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Der alte Mann am Klavier und Ice Cream im Posaunenrohr: Paul Kuhn und Chris Barber bei den Jazztagen Dresden

Der alte Mann am Klavier und Ice Cream im Posaunenrohr: Paul Kuhn und Chris Barber bei den Jazztagen Dresden

Mit vierundachtzig in den Ruhestand? Doch nicht Paul Kuhn, die mit Prei- sen für das Lebenswerk geehrte Swinglegende. Paulchen war erst siebzehn, als ihn der Jazzvirus befiel und zur Quetschkommode greifen ließ.

Hernach war alles im "Eimer", dem Wiesbadener Weinlokal, das er für einen siebenjährigen Besuch im Konservatorium wieder verließ. Zeitgleich und danach war er bereits "der Mann am Klavier" eines Trios, Starpianist in wechselnden Bands, die im Rundfunk zu hören waren. Bald hieß es im Fernsehen "Hallo Paulchen!". Dieses wagte Mitte der fünfziger Jahre einen Seitensprung zum Schlager und behauptete "Auf meinem Konto steht das Komma zu weit links" (1956). Als Chef der Bigband vom Sender Freies Berlin bis 1980 und als rastloser Entertainer auf allen Kanälen und Show-Bühnen war es Piano-Paule gelungen, nicht zuletzt mit seinen Bierliedern das Komma zeitweilig nach rechts zu rücken. Um 1990 kehrte der Allrounder reumütig zurück zu den Wurzeln und begann erneut im Trio zu swingen.

Als der Gast zu den gegenwärtig laufenden Dresdner Jazztagen die Bühne im Societaetstheater betrat, unbeholfen, "fast blind und mit schwachem Herz", kamen Bedenken auf, ob sich der Altstar auf den Tasten seines Flügels noch zurechtfinden würde. Mit den ersten Jazzakkorden und rasanten Fingerläufen wurden sie zerstreut. Virtuos und lässig zelebrierten Kuhn und seine Partner, Willy Ketzer am Schlagzeug und Martin Gjakonovski am Bass, hohe Jazzkultur. Sie mieden Mainstream, verzichteten auf Anspielungen an Kuhns Schlagerzeit. Dafür erklangen eigene Kompositionen wie die Hommage auf den vor Jahren verstorbenen Johnny Griffin, den "schnellsten Saxophonisten der Welt", der wie Kuhn mit "Bingen swingt" seine Zeit am Rhein hatte.

Kuhns Stimme ist unverbraucht angenehm und sein Witz noch immer zündend, wenn er einen Titel im A-cappella-Scat mit einem "Haben Sie schon zu Abend gespeist" ausklingen lässt. Der Meister beherrscht sein Instrument wie in jungen Jahren, nahezu unglaublich ist sein musikalisches Gedächtnis. Das Publikum geriet in Ragte, ertrampelte sich mehrere Zugaben mit einem "As Time Goes Bye" als Abschied auf Zeit.

Er ist wieder hier, ohne Ball und Bilk, aber mit Beck, dem Drummer, und den anderen Könnern sei- ner Big Band. Christopher Donald Barber (82) ist auf "60 Jahre Jubiläumstour" und machte in der "Comödie" Station, die längst ausverkauft war für diese Sternstunde von Blues und Swing. Was Wunder, schließlich sollte da ein Heiliger einmarschieren, der erfolgreichste Jazzmusikus aller Zeiten, der seit 1950 etwa 15 000 Konzerte gegeben und 260 Scheiben (verschiedene) verkauft hat, die Stones mit ins Rollen und die Beatles angeregt hat.

Das Publikum, dem Big Barber seit Jahrzehnten auch aus dem Dresdner Dixieland bekannt ist, begab sich sogleich umjubelt auf die "Bourbon Street", wo die neun Solisten zur Parade angetreten waren und den selten gewordenen Big Band Sound in Vollendung zelebrierten

Im gleitenden Wechsel der Formationen, von der großen Besetzung über das Sextett und Trio zum Solo auf verlassener Bühne, sorgte der dezent im Hintergrund agierende Chris Barber für musikalische Vielfalt und Präsentation seiner durchweg hervorragenden Solisten. Aus ihrer Mitte ragte noch Bert Brandsma hervor, der Klarinettist, der sich mit "Fats" Wallers "Wild Cat Blues" und Sidney Bechets "Petite Fleur" in die Herzen des Publikums spielte. Und Bob Hunt musste seine Posaune nicht vor dem Meister verstecken, während Saxlady Amy Roberts in der Männer-mannschaft beherzt mitspielte. Erfrischend moderne Arrangements wenig gängiger Titel und immer wieder faszinierende Blueskompositionen wie Ken Colyers "Going Home Blues" gaben dem Konzert das Gepräge.

Das an Jahren gestandene Publikum ging begeistert mit und wurde mit der Zugabe einer musikalisch leckeren Portion "Ice Cream" belohnt. Mit der Zusage für ein Konzert der drei großen britischen "B" im August des kommenden Jahres verließ es zufrieden die ungewöhnliche, aber angenehme Spielstätte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2012

Siegfried Thiele

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