürger Verlierer. Nun setzen sie ein Zeichen, auch das Ausgelöschte nicht zu vergessen. Das ist ihm wichtig.

Seine Emotionen versteckt Glaser auch bei der Einschätzung dessen nicht, was in der Landeshauptstadt weniger gut bis schlecht gelungen ist: Die Überdachung des Kleinen Schlosshofes ist für Glaser ebenso wie die Nichtbebauung des Gewandhausgrundstücks am Neumarkt ein städtebaulicher Fehler. Auch erfreut ihn die "Kulissenarchitektur" des Neumarkts nicht. Er hätte lieber weniger, dafür komplett rekonstruierte Leitbauten gehabt, nennt aber mit dem British-Hotel oder der Schütz-Residenz inklusive Neubau auch positive Beispiele. Der Umbau des Kulturpalastes zum Konzertsaal sei keine gute Idee und die Beleuchtung auf dem Altmarkt missglückt. Das Gezerre um den notwendigen Abriss des zweiten Hochhauses am Terrassenufer bereitet ihm Sorgen. Das verfallende Schloss Übigau nennt er einen Skandal, gleichermaßen die Neugestaltung der Porzellansammlung. Das Palais im Großen Garten sollte mit dem Festsaal zu Ende gebracht werden, bevor die Meister für den Stuck ausgestorben sind. Und auch mit dem Albertinum hat er so seine Probleme. Auf jeden Fall sei die Umgestaltung ausstellungskonzeptionell und auch wirtschaftlich diskussionswürdig. Auch wenn er es nicht ausgesprochen hat, diese Mittel sähe Glaser wohl in der Vollendung des Schlosses besser aufgehoben. Zur Negativliste gehören unbedingt noch die vielen Discountermärkte, zum Positiven, an dem er selbst keinen Anteil mehr hatte, das gelungene Kurländer Palais.

Nur wenn alle zusammenwirken und auch die Stadträte wissen, was einer Stadt gut tut, funktioniere es. Gerhard Glaser, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, wird auch künftig seinen Teil zur Gestaltung von Lebensraum beitragen, sei es mit Rat oder praktischer Hilfestellung in Buchform wie der Publikation "Historische Putze", einer Anleitung zur Schaffung von Authentizität.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.02.2012

Genia Bleier

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