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Der aus Ungarn stammende Akos Doma wird Dresdens neuer Stadtschreiber / Morgen Antrittslesung

Der aus Ungarn stammende Akos Doma wird Dresdens neuer Stadtschreiber / Morgen Antrittslesung

"Wer ich bin? Ich bin Schriftsteller, das sind wir heute alle, ein verfolgter obendrein, auch das gehört dazu. Die meiste Zeit, wenn ich nicht gerade nichts tue, sitze ich und tue so, als würde ich schreiben.

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Akos Doma, ein Autor, der in beiden Sprachen zu Hause ist.

Quelle: Hubert Klotzeck/Rotbuch Verlag

Ein nutzloses Unterfangen. Aber indem ich sitze und nichts tue außer schreiben, verhelfe ich dem Nutzlosen zu einer gewissen Daseinsberechtigung." Dies lässt Akos Doma den Erzähler in seinem Debütroman "Der Müßiggänger" (2001) über sich sagen.

Für den Autor scheint dieses Bekenntnis nicht zuzutreffen. Der jedenfalls ist recht produktiv. Jahrelang ist er das zunächst als Übersetzer gewesen. Wer immer die Essays und Prosatexte der Ungarn László Földényi, Péter Nádas, Béla Hamvas oder Sándor Márai auf Deutsch liest, tut dies seit einigen Jahren in der Übersetzung von Akos Doma. Ein Autor, der in beiden Sprachen zu Hause ist. Seine Bücher schreibt er auf Deutsch.

Geboren ist er 1963 in Budapest. Seine Eltern flohen mit ihm aus dem Land. Erst nach Italien, dann nach England. Als 14-Jähriger schließlich ist er mit ihnen nach Deutschland gekommen, ins bayerische Amberg. Studiert hat er zunächst in München - Anglistik, Amerikanistik und Germanistik. Nach zwei Jahren wechselte er nach Eichstätt-Ingolstadt, an die katholische Universität. Hat dort als Literaturwissenschaftler promoviert, 1994. Über den Norweger Knut Hamsun (1859-1952) und den Engländer David Herbert (D. H.) Lawrence (1885-1930). Aus Eichstätt, wo Akos Doma heute lebt, kommt er jetzt für ein halbes Jahr an die Elbe, als neuer Dresdner Stadtschreiber.

Auffällig in seiner eigenen Prosa ist eine Vorliebe für Gestalten, die sich zurückziehen aus der Gesellschaft. Müßiggang ist eine Art des Aussteigertums, ein radikaler Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die aufs hyperaktive Ranklotzen fürs Wachstum setzt und Wohlstand über das Bruttosozialprodukt definiert.

Jener Müßiggänger von Akos Domas Romanerstling ist ein Philosophiestudent, der seinen Kontakt mit der Umwelt auf das Minimum beschränkt hat. Er ist anspruchslos, kauft sich nur das Allernötigste. Ein Konsumverweigerer, der seiner Ansicht nach deshalb auch nichts zerstört. Er selbst hat nur wenig zu bieten. "Wirtschaftlich und steuerpolitisch gesehen bin ich ein Totalausfall." Während die meisten versuchen, irgendwie Aufmerksamkeit zu erhaschen, am besten durch einen Auftritt im Fernsehen, zieht er sich in die Unauffälligkeit zurück, in die "totale Einkehr", wie er es nennt. Interessiert sich weder für die öffentliche Meinung noch Staat, Gesellschaft, Politik. Mit seinem Antihelden stellt er uns unter anderem die Frage: Wonach beurteilen wir einen Menschen - nach seiner Nützlichkeit?

Nachgerade programmatisch in diesem Sinne klingt der Titel seines jüngsten Buches: "Die allgemeine Tauglichkeit" (2011). Im Mittelpunkt stehen vier junge Männer, die in einem völlig heruntergekommenen Haus leben. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie durch kleine Einbrüche. Geld mit Arbeit zu verdienen, kommt für sie nicht in Frage. Denn Arbeitslosigkeit sei das höchste moralische Ziel, wie es einer von ihnen formuliert. Alle guten Leute seien arbeitslos. Schließlich sei es "ökonomisch widersinnig, etwas zu schaffen, was nicht benötigt werde".

Eines Tages aber tritt in ihr Leben ein Mann, der ganz anders denkt. Der glaubt, der Mensch beziehe sein Selbstbewusstsein aus Arbeit. Die bestehe nicht nur darin, überflüssige Dinge zu produzieren, es gebe auch sinnvolle Tätigkeit. Und der schafft es, die vier Konsum- und Arbeitsverweigerer in Bewegung zu bringen. Sie entdecken, dass jeder auf seine Weise etwas kann, und bauen die Bruchbude zu einer Pension aus. Das allerdings erzählt Akos Doma als schwarzhumorige Gaunerkomödie.

Für das Buch hat er im Mai den Chamisso-Förderpreis der Bosch-Stiftung bekommen. Laudator György Dalos lobte: "Domas Humor, besonders in den umgangssprachlichen Dialogen und der Milieubeschreibung, hätte eine besondere Würdigung verdient." Ein Humor, in dem sich Ungarisches mit Amerikanischem verbinde. Akos Doma möchte, wie er bei der Preisverleihung bekundete, unseren Blick weiten: Zu Europa gehörten auch Länder wie Rumänien oder die Ukraine. "Da werden noch zu viele Feindbilder aufrechterhalten."

Wie ihm auch die Diskussion über den politischen Rechtsruck in Ungarn im vergangenen Jahr bewies. In einer Polemik in der Süddeutschen Zeitung hat er kritisiert, bei dieser Diskussion werde zu wenig die katastrophale wirtschaftliche Lebenslage der Menschen berücksichtigt. Und hat in punkto Demokratie eine Erkenntnis ausgesprochen, die auf ganz Osteuropa, Ostdeutschland inklusive, zutrifft: "Eine Freiheit, die mit dem Verlust von Arbeit, Gemeinschaft, Solidarität und sozialer Sicherheit bezahlt wird, wird keine stabile sein."

Nachdenkenswert ist, wie er das gängige Argumentationsmuster - totalitäre Vergangenheit unter kommunistischer Herrschaft gleich Demokratiefeindschaft - durchbricht: "Verständlich wird die Radikalisierung in Ungarn und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks, aber auch der Dritten Welt, nur im globalen Zusammenhang. Als soziale Auswirkung eines von demokratischen und ökologischen Regulativen weitgehend losgelösten, dem Anschein nach systemimmanent defekten neoliberalen Finanz- und Wirtschaftssystems, das sich in seiner jetzigen Form zunehmend als ebenso unreformierbar erweist, wie es der Kommunismus gewesen ist."

Akos Doma: Der Müßiggänger. 349 S., 22,50 Euro. Die allgemeine Tauglichkeit. 270 S., 18,95 Euro. Beide im Rotbuch Verlag.

Antrittslesung am Donnerstag, 19.30 Uhr, Villa Augustin (Albertplatz / Antonstr. 1)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.07.2012

Tomas Gärtner

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